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Donnerstag, 22.02.2018

Vergängliche Schönheit

Zwei Monate, fünf Jahre, drei Jahrzehnte – niemand kann vorhersagen, wann der Basteifelsen zerbröselt.

Von Nancy Riegel

Unterhalb des abgesperrten Bereichs der Basteiaussicht ist der Felsen porös. Wie porös, das haben Messungen und Bohrungen gezeigt. Um den Fels vorm Abbruch zu bewahren, werden die Gehwegplatten abgetragen und das Gestein abgedichtet.
Unterhalb des abgesperrten Bereichs der Basteiaussicht ist der Felsen porös. Wie porös, das haben Messungen und Bohrungen gezeigt. Um den Fels vorm Abbruch zu bewahren, werden die Gehwegplatten abgetragen und das Gestein abgedichtet.

© Archiv: Marko Förster

Sächsische Schweiz. Wer hat Angst vorm porösen Sandstein? Offenbar nicht jeder Tourist und Anwohner in der Sächsischen Schweiz. Dass die berühmte Basteiaussicht, der Balkon des Elbsandsteingebirges, abgesperrt ist, verwundert immer noch einige. Vor allem die, die noch vor wenigen Jahren mit Dutzenden anderen Schaulustigen gleichzeitig den Blick auf das malerische Elbtal genossen. Fakt ist aber: Der vordere Teil des Felsens ist porös, marode, nicht mehr tragfähig. So kommunzierte es in den vergangenen Monaten das Sächsische Finanzministerium. Zehn Meter sind deshalb durch einen Zaun abgesperrt. Die neue, teils schwebende Plattform, deren Bau noch genehmigt werden muss, soll diesen Teil des Massivs nicht mehr touchieren und nur auf dem rückwärtigen Bereich aufliegen. Übertrieben viel Sicherheit?

Offenbar nicht. Schon die Errichtung der Steinschlagzäune unterhalb des Basteifelsens lässt erahnen, was die Geologen bei ihren Bohrungen ermittelt haben. Das Metallgeflecht hält Brocken von einem Ausmaß von einem mal einem Meter auf. Sollten sich aber Teile der Basteifelsen lösen, würde wohl auch eine große Menge Sand in Richtung Elberadweg rieseln. „Die Bohrungen im Sandstein unterhalb der Basteiaussicht zeigen teilweise einen Wechsel aus festem Gestein, Lockergestein bis hin zu sandigen Bereichen“, bestätigt Tobias Lorenz vom Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement.

Untersucht wurde der Bereich von acht bis 16 Meter unterhalb der Aussichtsplattform. Da bis zu 1,5 Millionen Menschen jährlich das Wahrzeichen der Sächsischen Schweiz begehen, gingen die Wissenschaftler akribisch bei der Analyse der Standfestigkeit des Sandsteins vor. Zunächst wurden Bohrungen sowie Ultraschallmessungen durchgeführt. Anhand der Ausbreitungsgeschwindigkeit der Schallwellen wird die Struktur des Felsens sichtbar. Im Labor wurden dann die Gesteinsproben unter anderem auf ihre Druckfestigkeit untersucht und Dünnschliffe angefertigt, um die Zusammensetzung des Sandsteins zu ermitteln. „Auch hier wurde eine teilweise geringe Festigkeit ermittelt sowie eine sehr hohe Wasseraufnahmefähigkeit einiger Proben, was ebenfalls auf eine verminderte Festigkeit und mögliche Erosion hindeutet“, sagt Tobias Lorenz. Die Schlussfolgerung lautet: Niemand kann garantieren, dass der Basteifelsen künftige Generationen von Touristen tragen kann.

Überhaupt könne man nicht sagen, wie lange das Gestein noch in dieser Form Bestand hat – ob mehrere Jahrzehnte oder doch nur wenige Monate. Dass Sandstein von jetzt auf gleich zerbröseln kann, ist eine unberechenbare Gefahr in der Sächsischen Schweiz.

Immer wieder Zwischenfälle

Bestes Beispiel: der nur wenige Meter Luftlinie von der Bastei entfernte Wartturm. Im Jahr 2000 löste sich eine 300 Kubikmeter große Sandsteinplatte und donnerte rund 60 Meter tief ins Elbtal. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Oder ein rund acht Meter hoher, frei stehender Sandsteinblock unweit der Felsenhöhle Kuhstall, der im April 2011 in sich zusammenbrach. Ein Jahr später krachten in den Schwedenlöchern unweit der Bastei Steine auf einen Wanderweg und verletzten Touristen.

Hinterer Teil besser in Schuss

Unberechenbar ist auch der zur Elbe gerichtete Teil des Basteifelsens. Zumindest hält sich das Finanzministerium mit Prognosen zurück, die den möglichen Zeitpunkt eines Abbruchs betreffen: „Aufgrund der heterogenen Festigkeitsstörung des Felsmaterials und Unzugänglichkeit in den Innenspalt lassen sich keine belastbaren Eingrenzungen zum Einsturzzeitpunkt vornehmen“, so Sprecher Stephan Gößl. Um diesen hinauszuzögern, soll die Felsoberfläche nach dem Rückbau der jetzigen Aussicht mit einer Dichtschicht versehen werden, damit weniger Feuchtigkeit in den Felsen eindringt.

Besser in Form, also weniger porös, ist laut Messungen der hintere Teil des Felsens. Deshalb könnte dort, wenn die Landesdirektion die Genehmigung erteilt, der neue Steg aufliegen und über dem porösen Gestein schweben. Frühestens 2019 soll der Plan umgesetzt werden.

Ende dieses Monats erfolgt zunächst die Abnahme der zwei Steinschlagzäune, die in den vergangenen Wochen oberhalb des Cafés Hirschgrund errichtet worden sind. Sie wurden pünktlich fertig. Als Nächstes folgt der Rückbau der vorderen zehn Meter der berühmten Basteiaussicht. Jener zehn Meter, die Millionen Besucher getragen haben und jetzt zu gefährlich sind.