• Einstellungen
Donnerstag, 07.12.2017

Viel Beton, wenig Meer

Ein Großteil der italienischen Küste ist mit Häusern, Hotels und Industrieanlagen zugebaut – und es geht weiter. Denn ein Gesetz zum Schutz der Natur wird ignoriert.

Von Almut Siefert, SZ-Korrespondentin in Rom

Italiens Küste ist zugebaut.
Italiens Küste ist zugebaut.

An heißen Wochenenden ist Italiens Hauptstadt nahezu einwohnerlos. Die Römer überlassen ihre Stadt den Touristenmassen und flüchten selbst ans Meer. Denn Rom hat einen eigenen Strand: In nur etwa 35 Minuten bringt einen die Bahn vom Zentrum nach Lido di Ostia. Vom dortigen Bahnhof sind es noch 15 Minuten zu Fuß, und man hat die Küste erreicht. Doch vom Meer sieht man erst einmal nichts. Und wer mit nackten Füßen durch den feinen Sand laufen möchte, muss auch in den Wintermonaten erst einmal einen weiteren Fußmarsch in Kauf nehmen.

Denn der freie Zugang zum Meer ist hier nur alle paar Hundert Meter möglich. Strandbäder und andere Bauten drängen sich zunächst in das Blickfeld. Umsäumt werden sie von einer kilometerlangen Mauer, dahinter liegt gleich die vierspurige Straße. Die Region Lazio, in der die italienische Hauptstadt und ihr Strand in Ostia liegen, ist da kein Einzelfall. Der Beton hat die Küste Italiens in Beschlag genommen. Die Umweltorganisation Legambiente weist regelmäßig in ihren Jahresberichten auf die Verschandelung der Küsten hin. Kommende Woche erscheint ein Buch, das allein diesem Thema gewidmet ist und die Erkenntnisse der vergangenen fünf Jahre zusammenfasst. Der Titel „Vista Mare“, zu Deutsch: Meerblick, ist wohl eindeutig sarkastisch gemeint. Denn schon in ihrem im Sommer veröffentlichten Bericht über das Jahr 2016 ist zu lesen, dass bereits 51 Prozent der italienischen Küste mit Häusern, Hotels und Industrieanlagen zugebaut sind. Für ihren Bericht hat die Umweltorganisation 6 500 der rund 7 500 Küstenkilometer Italiens untersucht, von Ventimiglia bis Triest plus die beiden größten Inseln Sizilien und Sardinien. 3 300 Küstenkilometer sollen laut Legambiente bereits unwiederbringlich verloren sein.

Ohne eine Änderung der Politik, so heißt es, werde diese Zahl noch weiterwachsen: In den vergangenen zehn Jahren wurden im Durchschnitt jährlich acht Kilometer Küste bebaut. Immer mehr Touristen zieht es nach Italien, ihre Zahl und damit die der Hotels wächst stetig. Allerdings wäre eine naturbelassene Küste in Zeiten des Klimawandels umso wichtiger, um beispielsweise vor Überschwemmungen zu schützen, warnen die Umweltschützer. Dabei hatte die Politik sich des Themas bereits angenommen und 1985 das sogenannte Gesetz Galasso verabschiedet. Damit sollte die Küste geschützt werden, man wollte retten, was noch zu retten war. Das Gesetz erlaubt es den Regionen, Bauten bis zu
300 Meter vor der Küste zu verbieten. Doch der Korruption, Spekulation und den damit einhergehenden unzähligen ungenehmigten Bautätigkeiten konnte damit kein Riegel vorgeschoben werden. Allein zwischen 1988 und 2012 wurden weitere 302 Küstenkilometer in Italien zubetoniert.

Vor allem in den Regionen Sizilien, Lazio und Kampanien wurde in diesem Zeitraum innerhalb der 300 Meter vor der Küste am meisten gebaut. Auf der Insel Sizilien sind es 65 Küstenkilometer, die zugebaut wurden, in Lazio wurden 41 Kilometer Küste mit Neubauten zugekleistert. Insgesamt sind damit 63 Prozent der Küste Lazios zubetoniert, also 208 Kilometer von insgesamt 329 Kilometern zwischen Montalto di Castro und Marina di Minturno. Ein unberührtes Fleckchen Strandidylle zu finden ist hier also eher Glückssache.

Desktopversion des Artikels

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.