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Freitag, 11.08.2017

Wenn der Bach ins Schlafzimmer kommt

In Oelsa hat die Flut der Seltenrein die meisten Bewohner im Schlaf überrascht. An anderer Stelle sind nun Kinder traurig.

Von Markus van Appeldorn

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Mit vereinten Kräften wuchten Wehrmänner der Freiwilligen Feuerwehr Löbau zwei Granitblöcke aus dem Bachlauf der Seltenrein. Das Hochwasser nach dem Unwetter hatte die Steine mitgerissen, bis sie in Oelsa den Durchfluss blockierten.
Mit vereinten Kräften wuchten Wehrmänner der Freiwilligen Feuerwehr Löbau zwei Granitblöcke aus dem Bachlauf der Seltenrein. Das Hochwasser nach dem Unwetter hatte die Steine mitgerissen, bis sie in Oelsa den Durchfluss blockierten.

© rafael sampedro

Anwohner Fritz Reuter aus Oelsa zeigt, wie hoch das Wasser in seiner Garage gestiegen ist. Er konnte gerade noch sein Auto retten.
Anwohner Fritz Reuter aus Oelsa zeigt, wie hoch das Wasser in seiner Garage gestiegen ist. Er konnte gerade noch sein Auto retten.

© Markus van Appeldorn

Schmutzig braun fließt die Seltenrein am Morgen noch durch ihr gemauertes Bachbett im Löbauer Ortsteil Seltenrein. Das Farbindiz für die Vorkommnisse der vorangegangenen Stunden. Der Wasserspiegel sinkt. Doch Fritz Reuter weist mit der Hand auf eine dunkle, feuchte Linie in seiner Garage. Sie verläuft auf etwa einem halben Meter Höhe. Alles, was er unterhalb dieser Linie in seiner Garage gelagert hatte, ist nun Müll. Viel ist es nicht, aber schwer: „Zwei Säcke Zement. Das ist natürlich doof“ sagt er. „Mein Auto konnte ich um drei Uhr nachts gerade noch aus der Garage vor den Fluten retten.“

Fritz Reuter wohnt mit seiner Frau direkt am Bachlauf der Seltenrein im Löbauer Ortsteil Oelsa. Mit der Familie Jenny und Marcel Herbrich von der anderen Bach- und Straßenseite bildet er nicht nur eine gute Nachbarschaft, sondern auch eine Schicksals- und Alarm-Gemeinschaft. In der Nacht zum Donnerstag kam der kleine Bach wieder mal mit Wucht durch Oelsa.

Das heftige Gewitter und der damit einhergehende Starkregen hatten die Seltenrein im Oberlauf über die Ufer treten lassen. „Bei so einem Regen dauert das zehn Minuten, dann kommt hier die Suppe die Straße runter“, berichtet Marcel Herbrich. Problematisch, wenn‘s mitten in der Nacht kommt. Fritz Reuters Frau hatte das Drama gegen drei Uhr als erste wahrgenommen. Sofort rief sie ihre Nachbarn an. Die Herbrichs konnten noch ihre Möbel vor der Flut retten, die bis in ihr Schlafzimmer im Erdgeschoss vordrang. In ihrem Garten riss ein Nebenbach einen Steg weg, der von ihrem Carport an der Straße in ihren Garten führt. „Hier ist der Durchfluss viel zu schmal für diese Wassermengen“, sagt Marcel Herbrich.

Zusätzlich dramatisch wurde die Lage in der Nacht auch für Fritz Reuter. Die Seltenrein hatte zwei gewaltige Basaltquader im oberen Bachlauf mitgerissen. Die verkeilten sich nun unter dem Zugang zu seinem Haus und stauten den Bach zusätzlich auf. Erst gegen 11 Uhr am Vormittag des Donnerstag gelang es der Feuerwehr bei abnehmendem Pegel, diese Quader zu bergen. Mit Seilen und viel Muskelkraft. Über 100 Kilo wog jeder der Brocken. Ein gefährliches Hindernis im Bach, denn auch für den Nachmittag und die Nacht zum Freitag war wieder Starkregen gemeldet. Weitere Einsätze fuhr die Freiwillige Feuerwehr Löbau auch im weiteren Verlauf der Seltenrein im Ortsteil Altlöbau. Dort hatte der Starkregen Schlamm-Massen von den oberhalb der Straße liegenden Feldern auf die Fahrbahn geschwemmt.

In Großschweidnitz erwischte es ausgerechnet den Feuerwehrkommandanten Maik Schaffhauser. Sein Grundstück grenzt direkt an eine Brückenbaustelle in der Ernst-Thälmann-Straße. Wegen der Brückensanierung ist das Löbauer Wasser hier verrohrt. „Gegen 2.30 Uhr konnten die beiden Rohre die Wassermassen nicht mehr aufnehmen“, sagt Schaffhauser der SZ. Der Bach überschwemmte daher sein Grundstück. Mit 18 alarmierten Wehrmännern habe er stundenlang Sandsackbarrieren verlegt und kann einen Erfolg melden: „Es ist in kein Haus Wasser eingedrungen.“ Die Gefahr aber bleibt. „Das Problem ist das Schwemmgut“, sagt er. Das nämlich hat die beiden Rohre verstopft. Bisher sei es nicht gelungen, die Rohre komplett freizubekommen, sagte Schaffhauser der SZ am Donnerstagnachmittag.

Regelrecht abgesoffen ist auch das Spielzimmer in der Asylbewerberunterkunft in der Georgewitzer Straße in Löbau. Durch das Spielzimmer verläuft ein Fallrohr, das Wasser aus den Regenrinnen in den Gulli abführt. Das Rohr platzte unter der Belastung der Wassermassen und setzte das Spielzimmer zentimeterhoch unter Wasser. Viele Kinder in der Unterkunft sind jetzt traurig, weil das Wasser zwei Spielteppiche und rund 100 Plüschtiere unwiederbringlich zerstörte. „Die kann man nicht mehr reinigen, die sind einfach nur Schrott“, sagt Joachim Herrmann, der sich als Kreisvorsitzender des Arbeitslosenverbandes zusammen mit Heidi Fischer vom Frauenring für das Spielzimmer engagiert. „Ich wasche gerade noch Puppenkleidung“, sagt Heidi Fischer. Aber für viel Spielzeug, zum Beispiel auch Puzzles aus Pappe, gab es keine Rettung.

Weil alle Spielsachen gespendet waren, haben sie so gesehen keinen wirtschaftlichen Wert. Aber es sei eben schwer, sie wiederzubeschaffen. Joachim Herrmann und Heidi Fischer bitten die Löbauer nun um erneute Spielzeugspenden für die Gemeinschaftsunterkunft. „Die Kinder lernen beim Spielen hier auch spielerisch Deutsch“, erklärt er den besonderen Wert des Spielzimmers für die Integration. Insbesondere wünscht sich Heidi Fischer neue Spielteppiche und Stapelkisten, in denen man Spielzeug künftig sicher lagern kann.

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