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Samstag, 30.12.2017

Von Notlagen und weißen Elefanten

In der Dresdner Schießgasse kommen alle 110-Anrufe aus dem Kreis Meißen an. Nicht immer kann die Polizei helfen.

Von Christoph Springer

Große Bildschirme mit Videoübertragungen und Landkarten prägen das Bild im Lagezentrum der Polizeidirektion Dresden. Jens Meister (li.) aus Bärwalde ist der Chef der Dienststelle.
Große Bildschirme mit Videoübertragungen und Landkarten prägen das Bild im Lagezentrum der Polizeidirektion Dresden. Jens Meister (li.) aus Bärwalde ist der Chef der Dienststelle.

© Christian Juppe

Dresden. Ständig klingelt das Telefon. Mehr als 300-mal am Tag. Aber man hört es nicht. Blinkende Symbole auf Computerbildschirmen ersetzen das Düdeldü, mit dem sich die Geräte normalerweise melden. Sieben Polizisten sitzen oder stehen an überdimensionalen Schreibtischen, jeder von ihnen hat vier Computerbildschirme vor sich. Sie arbeiten im Führungs- und Lagezentrum der Dresdner Polizei. Zwei Türen versperren Besuchern den Weg in den Hochsicherheitsraum, einem mittelgroßen Saal im zweiten Stock des Gebäudes an der Schießgasse. Die Türen lassen sich nur mit Codekarten öffnen. Dahinter ist es trotz 300 Telefongesprächen pro Tag so still, dass man sich nur im Flüsterton unterhalten möchte. Der Raum ist perfekt gedämmt.

Dieser Saal ist das Herz der Dresdner Polizeidirektion. Hier kommt die 110 an. Nicht nur aus Dresden, sondern aus dem gesamten Einsatzgebiet zwischen Riesa und der tschechischen Grenze, Nossen und Sebnitz. Knapp eine Million Menschen leben in der Region, für die die Polizeidirektion zuständig ist. Dazu kommen noch Gäste und Pendler. Die Telefonanbieter sind dafür zuständig, dass jeder Anruf die richtige Polizeizentrale erreicht.

Im Dresdner Führungs- und Lagezentrum (FLZ) hat Polizeihauptkommissar Jens Meister das Sagen. „An den Tagen, an denen draußen viel passiert, haben wir besonders viele Anrufe“, erklärt der Bärwalder das Pensum seiner Kollegen. Himmelfahrt und Silvester seien solche Tage. Im Sommer und werktags ist außerdem mehr los als im Winter und an Wochenenden. In Zahlen: An einem Februartag 2017 mussten die Beamten nur 314 Notrufe annehmen, an einem Junitag 409. Besonders häufig werden sie zwischen 14 und 20 Uhr angeklingelt, nachts ist es ruhiger, in den Morgenstunden und am Vormittag auch.

„Der Mitarbeiter steuert das Gespräch“, erklärt Meister den Ablauf der Anrufe. Seine Kollegen fragen zuerst Name und Adresse ab. Dann wollen sie wissen, wo sich der Anrufer befindet. Dabei orientieren sie sich an markanten Bauwerken und Landmarken und können auf eine Karte zurückgreifen, in der nicht nur Straßen und Häuser verzeichnet sind. Auf dieser Landkarte können sie auch Fotos von genau solchen auffälligen Punkten anklicken. „Bis jetzt haben wir noch jeden gefunden“, sagt Meister. Ist der Ort klar, wird der Grund des Notrufs abgefragt. So können die Kollegen aus dem Lagezentrum schon einmal Hilfe auf den Weg schicken, während der 110-Anrufer noch in der Leitung ist.

Die Beamten in der Leitstelle unterscheiden drei Arten von Gesprächen. An erster Stelle stehen echte Notrufe. Die zweite Kategorie sind Telefongespräche mit Menschen, die glauben, dass die Polizei der richtige Ansprechpartner ist. Dazu gehören auch Anrufer, die Gesundheitsprobleme haben. „Die vermitteln wir an die 112“, sagt Jens Meister.

Etwa drei Prozent aller eingehenden Gespräche macht die dritte Anrufart aus. Notrufmissbrauch ist dafür der juristische Begriff. Mit solchen Telefonaktionen hat über Jahre eine Dresdnerin die Beamten genervt. „Sie war immer sehr aufgebracht, beschwerte sich über ihr Leben, über Beamte, Richter und die Staatsanwaltschaft“, berichtet Jens Meister. Allein im Januar 2017 hat sie 100-mal die 110 gewählt. 2016 und in diesem Jahr meldete sie sich insgesamt 658-mal bei der Polizei. „Die Dame hat schon mehrere Anzeigen bekommen, mehrere Strafverfahren sind auch schon abgeschlossen“, sagt Meister. „Das hindert uns an der Arbeit.“

Verwirrte Menschen oder Betrunkene sind auch immer wieder am Apparat. Von weißen Elefanten in einem Baum soll einer mal erzählt haben, heißt es in einer Anekdote aus dem zweiten Stock der Polizeidirektion. Meister kennt sie nicht. „Es hat mal jemand angerufen und gesagt, die Russen sitzen bei ihm im Wohnzimmer“, erinnert er sich an einen 110-Kunden. Andere wollen ein Taxi bestellen oder fragen nach dem Fahrplan der Verkehrsbetriebe.

„Spaßanrufe“ gehören ebenfalls zur dritten Kategorie der Gespräche, die bei Meister und seinen Kollegen ankommen. Immer müssen solche Anrufer damit rechnen, dass für sie dann Paragraf 145 aus dem Strafgesetzbuch zum Thema wird: „Wer Notrufe missbraucht, der wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“ Davor schützt auch die Telefonnummerunterdrückung nicht. Denn die Telefongesellschaften sind verpflichtet, alle Rufnummern mitzusenden.