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Freitag, 13.10.2017 Perspektiven

Warum hat es zeitgenössische Kunst in Dresden so schwer?

Von Axel Bauer

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Die Arbeiten im Mosaiksaal des Albertinums wurden von der GMKD erworben: Dan Grahams „Pavilion with Chinese Moon Gates“ (Modell, vorn) von 1991 und Olaf Holzapfels Holzobjekt „Zwei Brücken“ aus dem Jahr 2015.
Die Arbeiten im Mosaiksaal des Albertinums wurden von der GMKD erworben: Dan Grahams „Pavilion with Chinese Moon Gates“ (Modell, vorn) von 1991 und Olaf Holzapfels Holzobjekt „Zwei Brücken“ aus dem Jahr 2015.

© Axel Bauer

Axel Bauer, Rechtsanwalt, geboren 1946, kam 1993 von Hamburg nach Dresden und gründete 1994 mit dem damaligen Direktor der Galerie Neue Meister, Ulrich Bischoff und Menschen aus Ost und West die Gesellschaft für Moderne Kunst in Dresden e. V.
Axel Bauer, Rechtsanwalt, geboren 1946, kam 1993 von Hamburg nach Dresden und gründete 1994 mit dem damaligen Direktor der Galerie Neue Meister, Ulrich Bischoff und Menschen aus Ost und West die Gesellschaft für Moderne Kunst in Dresden e. V.

© privat

In seinem Perspektiven-Beitrag „Wende an den Wänden“ kritisierte Paul Kaiser, Kunstwissenschaftlicher und Experte für die Kunst der DDR, dass die Dauerausstellung des Dresdner Albertinum permanent umgeräumt wird und dabei sukzessive die ostdeutsche Kunst aus der Zeit zwischen 1945 und 1989 im Depot verschwindet. Hilke Wagner, die Direktorin des Albertinum, entgegnete darauf (SZ vom 26. September). Eduard Beaucamp, Kunstkritiker der FAZ, beklagte eine „West-deutsche Blockade“ (SZ vom 28. September). Axel Bauer nimmt nun als langjähriger Vorsitzender der Gesellschaft für moderne Kunst in Dresden dazu Stellung:

Paul Kaiser hatte in seinem Beitrag unter dem Titel „Wende an den Wänden“ kritisiert, dass im Albertinum nicht genügend Kunst aus der Zeit der DDR präsentiert werde. Er hat in der Überschrift pointiert behauptet, das Albertinum entsorge systematisch und gezielt „die ungeliebte Kunst aus der DDR ins Museumsdepot“. Die Direktorin des Albertinums seit 2014, Hilke Wagner, hatte dazu unter dem Titel „Was zählt, ist die Kunst selbst“ erwidert. Eduard Beaucamp unterstützt die Position von Herrn Kaiser und beklagt etwas genereller, dass eine „westdeutsche Kunstblockade“ an „einer von West nach Ost gebauten Sperrmauer“ festhalte, die auch die bedeutendsten ostdeutschen Künstler bis heute „gnadenlos ausgrenze“. Er erwähnt dabei vor allem Mattheuer und Tübke.

Ich möchte dazu beitragen, die Diskussion zu versachlichen. Vorab zur Einordnung: Ich bin langjähriger Vorsitzender der Gesellschaft für Moderne Kunst in Dresden e. V. (GMKD), die 1994 als Förderverein für die Galerie Neue Meister gegründet wurde. Die GMKD unterscheidet nicht danach, wo man herkommt und welche kunstinteressierte Historie man hat. Sie interessiert sich für moderne Kunst. Vorausgeschickt sei weiter, dass die GMKD keinen Einfluss darauf hat, was im Albertinum ausgestellt wird und was nicht.

Das Albertinum als Museum der Kunst von der Romantik bis zur Gegenwart deckt im zeitlichen Anschluss an die Galerie Alte Meister einen Zeitraum von etwa 1800 bis heute ab. Es präsentiert die in dieser großen Zeitspanne entstandene Kunst mit den Schwerpunkten Romantik, Impressionismus, Expressionismus, Neue Sachlichkeit, Nachkriegskunst bis hin zur Gegenwartskunst. Zudem beherbergt das Albertinum große Bestandsgruppen der Skulptur seit der Antike, die erst ab 2019 sukzessive neue Aufstellungsorte finden. Die Bestände der Galerie Neue Meister hatten erhebliche Lücken. Diese waren politisch gerissen worden, sei es durch die Aktionen „Entartete Kunst“ der Nationalsozialisten in Dresden seit 1933, sei es zu Zeiten des Sozialismus, in der die Kunstentwicklung weitgehend isoliert von der Kunstentwicklung der westlichen Welt erfolgte. Es war eine hervorragende Aufgabe der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die zwischen 1933 und 1989 entstandenen Lücken punktuell aufzufüllen. Zu schließen waren sie angesichts der Entwicklung der Kunstpreise nicht mehr. So ist es gelungen, einige bedeutende Werke aus der Zeit des Expressionismus, die dem Terror der entarteten Kunst anheimgefallen waren, wieder für das Museum zu erwerben. Auch Nachkriegskunst einschließlich Kunst aus der DDR-Zeit und Nachwendekunst wurde erworben.

Das Albertinum hat ein Raumproblem, das auch von den Kritikern von Hilke Wagner nicht in Abrede gestellt wird. Die ständige Ausstellung im 2. Obergeschoss des Albertinums hat nur einen beschränkten Platz. Der Flügel, der früher das Grüne Gewölbe beherbergte, steht nur für Sonderausstellungen zur Verfügung, z. B. Klee/Slevogt, die „Italischen Himmel“, „Dahl und Friedrich“, „geteilt|ungeteilt“ und aktuell die Ausstellung zur Subkultur der 1980er-Jahre in West- und Ostdeutschland, die gerade in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hochgelobt wurden. Hier konnten aber auch hervorragende Präsentationen von Arbeiten von Taryn Simon (die nur durch eine Sonderspende der GMKD möglich wurde) und Rosa Barba aus dem Bereich der zeitgenössischen Kunst gezeigt werden. Soweit man nicht die Position vertritt, dass die Präsentation der Kunst von der Romantik bis zu den herausragenden Arbeiten von Otto Dix und Curt Querner gekürzt oder komprimiert werden sollte, um Platz für Kunst aus der DDR-Zeit zu schaffen, stehen nur vier bis fünf Räume für die Nachkriegskunst einschließlich moderner und zeitgenössischer Kunst zur Verfügung.

Es ist Aufgabe der Galerie Neue Meister im Albertinum, die Kunst und Kunstentwicklung von dem Beginn der Romantik bis heute – und vielleicht bis morgen – zu repräsentieren. Mit fortschreitendem Zeitablauf wird sich daher das Raumproblem eher verschlimmern als verbessern. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das oft geforderte eigenständige Museum für zeitgenössische Kunst wäre keine Lösung. Selbst wenn es finanzierbar wäre, fehlt es derzeit an Beständen, die dieses rechtfertigen würden. Solange das Raumproblem fortbesteht, wird es Konkurrenz zwischen Vertretern der Nachkriegskunst und zunehmend der zeitgenössischen Kunst geben. Diese Konkurrenz kann nur dadurch gelöst werden, dass interessante und spannende Ausstellungskonzepte entwickelt werden. Dies ist eine der vornehmsten Aufgaben der jeweiligen Direktorin bzw. des Direktors des Hauses, die bzw. der sich vor allem gegenüber den Besuchern einem offenen Dialog stellen müssen. Der Dialog darüber muss aber sachlich und nicht polemisch geführt werden.

Dieses Verständnis der Aufgabe der Leitung des Albertinums und ihrer Sicht auf die Kunst mag man teilen oder auch nicht. Man kann das auch so empfinden, dass ein frischer Wind durch das ehrwürdige Haus zieht, den der eine oder andere erwartet, auch um ein jüngeres Publikum anzuziehen, das für Kunst erst noch gewonnen werden will. Zeitgenössische Kunst muss nicht jedermann gefallen, aber nehmen andere bedeutende Museen darauf Rücksicht? Ist es nicht Zeit, nach vorne zu schauen und sich auch der Gegenwart und der Zukunft zuzuwenden?

Auch dabei sollte Kunst, die vor der Wende entstanden ist, angemessen repräsentiert werden, was bisher auch immer der Fall war und gerade zurzeit der Fall ist. Es müssen aber zwangsläufig Schwerpunkte gesetzt werden, und ein Schwerpunkt ist derzeit (noch bis 15. Oktober) die Präsentation von Arbeiten aus dem Schaffen von Karl-Heinz Adler anlässlich seines 90. Geburtstages, die einen herausragenden Überblick über seine Kunst vor und nach der Wende gibt. Ist die Klage von Herrn Beaucamp diskutabel, dass Gerhard Richter, einem der herausragenden zeitgenössischen Künstler, der in Dresden geboren wurde, zwei Räume gewidmet sind, um die man das Museum in der gesamten Welt beneidet? Und warum wird nicht beklagt, dass derzeit Werke so bedeutender Künstlerinnen und Künstler wie Antes, Baselitz, Geiger, Götz, Graubner, Havekost, Loy, Nay, Polke, Rauch, Scully und von vielen anderen nicht an den Wänden zu sehen sind, übrigens keineswegs alle aus dem Westen? Wurden diese in das Depot „entsorgt“? Nein, auch sie können nicht alle ständig gezeigt werden.

Wir glauben, dass es notwendig ist, etwas für die moderne Kunst in Dresden zu tun, die Bürger dafür zu interessieren, ihnen Beispiele dafür zu präsentieren und sie zu einer Auseinandersetzung zu animieren. Beide Positionen, die von Herrn Kaiser und die von Herrn Beaucamp, lassen eine Auseinandersetzung über eine viel wesentlichere Lücke in den Beständen und der Präsentation des Museums vermissen, nämlich die der modernen und zeitgenössischen Kunst. Muss man nicht auch beklagen, dass es einem Museum von dem Rang der Galerie Neue Meister im Albertinum an vielen herausragenden Werken moderner und zeitgenössischer Kunst fehlt?

Muss sich nicht die Anstrengung auch weiter darauf richten, diesen Anschluss zu schaffen? Es kann nicht richtig sein, dass die Präsentation von Kunst in diesem Museum an der Wende endet. Erwerbung und Präsentation haben sich an der Kunst zu orientieren. Dabei sollte man gelegentlich auch nach vorne blicken. Traditionell und professionell obliegt diese oft sehr schwierige Einschätzung dem jeweiligen Direktor des Museums und dessen Team. Ob man bei Erwerbungen immer richtig liegt, muss die Zukunft erweisen. Die Präsentation muss sich in der Gegenwart messen lassen, aber keinem Zeitgeist folgen.

Warten wir doch einfach einmal ab, wie die neue Präsentation von Hilke Wagner aussehen wird, wenn die ausgeliehenen Arbeiten – angefragt werden nur die besten – zurückkommen und durch den Auszug der klassischen Skulpturen in den Zwinger mehr Raum entsteht.

Wir glauben, dass es an der Zeit ist, darüber zu diskutieren, warum die zeitgenössische Kunst in Dresden eine so geringe Akzeptanz findet, komme sie nun aus Ost oder West. Die gemeinsame Aufgabe muss es sein, dem Albertinum als dem herausragenden Ort für moderne Kunst die Anerkennung zu erarbeiten, die es verdient.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die Denkanstöße geben und zur Diskussion anregen sollen.

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Insgesamt 40 Kommentare

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  1. Paul Lamme

    Gerhard Richter ist bloß berühmt, aber nicht wirklich gut. Ein Bild von ihm würde wirklich reichen.

  2. Filburt

    "Wir glauben, dass es notwendig ist, etwas für die moderne Kunst in Dresden zu tun, die Bürger dafür zu interessieren, ihnen Beispiele dafür zu präsentieren und sie zu einer Auseinandersetzung zu animieren." Sehr richtig, da herrschen in DD im Vergleich zu anderen Städten leider große Defizite. Ich würde sogar behaupten, dass die Stadt dringend ein neues modernes Kunstmuseum braucht, leider sind da in der Vergangenheit durch provinziellen Kleingeist bereits einige Chancen vertan wurden ...

  3. Michael H.

    Vielen Dank für dieses kenntnisreich geschriebene Plädoyer für moderne Kunst!

  4. Martin H.

    Sehr gute Stellungnahme, Herr Kaiser. Das kann ich voll unterschreiben.

  5. Heinz

    Dresden hatte mit Martin Roth eine riesen Chance, die Stadt für moderne Kunst zu öffnen, was wiedereinmal am Mief gescheitert ist, der tief im sandsteinernen Gemäuer steckt und wohl auch nie verschwinden wird. Die Menschen hier leben, wie es sich für eine Stadt der Romantik gehört, in alten Zeiten, in denen - natürlich - alles besser war. Das gilt für die Hanseln, die hier jeden Montag der DDR hinterherweinen und eben auch für das, was hier als "Kunst" präsentiert wird. Ich schiele immer neidisch nach Berlin oder Hamburg.

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