• Einstellungen
Donnerstag, 12.10.2017

Unterschwellige Unzufriedenheit

Dynamo hat nach neun Spielen genauso viele Punkte wie in der vorigen Saison. Und doch ist die Stimmungslage anders – warum?

Von Sven Geisler

Lange ist es her: Nur zum Saisonstart am 30.Juli konnten die Dynamos bisher über einen Heimsieg jubeln. Lucas Röser erzielte spät das Siegtor, Patrick Möschl und Rico Benatelli (v.l.) freuen sich mit.
Lange ist es her: Nur zum Saisonstart am 30. Juli konnten die Dynamos bisher über einen Heimsieg jubeln. Lucas Röser erzielte spät das Siegtor, Patrick Möschl und Rico Benatelli (v. l.) freuen sich mit.

© Robert Michael

Die Tabelle lügt nicht, heißt es. Und ab einem unbestimmten Zeitpunkt in der Saison stimmt das sicher auch; ob das schon nach dem neunten Spieltag gilt, sei dahingestellt. Bei Dynamo Dresden ist es sowieso anders. Jedenfalls gefühlt. Da haben die Schwarz-Gelben einen durchwachsenen Start in ihr zweites Zweitliga-Jahr hingelegt, eine Achterbahnfahrt, manche schrieben sogar, sie hätten mit dem Sieg in Heidenheim den „freien Fall“ gestoppt.

Worauf sich solche Bewertungen beziehen mögen: auf die Tabelle mit Sicherheit nicht. Dynamo steht zwar als Zehnter tatsächlich einen Platz schlechter da als im Herbst vorigen Jahres, aber die Punktausbeute ist die gleiche: zwölf Zähler nach jeweils drei Siegen, Unentschieden und Niederlagen. Nur wegen der um zwei Treffer schlechteren Tordifferenz – 13:15 statt 13:13 – ist es „nur“ der zweitbeste Start in der zweiten Liga. In den fünf Spielzeiten zuvor waren elf Punkte die maximale Ausbeute aus den ersten neun Partien.

Warum also werden die Dresdner kritischer gesehen als 2016? Ein Grund ist die gestiegene Erwartungshaltung. „Wir haben die Messlatte sehr hoch gesetzt“, sagte Sportvorstand Ralf Minge im Sommer. Nachdem sie in der Rückrunde sogar dem Aufstiegsrelegationsplatz näher gerückt waren, hat sich bei einigen festgesetzt, Dynamo wolle diesmal oben angreifen. Dabei ist das gerade kein Ziel, nicht, weil sie es nicht wollen. Ein Aufstieg komme nie zu früh, hat Uwe Neuhaus im Interview mit der SZ wiederholt. Der Trainer sagte aber auch, dass eine Entwicklung nicht in zwei oder drei Jahren zu Ende sein müsse, es manchmal Umleitungen gebe.

Die Entwicklung der Mannschaft stehe im Vordergrund, aber zu glauben, sie könne so rasant weitergehen wie in den beiden Jahren zuvor, wären – Zitat Neuhaus – „Hirngespinste“. Trotzdem liegt darin vielleicht eine Erklärung für die unterschwellige Unzufriedenheit. Dynamo hat begeistert mit einem offensiven Fußball im Aufstiegsjahr, hat dann in der höheren Klasse emotionale Höhepunkte gesetzt: Durch überraschende Siege wie in Hannover (2:0) und gegen Stuttgart (5:0) waren Rückschläge gegen Aue (0:3), Kaiserslautern (0:4) und Sandhausen (0:2) schnell vergessen.

Zudem gab es als Sahnehäubchen den Pokal-Elfmeter-Krimi mit der Sensation gegen den Emporkömmling RB Leipzig. Diesmal mühten sich die Dresdner in der ersten Pokalrunde zum 3:2 gegen den Viertligisten Koblenz. Und auch in der Liga erscheinen die Siege gegen die Aufsteiger Duisburg (1:0) und Regensburg (2:0) eher eingeplant, bestenfalls der in Heidenheim (2:0) wird als überraschend eingestuft.

Hinzu kommt die Diskrepanz zwischen Heim- und Auswärtsbilanz: Im eigenen Stadion hat Dynamo nur vier Punkte behalten, dafür acht aus der Ferne mitgebracht. Im Vorjahr war es genau umgedreht. Nach der bitteren 0:4-Klatsche gegen Sandhausen haben die Fans zwar trotzdem gefeiert, was angesichts der vergangenen zwei Jahre mehr als angemessen war. Doch der letzte Eindruck vom Spiel gegen Bielefeld war wieder kein guter, und das mehr wegen der Leistung als der unnötigen 0:2-Niederlage.

Neuhaus will sich und der Mannschaft keinen Heimkomplex einreden oder einreden lassen. Das wäre auch fatal, denn die Stimmung im DDV-Stadion ist ein Pfund. Für die Partie am Sonnabend, 13 Uhr, gegen den FC Ingolstadt ist der Heimbereich so gut wie ausverkauft. Die Fans wenden sich also nicht etwa ab, das war auch nicht zu befürchten. Sie haben ein feines Gespür dafür, dass die Mannschaft vielleicht nicht mehr auf dieser Aufstiegseuphoriewelle surft und deshalb die Unterstützung umso mehr braucht.

Nun muss nur die Mannschaft auch wieder auf diese Kraft der Masse vertrauen. Das war es, was Marco Hartmann nach der ärgerlichen Heimpleite gegen Bielefeld gemeint hat. Ein 0:1 in dem Stadion sei nichts, sagte der Kapitän. „Das muss man verinnerlichen, hier so ein Spiel noch drehen zu können.“ Bisher büßte Dynamo durch späte Gegentreffer sechs Punkte ein, dagegen steht nur das 1:0 von Lucas Röser gegen Duisburg in der 88. Minute. Auch das war in der vorigen Saison anders, wobei: Das spektakuläre 3:2 gegen Braunschweig gab es erst am elften Spieltag.

Solche Erlebnisse bleiben hängen, und diesmal ist es eben das 3:3 in Darmstadt im negativen Sinne: den Sieg in der Nachspielzeit vergeben. Das war eine gefühlte Niederlage – und erklärt ganz gut das Stimmungsbild von Dynamos Saisonstart.

Desktopversion des Artikels

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.