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Dienstag, 12.09.2017

VW setzt sich unter Strom

Der Wolfsburger Autobauer will bis 2030 für alle 300 Modelle im Konzern eine E-Variante auf den Markt bringen. Dafür werden 20 Milliarden Euro investiert.

Von Nora Miethke

Zur Automesse IAA in Frankfurt am Main gibt der Volkswagen-Konzern einen ersten Blick auf die neuen Modelle frei. Matthias Müller, Vorstandsvorsitzender von VW, steht dabei neben einem Sedric..
Zur Automesse IAA in Frankfurt am Main gibt der Volkswagen-Konzern einen ersten Blick auf die neuen Modelle frei. Matthias Müller, Vorstandsvorsitzender von VW, steht dabei neben einem Sedric..

© dpa

Stop, Go und Call – mehr als die drei Bedienungsknöpfe gibt es im Sedric nicht. Die autonom fahrende Zukunft bei Volkswagen sieht sehr puristisch aus. Dafür ist die Beinfreiheit zwischen den vier sich zugewandten Sitzen und der Bildschirm gigantisch. Doch so richtig wohlzufühlen schien sich VW-Vorstandschef Matthias Müller nicht, als er zu Beginn des Konzernabends zur Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) am Montag in Frankfurt in die Halle 3 rollte. Müller ist begeisterter Porschefahrer, und der eigene Fahrspaß bleibt beim Sedric auf der Strecke, aber dafür kann man die Zeit im Auto anderweitig nutzen. Zum Beispiel mal endlich über Videoanruf mit den Großeltern telefonieren – diese Anwendung ist nur eine, die VW in Frankfurt zeigt.

Ansonsten gibt sich der tief im Abgasskandal steckende Autobauer kämpferisch. „Wir dürfen uns nicht in ideologischen Grabenkämpfen verlieren. Es geht um die Transformation einer ganzen gewachsenen Wirtschaftsstruktur“, betonte Müller. Und die will VW anführen. Müller kündigte den Start der „Roadmap E“ an, der nach eigenen Angaben umfassendsten Elektrifizierungsoffensive in der weltweiten Automobilindustrie. Bis spätestens 2030 soll das gesamte Modellportfolio auch mit Strom fahren können. Dann wird es von jedem der rund 300 Konzernmodelle mindestens eine elektrifizierte Variante geben.

Elektrischer Seat aus Zwickau

Damit sei VW der erste große Autobauer, der sich auf ein Datum für die volle E-Fähigkeit festlege, hieß es. Dafür will der Konzern bis 2030 mehr als 20 Milliarden Euro in neue Fahrzeuge, die Lade-Infrastruktur, Batterieentwicklung und -produktion sowie in die Anpassung der Werke und die Qualifizierung der Mitarbeiter investieren. Nur für die Ausstattung der eigenen E-Flotte mit Li-Ionen-Batterien braucht der Konzern eine Batteriekapazität von mehr als 150 Gigawattstunden pro Jahr. Das entspricht einer Jahreskapazität von mindestens vier Gigafactories für Batteriezellen. Dafür hat VW eines der größten Beschaffungsvolumen in der Geschichte der Automobilindustrie ausgeschrieben: mehr als 50 Milliarden Euro. Eingekauft werden sollen die Batteriezellen in China, Amerika und auch in Europa. In Salzgitter bauen die Wolfsburger im sogenannten „Center of Excellence“ eine Pilotfertigung für die Produktion von Batteriemodulen auf.

„Wir haben verstanden, und wir werden liefern“, so Müller. Die Roadmap-E sei keine unverbindliche Absichtserklärung, sondern eine Selbstverpflichtung, an der wir uns ab heute messen lassen, versprach der Vorstandschef.

Auch in Sachsen. So wird das Fahrzeugwerk von Volkswagen Sachsen in Zwickau ein sogenannter Mehr-Marken-Standort im Konzern. Nach den Worten von VW-Sachsen-Chef Siegfried Fiebig wird künftig auch ein Elektroauto von Seat in Zwickau gebaut. Zudem hat die tschechische VW-Tochter Skoda bereits angefragt, um ein Modell in Zwickau zu fertigen, sagte Fiebig.

Dass VW bei der Elektromobilität nun das Gaspedal durchtreten will, bedeutet keine Vollbremsung bei Verbrennungsmotoren. „Um nachhaltige und bezahlbare Mobilität für viele möglich zu machen, werden wir bis auf Weiteres das gesamte Antriebsspektrum anbieten – von konventionell bis 100 Prozent elektrisch“, betonte Müller. Jeder neue Dieselmotor bekomme künftig einen SCR-Katalysator. Die neuen Benziner werden flächendeckend mit Ruß-partikelfiltern ausgestattet. Auch das Angebot mit Erdgasfahrzeugen soll ausgebaut werden. VW will sich für einen „geordneten“ Systemwechsel einsetzen – mit sauberen Verbrennungsmotoren als Brücke ins emissionsfreie Zeitalter.

Nicht nur VW kündigte auf der IAA eine Elektrooffensive an. Daimler-Chef Dieter Zetsche sagte, bis 2020 solle es bei der Kleinwagenmarke Smart in Europa und Nordamerika nur noch Elektrofahrzeuge geben. Der Rest der Welt werde kurz darauf folgen. Außerdem solle bis 2022 das komplette Autoangebot auch mit Elektroantrieben zur Verfügung stehen. BMW will bis zum Jahr 2025 zwölf rein elektrisch angetriebene Modelle anbieten. Die Münchner zeigten auf der IAA das Elektro-Coupé i-Vision mit 600 Kilometern Reichweite. Wann das Fahrzeug in Serie geht, ist offen. Mit dem Auto will BMW auch gegen den US-Hersteller Tesla antreten, der auf der IAA nicht dabei ist.

Auf der Frankfurter Autoschau IAA, die am Donnerstag von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) eröffnet wird, sind 994 Aussteller vertreten. Gezeigt werden den Veranstaltern zufolge 228 Weltpremieren. Dazu zählen auch wieder zahlreiche schwere Geländewagen mit Verbrennungsmotoren sowie Sportwagen mit vielen PS. Mit dem boomenden SUV-Segment verdient die Branche viel Geld. (mit dpa und fp)

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