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Montag, 16.04.2018

Von Fastfood und Nackthühnern

Kabarettist Thomas Müller kam mit seinem tiefsinnigen Angriff aufs Schnell-Kochen zu „Bier & Kultur“ nach Radeberg.

Von Jens Fritzsche

Der Magdeburger Kabarettist Thomas Müller kredenzte bei „Bier&Kultur“ einen gut durchgerührten Abend übers schnelle Kochen. „Die Küche ist kein Raum für Sentimentalitäten“, lautet dabei einer der sarkastischen Hauptsätze des Programms …
Der Magdeburger Kabarettist Thomas Müller kredenzte bei „Bier & Kultur“ einen gut durchgerührten Abend übers schnelle Kochen. „Die Küche ist kein Raum für Sentimentalitäten“, lautet dabei einer der sarkastischen Hauptsätze des Programms …

© Thorsten Eckert

Radeberg. Nein, die Küche ist kein Raum für Sentimentalitäten! Schon gar nicht in Zeiten, in denen wir keine Zeit haben. Oder vielmehr, sie uns nicht mehr nehmen. Fürs Essen nicht und fürs Kochen gleich gar nicht. Also braucht es Firmen wie „Schnell und lecker“! Tüte auf, Pulver ins kochende Wasser und fertig ist das Gourmet-Gericht.

„Wir haben uns hier versammelt, um die schnelle Zubereitung des Abendmahls zu feiern“, frotzelt Kabarettist Thomas Müller in seinem Programm „Wer kocht, schießt nicht“, für das der bekannte Satire-Autor und Stück-Schreiber Michael Herl besagte Tüten-Speisen-Firma erfunden hat – und darin den aktuellen Fastfood-Wahn genüsslich auf sarkastischer Flamme köcheln lässt. Die Radeberger Exportbier-Brauerei und die Rödertal-SZ hatten den im Magdeburger Kabarett „Zwickmühle“ groß gewordenen Satiriker, Freitagabend in die gemeinsame Veranstaltungsreihe „Bier&Kultur“ nach Radeberg eingeladen. Ein köstliches Programm, das sich im ausverkauften Saal des Conrad-Brüne-Hauses der Brauerei den so gar nicht köstlichen Köstlichkeiten widmete und mit den Schnell-Gerichten durchaus hart ins Gericht ging.

Chemiebaukasten oder Küche?
Wobei die Instant-Speisen-Produzenten dem Magdeburger einen guten Teil der Texte quasi vorgeschrieben hatten: Thomas Müller kredenzte genüsslich, was an vermeintlichen Genüssen drin ist, in den Tüten und Dosen. Und das klingt ja mit all den Zusatzstoffen und Geschmacksverstärkern mitunter eher nach dem Chemiebaukasten im Kinderzimmer, als nach Küche. Aber gut, so haben wir die chemische Keule gegen so manche Krankheiten schon mal sozusagen per schmackhafter Schluckimpfung intus …

Die Idee war dabei grandios, einen arbeitslos gewordenen Molekularbiologen als Verkaufsberater für „Schnell und lecker“ an einen echten Herd zu stellen. Der Mann, als er sich von seinem Vorgesetzten – den Thomas Müller praktischerweise auch gleich selbst spielt und das sogar mit ausgeklügelter Regie Idee ein paar Sequenzen zeitgleich – unbeobachtet fühlt, tut allerdings nicht das, wofür er schlecht bezahlt wird. Sondern er hält ein Plädoyer fürs richtige Kochen. Und Thomas Müller beweist auch in dieser Rolle, dass Kabarettisten eben nicht „nur“ Pointenköche, sondern auch gute Schauspieler sind. Als Dr. Theodor Kögel erzählt er beispielsweise kopfschüttelnd von seinem alten Studienkumpel Hubert, der aktuell an Nackthühnern forscht, bei denen man sich das zeitaufwendige Rupfen sparen kann – und wundert sich, dass „wir uns Wasser aus Frankreich importieren, als wären wir hier in der Wüste Gobi“. Das Programm lebt dabei vor allem von dieser grandiosen zweiten Ebene, die immer mitspielt, ohne ständig aufdringlich in den Vordergrund gerührt zu werden.

Kalauer und leise Ironie
Es ist dieser gut abgehangene Wechsel zwischen deftigen Küchen-Kalauern und mediterran-leicht daherkommenden Anspielungen auf unser Ess- und vor allem auf unser Kaufverhalten an der Supermarktkasse, der diesem Abend die feine Würze gibt. Es ist oft nur ein vielwissendes Schmunzeln auf dem Gesicht des Publikums, aber auch die lauten Lacher kommen letztlich nicht zu kurz.

Und es ist ein sehr interaktiver Abend; denn Thomas Müller kocht als Dr. Theodor Kögel nicht nur fürs, sondern auch quasi mit dem Publikum. Und am Ende bleibt dieser eingangs erwähnte, bitterschmeckende Satz: „Die Küche ist kein Raum für Sentimentalitäten …“ Ja, leider.

Die nächste Ausgabe von „Bier & Kultur“ wird im September stattfinden. Sobald die sprichwörtliche Tinte unterm Vertrag mit dem Künstler trocken ist, wird die SZ den Termin bekannt geben und der Vorverkauf startet.