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Donnerstag, 14.09.2017

Was Afrikaner in die Arme von Terrorgruppen treibt

Eine Uno-Studie kommt zu überraschenden Erkenntnissen: Schuld ist auch das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte.

Von Johannes Dieterich, SZ-Korrespondent in Johannesburg

Was vielen Angst macht, wirkt auf manche Afrikaner anziehend: Al-Schabab-Kämpfer in Somalia.
Was vielen Angst macht, wirkt auf manche Afrikaner anziehend: Al-Schabab-Kämpfer in Somalia.

© ap

Der Kampf von Regierungen gegen islamistische Extremistengruppen trägt entscheidend dazu bei, dass sich viele junge Afrikaner solchen Organisationen überhaupt erst anschließen. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommt eine bislang einzigartige Umfrage unter mehr als 500 ehemaligen oder verhafteten Mitgliedern von Extremistengruppen, die das Uno-Entwicklungsprogramm UNDP in den vergangenen drei Jahren durchführte. Der Studie zufolge bezeichneten mehr als 70 Prozent der Befragten etwa die Verhaftung oder Tötung eines Bekannten, Freundes oder Familienmitglieds durch die Sicherheitskräfte als Auslöser, dass sie sich von einer extremistischen Organisation rekrutieren ließen. „Paradoxerweise führt in der Mehrheit der Fälle eine Regierungsaktion dazu, dass Individuen in den gewaltsamen Extremismus gestoßen werden“, heißt es in der jetzt unter dem Titel „Reise in den Extremismus“ veröffentlichten Studie. Menschenrechtsorganisationen werfen den nigerianischen und kenianischen Sicherheitskräften schon seit Langem vor, Jugendliche mit ihrem brutalen Auftreten in die Hände der Boko-Haram-Miliz beziehungsweise al-Schababs zu treiben. Uno-Schätzungen zufolge starben in den vergangenen sechs Jahren mindestens 33 000 Afrikaner in Konflikten mit islamistischen Extremisten, vor allem in Nigeria und Somalia.

Während die harsche Reaktion der Sicherheitskräfte in den meisten Fällen der Auslöser für einen Beitritt ist, sind die latenten Gründe für die Unzufriedenheit offenbar woanders zu suchen. In dieser Hinsicht seien Arbeitslosigkeit und das Urteil über staatliche Autoritäten als korrupt und am Wohl der Bevölkerung desinteressiert als wichtigste Ursachen zu nennen, heißt es in der Studie. 83 Prozent der Befragten glaubten, dass die jeweilige Regierung nur den Interessen einer kleinen Minderheit diene, während 75 Prozent weder dem staatlichen Sicherheitsapparat noch den Politikern vertrauten. „Die meisten Rekrutierten kommen von Randgebieten, die bereits seit Jahrzehnten vernachlässigt wurden und von der wirtschaftlichen Tätigkeit abgeschnitten sind.“

Überraschend sind die Ergebnisse der Studie auch hinsichtlich der religiösen Motivation eines Beitritts zu Extremistengruppen. „Wer sich einer solchen Organisation anschließt, hat meist keine religiöse Ausbildung genossen und versteht die Bedeutung religiöser Texte höchstens mangelhaft“, heißt es in der Studie. Obwohl mehr als die Hälfte der Befragten Religion als einen der Gründe für ihren Beitritt angaben, räumten 57 Prozent gleichzeitig ein, gar keine religiösen Texte zu lesen oder diese nicht wirklich zu verstehen. Umgekehrt kann eine religiöse Ausbildung sogar als Bollwerk gegen die Anziehungskraft des Extremismus dienen: Statistisch gesehen sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Jugendlicher nach einer sechsjährigen Ausbildung in einer Koranschule einer radikalen Gruppe anschließt, nach den UNDP-Berechnungen um in Drittel.

Anders als in Europa erfolgt die Rekrutierung afrikanischer Jugendlicher meist nicht übers Internet, sondern von Person zu Person. 80 Prozent der Befragten schlossen sich innerhalb eines Jahres nach dem ersten Kontakt mit einer radikalen Gruppierung den Extremisten an, die Hälfte von diesen sogar innerhalb eines Monats. Als Gefühle waren für den Beitritt offenbar Hoffnung oder Aufregung ausschlaggebend, dicht gefolgt von Wut, Rachegelüsten oder auch Angst.

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