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Dienstag, 21.03.2017

Unter der Gürtellinie

Immer mehr Menschen infizieren sich mit Geschlechtskrankheiten. Experten warnen vor einer neuen Unbedarftheit.

Von Carina Brestrich und Maria Fricke

Die schönste Nebensache der Welt kann auch gefährlich werden. Dabei ist Schutz so einfach.
Die schönste Nebensache der Welt kann auch gefährlich werden. Dabei ist Schutz so einfach.

© dpa / Bodo Marks

Drei Jahre lang versuchte Mareike Schild (Name geändert), schwanger zu werden. Doch der Wunsch blieb unerfüllt. Der zweite Streifen auf dem Schwangerschaftstest, der verkündet, dass aus einem Paar eine Familie wird, wollte sich nicht dunkel färben. Die 32-Jährige ringt sich schließlich zu einem Besuch beim Frauenarzt durch. Dort erhält sie eine niederschmetternde Diagnose: eine Chlamydien-Infektion. Das sind Bakterien, die zu Unfruchtbarkeit führen können.

Mareike Schild ist damit kein Einzelfall. Seit einigen Jahren verzeichnen Ärzte und Behörden in Sachsen deutliche Anstiege bei den Geschlechtskrankheiten. Die Zahl der Syphilis-Fälle hat sich beispielsweise von 2010 zu 2015 von 123 auf inzwischen 248 Fälle im Freistaat glattweg verdoppelt. Deutliche Zuwächse sind sachsenweit auch bei den Neuinfektionen mit Tripper zu verzeichnen, die Zahl der HIV-Infektionen stieg im selben Zeitraum von 112 Fällen auf 180. Die Chlamydien-Infektion ist die mit Abstand am häufigsten auftretende Geschlechtskrankheit. Allein für 2016 weist die Statistik über 4 100 Fälle aus.

Betroffen sind vor allem Großstädte wie Dresden, aber auch im Kreis Mittelsachsen stecken sich immer wieder Menschen mit Geschlechtskrankheiten, ausgelöst durch Viren, Pilze, Bakterien oder Parasiten, an. Erfasst wurden in den vergangenen Jahren laut Kreissprecher André Kaiser unter anderem Gonorrhoe (Tripper), Lues (Syphilis), Chlamydieninfektionen sowie Hepatitis B und C. Vor allem mit Gonorrhoe, Lues und Hepatitis B haben sich, so Kaiser, in den vergangenen fünf Jahren immer mehr Menschen angesteckt. Anhand der Statistik zu Gonorrhoe und Lues werde laut dem Kreissprecher ersichtlich, dass die Fallzahlen in den zurückliegenden zehn Jahren erhebliche Schwankungen aufweisen, sich aber im moderaten Bereich bewegen.

Schwankende Fallzahlen

„Die direkten oder indirekten Erregernachweis wurden nichtnamentlich an das Gesundheitsamt beziehungsweise das Robert-Koch-Institut gemeldet“, erklärt André Kaiser. Doch längst nicht alle Geschlechtskrankheiten müssen dem Gesundheitsamt gemeldet werden. Pilzinfektionen sowie andere virusbedingte Erkrankungen seien davon ausgenommen.

Mit Chlamydien stecken sich vor allem junge Frauen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren an. Betroffen sind aber auch schon unter 20-Jährige. Eine Tatsache, die mit Blick auf die Demografie auch die Unterschiede zwischen Landkreis und Großstädten zumindest ein Stück weit erklären könnte. Während die Krankheit bei Männern oft symptomlos abläuft, kann die Infektion bei Frauen zu verklebten Eileitern und damit zur Unfruchtbarkeit führen, wie Petra Spornkraft-Ragaller vom Dresdner Universitätsklinikum erklärt.

Die Oberärztin an der Klinik für Dermatologie hat auch eine Erklärung für den sprunghaften Anstieg bei den Infektionskrankheiten in Sachsen. Dahinter steckt ihrer Ansicht nach eine neue Unbedarftheit. Immer öfter lassen gerade junge Erwachsene das Kondom weg. „Sie legen sich jedoch nicht mehr gern auf einen Partner fest und wechseln sie häufiger“, so die Ärztin.

Christian Albring, der Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, warnt vor allem davor, die Gefahr einer Ansteckung mit HIV zu unterschätzen. Das Virus sei nicht mehr so in den Köpfen der Menschen präsent wie etwa noch in den 1990er Jahren. Zudem sei bei vielen der Gedanke verankert, dass eine Aidserkrankung heute nicht mehr unbedingt tödlich ist. Das wirke sich auch auf den sorglosen Umgang der Menschen mit den anderen sexuell übertragbaren Krankheiten aus.

Auch HIV spielt im Kreis eine Rolle. Im vergangenen Jahr haben insgesamt 49 Personen die Möglichkeit wahrgenommen, sich über den öffentlichen Gesundheitsdienst anonym auf HIV-Antikörper testen zu lassen. Zuvor fand eine umfangreiche Beratung der Frauen und Männer statt, wie Kaiser deutlich macht. Alle Tests waren negativ, so der Kreissprecher. „Es gibt HIV-Patienten im Landkreis, aber wir wissen nicht wie viele. Die Betroffenen können sich ja auch beim Arzt testen lassen.“ Alle Tests und Beratungen beim Gesundheitsamt sind für die Betroffenen kostenlos.

In Sachen HIV wird zudem viel Aufklärungsarbeit betrieben. Mittelsächsische Schulen können dabei auf Unterstützung durch das Gesundheitsamt zurückgreifen. Es vermittelt Projekte, die vom Sächsischen Sozial- und Verbraucherministerium gefördert werden.

Bei Mareike Schild konnte die Chlamydiose behandelt werden. Nun kann die Frau wieder auf ein Baby hoffen.

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