• Einstellungen
Samstag, 20.05.2017

„Unendlich viele Arten der Gärung“

Die belgische Bierkultur steht sogar auf der Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes. Dorthin hat es die deutsche Biertradition bislang nicht geschafft. Woran liegt das?

Von Matthias Arnold

Das Westvleteren-Bier, von den Trappistenmönchen in der Abtei Sankt Sixtus gebraut, wird ausschließlich vor Ort im Kloster verkauft.
Das Westvleteren-Bier, von den Trappistenmönchen in der Abtei Sankt Sixtus gebraut, wird ausschließlich vor Ort im Kloster verkauft.

© dpa

Die belgische Bierkultur hat in Brüssel einen Platz, der ihrer würdig ist: Der spektakuläre Grand-Place bildet seit vielen Jahrhunderten das Herzstück der belgischen Hauptstadt. Das mit zahlreichen Skulpturen und einem hohen Turm verzierte Rathaus flankieren die Barockfassaden der ehemaligen Zunfthäuser. Auch die Brauerzunft war hier vertreten. Heute sitzt im selben Gebäude Belgiens größter Brauereiverband. Fast 1 500 verschiedene Biersorten werden laut Unesco in dem Land produziert.

Seit Ende vergangenen Jahres prangt die belgische Bierkultur auch auf der Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit. Im ehrwürdigen Rathaus am Grand-Place bekamen Vertreter des Landes und seiner Sprachgemeinschaften am Freitag nun die offizielle Auszeichnung überreicht. Eine Ehre, die der ebenfalls traditionsreichen deutschen Bierkultur bislang verwehrt blieb.

„Es geht nicht um das Produkt an sich, es geht um die Tradition, die Art und Weise, wie Bier hergestellt, serviert und konsumiert wird“, erklärt Verbandsgeschäftsführer Jean-Louis Van de Perre. „Für fast jede Biermarke gibt es ein eigenes Glas, es gibt unendlich viele Arten der Gärung.“

Das Glas des Kwak-Bieres etwa ist unten rund und wird in einer Holzvorrichtung hängend serviert. Das erinnert eher an den Chemie-Unterricht als an ein gemütliches Feierabendgetränk. Der Alkoholgehalt von 8,4 Prozent ist wie bei vielen belgischen Bieren zudem deutlich höher als bei herkömmlichen deutschen Bieren.

Wie auch in Deutschland und anderen Ländern war Bierbrauen früher häufig eine Sache der Mönche. In Belgien gibt es heute noch sechs Klöster, in denen die Mönche nach alter Tradition mit dem Trappistenbier ihren Lebensunterhalt verdienen. Für Bier-Touristen sind das beliebte Reiseziele.

Doch der Stolz auf die eigene Biertradition spiegelt sich nicht so recht wider im Trinkverhalten der Belgier. Der Pro-Kopf-Konsum lag nach Verbandsangaben im Jahr 2015 bei durchschnittlich rund 71 Litern pro Einwohner. Fünf Jahre zuvor waren es noch sieben Liter mehr. Die Branche muss sich umstellen. 65 Prozent der belgischen Produktion gehen nach Verbandsangaben inzwischen ins Ausland.

Seit einigen Jahren gebe es zudem eine wahre Explosion an regionalen Craft-Brauereien, deren Produkte beim jungen Publikum gut ankämen, sagt Van de Perre. „Das war ein notwendiger Weckruf für die großen Brauereien.“ Diese brächten zunehmend Misch- und alkoholfreie Biere auf den Markt, um die stärker auf ihre Ernährung achtende Kundschaft zu befriedigen.

Dass die Unesco nun die belgische Biertradition zum immateriellen Kulturerbe ernannt hat, wurde auch in Deutschland registriert. Schließlich wird die Bierkultur auch hier zelebriert. Nach Angaben des Deutschen Brauer-Bunds produzieren in Deutschland rund 1 400 Brauereien etwa 6 000 verschiedene Marken.

Dennoch hat es das Brauwesen bislang nicht einmal ins deutsche Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes geschafft – eine Voraussetzung, um für die offizielle Unesco-Liste nominiert zu werden. „Es gab im Jahr 2014 eine Bewerbung aus Bayern für das bundesweite Verzeichnis“, sagt die Sprecherin der deutschen Unesco-Kommission, Katja Römer. Aber die wurde abgelehnt. „Im Vordergrund der Bewerbung stand vor allem das Reinheitsgebot“, sagt Römer. Aus Sicht der Kommission hätte sich die Bewerbung stärker auf die Praxis des Bierbrauens in ihrer ganzen Vielfalt konzentrieren müssen. (dpa)

Desktopversion des Artikels