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Freitag, 11.08.2017

Ungeliebtes DDR-Relikt im Berliner Zentrum

Dass Berlin Probleme beim Bau von Flughäfen hat, ist bekannt. Doch die Hauptstadt tut sich auch bei so manchem historischen Bauwerk schwer.

Von Jutta Schütz

Offene Türen gab es hier früher gar nicht und auch derzeit nur ganz selten für Besucher: Der Gefängnistrakt im einstigen Polizeipräsidium nahe dem Berliner Alexanderplatz.
Offene Türen gab es hier früher gar nicht und auch derzeit nur ganz selten für Besucher: Der Gefängnistrakt im einstigen Polizeipräsidium nahe dem Berliner Alexanderplatz.

© dpa

Der Maler Norbert Bisky, Rock-Musiker Tony Krahl, die Mutter des letzten erschossenen DDR-Flüchtlings Chris Gueffroy, Karin Gueffroy, und der Journalist Alexander Osang wurden hier „zur Klärung eines Sachverhalts“ verhört. Das frühere DDR-Polizeipräsidium nahe dem Berliner Alexanderplatz mit seinem Gefängnistrakt war berüchtigt und gefürchtet. Der Ort spiegelt reichlich deutsche Vergangenheit. Doch die liegt hier ziemlich brach.

Ein Lernort der Geschichte – so wie eigentlich geplant – ist das einstige Polizeigefängnis bis heute nicht. Es ist verschlossen und umstritten. Der Befund knapp 27 Jahre nach der Wiedervereinigung fällt ernüchternd aus. Gedenkstätte für alle oder Bildungsangebot für Schüler? Das ist eine der Fragen in der auch in diesem Fall überlangen Berliner Hängepartie.

Roland Jahn, Bundesbeauftragter für Stasiunterlagen, gibt sich diplomatisch. Dass die Keibelstraße für Schülergruppen geöffnet werden solle, könne nur ein erster Schritt sein. „Er sollte allen zur Verfügung stehen, also als Gedenkstätte öffentlich zugänglich sein“, findet Jahn. In dem einstigen Knast könne das Zusammenwirken von Volkspolizei und Stasi anschaulich gezeigt und damit über Mechanismen der Diktatur aufgeklärt werden.

Auch die zuständige Senatsverwaltung für Bildung, die seit 2010 im sanierten Teil des riesigen Komplexes an der Keibelstraße sitzt, will aus dem Gefängnis einen Lernort für Schüler machen. Doch wann dieser startet, ist bislang unklar. Für 2018 sind immerhin Haushaltsmittel für Lernmöbel und -materialien beantragt. Einige Zellen sollen im Originalzustand bleiben, etliche andere seien durch frühere Filmaufnahmen verändert, heißt es.

Wegen fehlenden Brandschutzes und nicht vorhandener Fluchtwege ist das Gebäude laut Verwaltung derzeit nicht für Bildungsveranstaltungen geeignet. Deshalb konnte es bisher nur in geringem Umfang an Tagen der offenen Tür der Bevölkerung zugänglich gemacht werden. Derzeit wird das Haus durch die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) „grundertüchtigt“, wie es im Behördendeutsch heißt. Doch große bauliche Veränderungen soll es ohnehin nicht geben, um die Authentizität zu erhalten.

Bereits Ende 2010 hatte eine damalige Bildungsstaatssekretärin angekündigt, „dass man hier etwas unternehmen muss“. Ihre Verwunderung darüber, dass es an dem original erhaltenen Ort seit der Wiedervereinigung keine Aufarbeitung gab, war öffentlich bekannt. Nicht nur einmal appellierten frühere Gefangene an den Senat, eine Erinnerungsstätte einzurichten – als Zeugnis staatlicher Willkür.

Der Chef der Stasi-Opfer-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, hält die Bildungsverwaltung für schlichtweg personell wie fachlich überfordert, was das Projekt anbetrifft. Er plädiert für eine öffentliche Gedenkstätte mitten in der Stadt. Er habe dem Senat einen Plan vorgeschlagen, doch der sei nach der Bildung der rot-rot-grünen Landesregierung untergegangen, so Knabe, der darin „politischen Unwillen“ erkennen will.

In dem Polizeipräsidium waren einst etwa 140 Zellen verteilt. Von hier aus sorgte der junge Erich Honecker mit seinem Einsatzstab für die Absicherung des Mauerbaus 1961. Ursprünglich als Hauptverwaltung für den Karstadt-Konzern errichtet, saß in dem Komplex während der Nazizeit das Statistische Reichsamt. (dpa)