• Einstellungen
Montag, 11.09.2017

Völkerwanderung nach Biesnitz

Das Forellhaus ist der Höhepunkt beim Tag des offenen Denkmals. Doch auch ganz woanders ist viel los.

Schlangestehen für einen Blick ins Forellhaus an der Promenadenstraße in Biesnitz: Tausende Menschen kamen am Sonntag.
Schlangestehen für einen Blick ins Forellhaus an der Promenadenstraße in Biesnitz: Tausende Menschen kamen am Sonntag.

© nikolaischmidt.de

Manfred Kahl ist kurzentschlossen über das Absperrband geklettert. Doch der Rentner will nichts wegnehmen, sondern etwas hinstellen: Ein historisches Bild des Forellhauses, jener prächtigen Villa an der Promenadenstraße in Biesnitz, die zum Tag des offenen Denkmals am Sonntag erstmals seit vielen Jahren für die Öffentlichkeit zur Besichtigung steht. „Wir haben 25 Jahre hier gewohnt“, sagt seine Frau Ursula Kahl. Er war ab 1975 Hausmeister, sie hat von 1992 bis 1998 die in der Villa ansässige Pension geleitet. Entsprechend viele Erinnerungen haben beide an das Forellhaus, dazu Dutzende Fotos, die sie interessierten Gästen gern zeigen.

Bildergalerie Tag des Denkmals Görlitz

An denen mangelt es nicht. Schon kurz vor der Eröffnung stehen knapp 60 Besucher mit ihren Schirmen draußen im Regen. Punkt 10 Uhr öffnet sich das Tor, die Besucher strömen nach drinnen – und nach ihnen kommen immer mehr Leute. Bald müssen die Verantwortlichen des Hauses einen Einlassstopp verhängen. Gegen dreiviertel elf stehen draußen 50 Leute in einer Schlange. Immer wenn zehn Besucher raus sind, dürfen zehn Neue rein. Bis zum Feierabend um 18 Uhr werden es Tausende sein.

Das Ehepaar Kahl hat derweil einstige Gäste der Pension wiedergetroffen. Uwe und Anke Löwensen aus Oldenburg haben 1991 gemeinsam hier übernachtet. „Wir kommen seither einmal im Jahr nach Görlitz, meist zum Denkmaltag“, sagt der architekturbegeisterte evangelische Pfarrer aus dem Norden. Jedes Jahr schauen die beiden, was aus dem Forellhaus geworden ist – und sind entsprechend überrascht, dass sich nach Jahren des Verfalls nun etwas tut und sie wieder nach drinnen dürfen. „1991 gab es hier noch wunderschöne, geschliffene Fenster“, erinnert sich Uwe Löwensen: „Schade, dass die alle weg sind.“ Ursula Kahl kann sich an die Wäschemangel im Keller erinnern, die bis zum Schluss genutzt wurde, an die neue Küche, die 1992 eingebaut wurde, aber auch an das Heizen mit Braunkohle – und an das Jahr 1998, als die Kirche die Villa verkaufte und die komplette Einrichtung durch die Fenster nach draußen geworfen wurde.

Jetzt hoffen beide Ehepaare, dass die neuen Besitzer die 1897 bis 1899 erbaute Villa sanieren, ihr eine glanzvolle Zukunft geben. Ursula Kahl hat gehört, Österreicher hätten das Haus gekauft. Ob das stimmt und wenn ja, was die Eigentümer planen, ist bisher ein gut gehütetes Geheimnis.

Ganz offensichtlich hingegen ist, dass das Forellhaus der große Höhepunkt zum Denkmaltag ist. Doch auch in der Alt- und Innenstadt, in Weinhübel, Tauchritz und Ober-Neundorf ist trotz des kühlen und anfangs regnerischen Wetters viel los. Selbst Häuser, die weit weniger bekannt sind als das Forellhaus, erfahren viel Aufmerksamkeit. In der Bismarckstraße 19 etwa beantwortet Andreas Buschmeier, Praktikant bei der Unteren Denkmalschutzbehörde, die Fragen der Besucher. In der Hofdurchfahrt sind historische Fliesen mit Görlitz-Motiven zu sehen. „Die sind von Villeroy & Boch, genau wie die Fliesen in der Fleischerei Büchner am anderen Ende der Bismarckstraße“, sagt Andreas Buschmeier. Welcher Künstler die Motive entworfen hat, sei aber nicht bekannt. Ein Besucher tippt auf den Ofensetzer Richard Wünsch, der nebenan sein Geschäft hatte.

Petra Hoffmann von der Unteren Denkmalschutzbehörde, die den Tag organisiert hat, ist am Nachmittag zufrieden: „Wir haben trotz des Wetters geschätzte 23 000 Besucher, etwa so viele wie in den Vorjahren.“ Der Untermarkt sei den ganzen Tag voll gewesen. Sie selbst ist am Nachmittag zum Forellhaus gefahren: „Die Leute standen immer noch Schlange.“ Dort aber hat niemand die Besucher gezählt.

Desktopversion des Artikels