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Freitag, 13.10.2017

Weltvermesser in Meißen

Naturforscher Alexander von Humboldt und Mathe-Ass Carl Friedrich Gauß treffen im Theater aufeinander. Es ist eine Premiere.

Von Peter Anderson

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Nix da altbackenes Theater. Mathe-Ass Gauß entwickelt seine Osterformel, bei der dem Zuschauer in Meißen schwindlig wird, auf einer virtuellen Schultafel.
Nix da altbackenes Theater. Mathe-Ass Gauß entwickelt seine Osterformel, bei der dem Zuschauer in Meißen schwindlig wird, auf einer virtuellen Schultafel.

© Claudia Hübschmann

Bitte still halten. Jedes Mal, wenn die Miene von Grian Duesberg, alias Carl Friedrich Gauß, sich wieder verzieht, muss in der Maske nachgearbeitet werden. Dabei tickt die Uhr zur Kostümprobe.
Bitte still halten. Jedes Mal, wenn die Miene von Grian Duesberg, alias Carl Friedrich Gauß, sich wieder verzieht, muss in der Maske nachgearbeitet werden. Dabei tickt die Uhr zur Kostümprobe.

© Claudia Hübschmann

Pop-Art im Meißner Theater. Vielleicht der Anfang einer neuen Tradition? Die erste Premiere seit längerer Zeit in Meißen könnte den Grundstein für ein beständiges Engagement der Landesbühnen legen.
Pop-Art im Meißner Theater. Vielleicht der Anfang einer neuen Tradition? Die erste Premiere seit längerer Zeit in Meißen könnte den Grundstein für ein beständiges Engagement der Landesbühnen legen.

© Claudia Hübschmann

Höchste Konzentration bei der Technik. Mit Hilfe verschiedener Projektionen auf der Bühne wird die Geschichte des Treffens von Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß unterhaltsam erzählt.
Höchste Konzentration bei der Technik. Mit Hilfe verschiedener Projektionen auf der Bühne wird die Geschichte des Treffens von Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß unterhaltsam erzählt.

© Claudia Hübschmann

Meißen. Die Szene erinnert an alte Zeiten. Meißens Theater brummt wie ein Bienenkorb. Frank-Uwe Wolf eilt mit einem Bund Möhren zur Bühne. Er zeichnet für die Requisiten bei der „Vermessung der Welt“ nach dem Roman von Daniel Kehlmann verantwortlich. Wofür nur die Möhren benötigt werden?

Bei der Maske wird die Tür geschlossen. Bitte nicht stören. Während des Schminkens bleiben Zeitungs- und Fernsehredakteure draußen. Nichts kann schlimmer sein, als wissbegierige Journalisten. Bei jeder Antwort auf die Fragen verzieht der Schauspieler das Gesicht, setzt eine neue Miene auf. Die Maskenbildnerin kann ihre Arbeit von vorn beginnen. Auch wenn heute nur die Hauptprobe zur Premiere am Sonnabend, 19.30 Uhr, stattfindet,

Gelegenheit für einen Szenenwechsel. Sprecherin Petra Grubitzsch spielt den Lotsen. Die Treppe hinunter. Im Erdgeschoss sitzt die Meißner Theaterchefin Ann-Kristin Böhme. Gegen zwei Uhr am Nachmittag findet sie Gelegenheit für einen Happen zum Mittag. Wer sitzt neben ihr? Vorgängerin Renate Fiedler steht der Scharfenbergerin zur Seite. Vor der Premiere ist nach der Premiere. Hier werden schon die nächsten Pläne geschmiedet. Der Sitzplan für die kommenden Burgfestspiele muss festgezurrt werden. „Es ist total schön, all die Theaterleute hier für zwei Wochen im Haus zu haben“, sagt Ann-Kristin Böhme. Das Gewimmel strahlt durch die dicken Wände des alten Gewandhauses hindurch in die Altstadt. Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen, und jedermann erwartet sich ein Fest.

Der Countdown läuft. Noch eine halbe Stunde, bis der Inspizient zur Bühne ruft. Der Regisseur und Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters Bautzen Lutz Hillmann findet etwas Ruhe im Foyer. An einem der roten Stehtische ergibt sich die Gelegenheit zum Gespräch. Keine leichte Aufgabe hat der erfahrene Theatermann in den letzten Wochen zu schultern gehabt. „Als Jungspund bin ich in den 80er Jahren hier im Theater Meißen gewesen“, sagt er. Nun die Rückkehr mit dem Stück zum Buch, zum Film. Wie geht das? Wie erarbeitet man mit all diesen Bildern im Kopf ein Theaterstück? „Das Buch und der Film haben ja mit ihren Mitteln eine sehr tiefe Wirkung auf Leser und Zuschauer ausgelöst“, sagt der der Bautzener. Für das Theater habe er nach geeigneten Instrumenten gesucht, um mit der Fassung von Dirk Engler ähnliche Effekte zu erzielen. Projektionen analog zur Laterna Magika in Prag sind ein Weg. Der virtuelle, kleine Knabe Gauß überreicht seine in Nullkommanichts gelöste Rechenaufgabe dem realen Lehrer. Der halbstarke Gauß erläutert seine Osterformel dem Herzog von Braunschweig auf einer virtuellen Tafel. Der olle Dichterfürst Goethe gibt seinen Senf ebenfalls von der Leinwand hinzu. Das Wechselspiel hat das Zeug dazu, sich zu einem Renner für Familien zu entwickeln.

Vor dem Hintereingang des Theaters stehen die früh gealterten Hauptdarsteller. Lampenfieber zur Kostümprobe. Schauspieler Michael Berndt-Cananá kann nicht mehr stillhalten. Er geht in die Knie, streckt die Arme. Vielleicht ist das die Energie des Alexander von Humboldt, eines der letzten Universalgelehrten, der auf seiner Amerika-Expedition in jedes Erdloch gekrochen war und mehr Beeren gekosten und Bäume erklettert hatte, als sich irgendjemand zuvor hätte vorstellen können? Schauspieler Grian Duesberg hat sich schon halb in den alten Gauß verwandelt. Unter der grauen Perücke sind die rebellischen schwarzen Locken glatt geworden. Ein Mann allein am Schreibtisch. Ein Blatt Papier vor sich, allenfalls noch ein Fernrohr, vor dem Fenster der klare Himmel. Ja, das kann sehr gutes Theater werden.