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Donnerstag, 10.08.2017

Volle Dröhnung auf der Straße

Es gibt Regeln, wie laut ein Auto sein darf. Nach einem ARD-Bericht tricksen die Hersteller bei den Werten für Lärm wie bei den Abgasen.

Von Hanna Gersmann

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Folgt auf den Abgas- ein Lärmskandal? Auf der Straße sollen die Autos teilweise mehr Krach machen als offiziell erlaubt.
Folgt auf den Abgas- ein Lärmskandal? Auf der Straße sollen die Autos teilweise mehr Krach machen als offiziell erlaubt.

© dpa

Es geht schon früh morgens los. An der Ampel gibt der Fahrer eines schwarzen Audi oder Mercedes seine Zurückhaltung auf – und Gas. Der Motor heult auf. Kurz darauf kommt ein Motorrad mit typisch röhrendem Sound heran. So geht das bis spät in die Nacht. In Umfragen gibt über die Hälfte der Bevölkerung an, dass sie der Krach der Straße stört. Das Herz kann rasen, der Blutdruck steigen, wenn es dauerhaft lärmt. Warum kommen die lauten Fahrzeuge überhaupt auf die Straße?

Die Antwort erinnert an den Abgasskandal: Die Werte der offiziellen Messverfahren für den Lärm weichen erheblich von jenen ab, die es auf der Straße gibt. Der Chef einer Verkehrspolizei, Dieter Schäfer von der Verkehrspolizeidirektion Mannheim, hat nun erstmals Verstöße beim Kraftfahrt-Bundesamt gemeldet. Darüber berichtete als erstes das ARD-Wirtschaftsmagazin Plusminus.

Der Hintergrund: Bei der Typenzulassung von Autos, auch von Motorrädern, kommt es auf die Geräuschentwicklung in nur in einem kleinen Messkorridor an. In der Regel wird mit einem Mikrofon der entstehende Lärm bei der Beschleunigung im zweiten und dritten Gang bei 50 bis 60 km/h gemessen. Ist der Test bestanden, kontrolliert im Grunde niemand mehr. Der Fahrer kann bei über 60 km/h weiter Gas geben, er kann im ersten oder zweiten Gang mit Vollgas und bei höherer Drehzahl beschleunigen.

Jan Gebhardt ist Experte für Straßenlärm beim Umweltbundesamt. Er bestätigt, dass „die Betriebsbedingungen bei der Typprüfung relativ fern von der Realität sind.“ Das Umweltbundesamt hat dies vor wenigen Tagen erstmals öffentlich gemacht. In der politischen Debatte spielte der Lärm bislang aber kaum eine Rolle. Der bekannte Mediziner Robert Koch schrieb schon 1910: „Eines Tages wird der Mensch den Lärm ebenso unerbittlich bekämpfen müssen wie die Cholera und die Pest.“ Im Jahr 2011 verkündete die Weltgesundheitsorganisation WHO dann, dass der Lärm nach der Luftverschmutzung die zweitgrößte Belastung für die Gesundheit ist. Allein in Deutschland, so schätzen Experten, sollen 4  000 Herzinfarkte im Jahr auf Verkehrslärm zurückzuführen sein. Die EU hat 2016 einen Stufenplan für eine leichte Senkung der Grenzwerte beschlossen. Will ein Hersteller eine Typzulassung für ein Auto erhalten, sind maximal 72 bis 75 Dezibel erlaubt.

Auto dröhne wie ein Düsenjet

Die Autos würden dennoch nicht leiser, kritisiert Holger Siegel vom Umweltverband BUND. Denn: Solange der Messkorridor klein bleibe und unerheblich sei, was darunter und darüber passiert, sei die rechtliche Lücke groß. Und diese würden Auspuff- und Autohersteller nutzen.

Siegel, selbst Motorradfahrer, meint: „Manche Motorsteuerungen können erkennen, dass sich das Fahrzeug nicht mehr im Testzyklus befindet, dann geben sie zusätzliche Dezibel für den Auspuff frei.“ Das freue so manchen Kunden, der vom satten Sound spricht und viel Geld für seine leistungsstarke Maschine gezahlt hat. Es reiche ein Tastenbefehl, das könne auch abhängig sein von Drehzahl und Tempo – plötzlich ähnelt der Klang dem eines Formel-1-Wagen.

Möglich macht das die Erfindung des Klappenauspuffs. Das Prinzip steckt schlicht im Namen. Eine Klappe im Auspuff lässt sich öffnen und schließen. Mit offener Klappe wird der Wagen zum dröhnenden Boliden, mit geschlossener Klappe ist sein Geräusch eher harmlos. „Mancher Sportwagenhersteller baut auch einfach computergesteuerte Fehlzündungen ein, damit das Auto martialischer wirkt“, sagt Siegel. Dabei würden Dezibelwerte erzeugt, die jenseits der 100 lägen.

Im letzten Jahr, so Verkehrspolizist Schäfer, sei er in Mannheim gegen die „schon etwas peinlichen Poser vorgegangen, die in ihre Auspuffrohre Drei- und Vierecke schneiden, damit es dröhnt“. Ihm sei ein Auto aufgefallen, das 137 Dezibel erreichte. 137 Dezibel tun weh in den Ohren, das ist so laut wie ein startender Düsenjet. Die Polizei beschlagnahmte das Auto, ließ ein Lärmgutachten erstellen, legte es dann still. Diese „Amateure“ hätten sie heute im Griff, meint Schäfer. Die Hersteller, die serienmäßig Klappauspuffanlagen einbauen, aber nicht. Eine gerichtsfeste Messung des Fahrgeräusches bei Kontrollen sei oft auch viel zu kompliziert und teuer. Schäfer ärgert vor allem eins: „Es kann nicht sein, dass die Autohersteller das Lärmproblem und die -vorgaben ignorieren, um ihre Wagen besser zu verkaufen.“ Für ihn steht fest: „Es darf nicht am grünen Tisch serienmäßig genehmigt werden, was auf der Straße übermäßigen Lärm verursacht, der krankmacht“. Darum habe er einen „exemplarischen Fall“ eines lärmenden Serienfahrzeugs offiziell an das KraftfahrtBundesamt herangetragen. Die Flensburger Behörde hat reagiert, sie sicherte Schäfer Nachprüfungen zu.

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 7 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Realist

    Was hat das bitte der Lärmpegel mit dem objektiven Problem der Abgase zu tun? Wenn das Auto bis 50 km/h die Werte einhält, dann wird in einem bewohnten Gebiet niemand belästigt. Auf der Landstraße bzw. Autobahn ist es doch völlig egal wie laut es ist. Oder führt bei Ihnen die Autobahn direkt am Haus vorbei. Auch dann würde ich mir wesentlich mehr Gedanken um NOx und meine Gesundheit machen, als um ein bisschen Lärm. Wenn der Nachbar mit dem Benzinrasenmäher, der Heckenschere, Rasentrimmer, Baumsäge, Kettensäge und und und arbeitet ist alles OK? Wenn ein Auto vorbei fährt ist alles zu spät? Mal wieder Meckern um des Meckerns Willen?

  2. CP

    @1 Achso, dann ist ja alles ok. Dann brauchen wir ja weiteren Beschiss der Autohersteller nicht weiter verfolgen und gegen diese ermitteln. So ein Unsinn! Es gibt diese Gesetze nicht umsonst (Gesundheit etc.), die Autohersteller haben (wie beim Dieselabgas) betrogen, darum wirds dem jetzt nachgegangen. Bloß weil Sie den Sachverhalt nicht erkennen können, verschwinden die Probleme nicht. Ja, das Abgas ist ein größeres Problem, ja, da sollte man vorrangig etwas unternehmen, nein wir lassen alles andere dafür nicht unter den Tisch fallen.

  3. CP

    @1 Achso, dann ist ja alles ok. Dann brauchen wir ja weiteren Beschiss der Autohersteller nicht weiter verfolgen und gegen diese ermitteln. So ein Unsinn! Es gibt diese Gesetze nicht umsonst (Gesundheit etc.), die Autohersteller haben (wie beim Dieselabgas) betrogen, darum wirds dem jetzt nachgegangen. Bloß weil Sie den Sachverhalt nicht erkennen können, verschwinden die Probleme nicht. Ja, das Abgas ist ein größeres Problem, ja, da sollte man vorrangig etwas unternehmen, nein wir lassen alles andere dafür nicht unter den Tisch fallen.

  4. Didi

    Ja, hier wird eine rechtliche Lücke bzw. zu lasche Regelung ausgenutzt. Da solltet ihr lieber den Gesetzgeber kritisieren und nicht die Autohersteller. Ich sehe da, wie bei der Nutzung diverser Steuerlücken durch große Unternehmen keinen Betrug oder Tricksereien, sondern einfach nur den Gesetzgeber in der Pflicht, die Gesetze zu präzisieren. Aber auf Autohersteller einhacken ist ja dieser Tage ziemlich trendy...

  5. Peter

    Der Moto Guzzi-Fahrer Holger Siegel vom Umweltverband sollte es eigentlich wissen: Testzyklus-Erkennung über die Motorsteuerung und Auspuffklappensteuerungen sind seit 1. Januar 2016 ausdrücklich verboten. Die Norm UNECE-R 41.04 regelt u. a. auch die Obergrenze von 77 dB(A) ... Ausnahmen sind noch Zubehörauspuffanlagen, die aber nach UNECE 92.01 auch ab 2020 wegfallen.

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