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Mittwoch, 11.04.2018

Von Reinrassigen und Mischvölkern

Die einst hier heimische Dunkle Biene soll zurückkehren. Ein neues Gesetz könnte ihre Art retten.

Von Kay Haufe

Die beiden Imker Jan Gutzeit (re.) und Tino Lorz sorgen sich um die Dunkle Biene, von der es nur wenige gibt. Der Großdobritzer Jan Gutzeit hat seinen Bienenwagen auch in diesem Jahr wieder in Moritzburg stehen. Direkt an der Schlossallee.
Die beiden Imker Jan Gutzeit (re.) und Tino Lorz sorgen sich um die Dunkle Biene, von der es nur wenige gibt. Der Großdobritzer Jan Gutzeit hat seinen Bienenwagen auch in diesem Jahr wieder in Moritzburg stehen. Direkt an der Schlossallee.

© Arvid Müller

Moritzburg/Dresden. Die Biene ist ein reiner Sympathieträger, bestäubt Pflanzen, erzeugt Honig und ist im Gegensatz zur Wespe ein weitgehend friedliches Wesen. Zurzeit kursieren im Zusammenhang mit ihr aber Begriffe, die ansonsten nur mit Vorsicht verwendet werden. Von Rassereinheit, Inzucht, Mischvölkern und Kunstrassen ist die Rede. Was ist denn da los bei den hiesigen Imkern? Eigentlich steht Sachsen gerade vor einer einzigartigen Chance, sagt Jan Gutzeit, und zeigt auf seinen Bienenwagen am Ortseingang von Moritzburg. Darin hält der Imker mehrere Völker der Dunklen Biene. Sie ist die europäische Urbiene, die bis 1945 von Skandinavien bis zu den nördlichen Alpen und von den Pyrenäen zum Ural ansässig war. Gut angepasst an die regionalen Gegebenheiten. Doch ab den 1950er-Jahren war sie nicht nur im Dresdner Raum, sondern deutschlandweit fast ausgerottet. Was war passiert? Die Nazis exerzierten ihre Rassenselektion tatsächlich bis zur Biene runter. 1938 entschied der Reichskörmeister, die Kärntner Biene aus Österreich, in Fachkreisen Carnica genannt, sozusagen „heim ins Reich“ zu holen und nur sie allein weiterzuzüchten. Auch zu DDR-Zeiten blieb die Carnica die einzig erlaubte Rasse.

Doch inzwischen gibt es junge Imker, die die Dunkle Biene zurückholen wollen. Es gibt noch kleine Bestände von ihr in der Schweiz, in Skandinavien, Westfrankreich und Irland, sagt Jan Gutzeit, der auch der Vorsitzende des Landesverbandes Dunkle Biene in Sachsen ist. Der Großdobritzer holt sich regelmäßig Königinnen aus Schweden, wo der Enthusiast Ingvar Arvidson eine Erhaltungszucht betreibt. „Aber um die Biene hier dauerhaft wieder ansiedeln zu können, benötigen wir eine eigene Stelle, wo wir unsere Königinnen von reinrassigen Drohnen begatten lassen können“, sagt Gutzeit. Bisher gibt es in Deutschland keine einzige staatlich geschützte Stelle, wo dies möglich ist, lediglich eine privat geführte in den Alpen.

Doch die Zeichen der Zeit stehen gut in Sachsen für die fast ausgestorbene Rasse. Denn am Freitag soll der Landtag über ein neues Gesetz zum Schutz von Belegstellen für Bienen entscheiden. Was sperrig klingt, ist ein riesiges Schutzgebiet, in dem ausschließlich eine Bienenrasse ansässig ist, damit sie sich nicht mit anderen paart und vermischt, was ansonsten ständig passiert. Nach Ansicht von Tino Lorz, dem Chef des Dresdner Imkervereins, und Jan Gutzeit soll es mindestens drei solcher Stellen geben, um sowohl die Dunkle Biene, die Carnica als auch die dritte hier ansässige Rasse, die gezüchtete Buckfast-Biene, rein züchten zu können. „Doch anders als im Gesetzentwurf vorgesehen, wollen wir einen Schutzradius von zehn Kilometern um die Belegstelle festschreiben, wie zum Beispiel in Brandenburg und Bayern“, sagt Lorz. Denn Königinnen fliegen weiter als die jetzt im Entwurf enthaltenen sieben Kilometer. Diese Entfernung reiche nicht, um die nötige Reinheit zu gewährleisten.

Nicht, dass die beiden Imker etwas gegen Vermischung hätten. Sie passiert ständig, denn den Königinnen ist es herzlich egal, ob sie von einer Drohne gleicher oder anderer Art besamt werden. „Aber die Dunkle Biene stirbt unweigerlich aus, wenn wir ihr Genmaterial nicht sichern“, sagt Gutzeit und zeigt auf eine Wabe, die er aus dem Bienenwagen genommen hat. Während die große Mehrheit seiner Arbeitsbienen einen dunklen Hinterleib ohne helle Farbeinschlüsse aufweist, gibt es einige, die orangefarbene Ringe haben. „Sie stammen von einem Vater, der keine Dunkle Biene war“, sagt Jan Gutzeit.

Um die Belegstellen einzurichten, ist ein möglichst großes, dünn besiedeltes Gebiet nötig, in dem keine anderen Imker ansässig sind. Truppenübungsplätze, Kohleabbaugebiete oder ihre Nachfolgelandschaften, etwa die Königsbrücker Heide, wären dafür perfekt, sagt Gutzeit. „In Dresden und dem Umland haben wir keine Chance, weil wir hier nicht so große Gebiete haben, in denen keine anderen Bienen fliegen“, ergänzt Dresdens Imkerchef Lorz. Die 250 Imker des Dresdner Vereines haben immerhin rund 2 000 Völker.

Zudem sollte der Standort möglichst zentral in Sachsen liegen, denn dann würden zahlreiche Züchter mit ihren Königinnen aus der ganzen Republik angereist kommen. „Das Interesse daran ist jetzt schon riesengroß“, sagt Dunkle-Bienen-Fachmann Gutzeit.

In vielen Ländern Europas haben sich Imker, Züchter und Artenschützer zusammengefunden, um die Dunkle Biene vor dem Aussterben zu bewahren. Teilweise wird ihre Zucht auch staatlich gefördert. Das hat nicht allein nostalgische, sondern auch wirtschaftliche Gründe. Denn die Nordbiene, wie die Dunkle auch genannt wird, zeichnet sich durch ihre Sanftmut und einen sparsamen Umgang mit Vorräten aus, verbunden mit einer überaus guten Winterhärte. „Das ist auch völlig normal, immerhin ist sie die Einzige, die aus unserer Region stammt“, sagt Jan Gutzeit. Auch beim Brutverhalten unterscheide sich die Dunkle Biene deutlich von den zwei anderen Rassen. „Sie reagiert sofort auf Trachteneinbrüche und fährt die Produktion runter, wenn das Nahrungsangebot knapp wird“, sagt er. So können die Tiere Durststrecken ohne große Verluste überwinden. Und mit rund 50 bis 60 Kilogramm Honigertrag pro Jahr liegt sie nur knapp hinter der Buckfast mit rund 70 Kilogramm.

„Sachsen könnte mit dem Gesetz einen unermesslichen Beitrag zum Artenschutz leisten. Alle reden vom Insektensterben, aber hier kann direkt etwas dagegen getan werden“, sagt der Imker und hofft, dass der Vorschlag mit dem großen Schutzradius durchkommt.