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Montag, 19.06.2017

Und tschüss!

Noch nie haben so viele Deutsche im Ausland studiert – trotz einiger Hürden, wie auch zwei Dresdnerinnen berichten.

Von Sebastian Martin

Immer mehr Deutsche sind an einer ausländischen Hochschule immatrikuliert.
Immer mehr Deutsche sind an einer ausländischen Hochschule immatrikuliert.

© dpa

Laura Aldejohann würde es vermutlich wieder tun – die Sachen packen und für ein paar Jahre Deutschland verlassen. „Ich möchte die Zeit nicht missen“, sagt die Dresdnerin. Sie berichtet von der individuellen Betreuung, den internationalen Kontakten und vielem mehr.

Laura Aldejohann studiert seit sechs Jahren Humanmedizin im tschechischen Pilsen. Und sie ist alles andere als eine Exotin. Immer mehr Deutsche sind an einer ausländischen Hochschule immatrikuliert. Nach aktuellen Angaben des Statistischen Bundesamtes waren es 2014 rund 137 000, das sind 1,9 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Der Anstieg klingt zunächst moderat, ist aber Teil einer lang anhaltenden Entwicklung. Gingen 2004 noch 39 von 1 000 deutschen Studenten für eine akademische Ausbildung ins Ausland, waren es zehn Jahre später 58. Ganz oben in der Hitliste steht Österreich, gefolgt von Holland, Großbritannien und der Schweiz. In diese vier Länder zieht es 60 Prozent der im Ausland studierenden Deutschen. Aber auch die USA und zunehmend China sind beliebt.

Die Gründe sind verschieden. Manch einer will ins Warme, andere können sich nur im Ausland für das Traumfach einschreiben. Letzteres war auch bei Laura Aldejohann der Fall. Schon immer wollte sie Humanmedizin studieren, sagt sie. Mit einem Abi-Durchschnitt von 2,1 scheiterte sie jedoch am Numerus Clausus. Also absolvierte sie einen Test im tschechischen Pilsen und packte nach der Zusage ihre Sachen – obwohl sie anfangs gar nicht richtig wollte.

Auch Katharina Kunze hat in Deutschland nicht das studieren können, was sie wollte. 2005 habe sie sich für internationale Beziehungen an der TU Dresden einschreiben wollen, sagt sie. Doch das Fach ist seit jeher eines der gefragtesten überhaupt. Für die 36 Plätze im Bachelor-Studiengang gab es im vergangenen Jahr 393 Bewerber, 2015 waren es sogar 527. Da ist selbst ein Abi-Durchschnitt von 1,0 keine Garantie.

Katharina Kunze suchte eine Alternative – und fand sie im britischen Oxford. „Ich bin happy, dass ich da war, denn ich hatte eine tolle Zeit“, sagt sie. Von 2005 bis 2008 studierte die Dresdnerin an der weltbekannten Eliteuni erfolgreich Philosophie, Politik und Wirtschaft. Natürlich sei es anfangs aber etwas schwierig gewesen, sagt sie mit Blick auf die Bewerbung, die Finanzierung, die Wohnungssuche, die Kontoeröffnung und vieles mehr. Denn damals hätte es kaum Informationen gegeben. Heute ist das anders. Auch dank ihr.

Die Finanzierung muss stimmen

Katharina Kunze hat in Berlin das Start-up Oxbridge Bewerbung gegründet, das deutsche Studenten auf dem Weg an ausländische Spitzenunis unterstützt. Die Kunden erhalten Tipps für die Bewerbung oder die Aufnahmeprüfung. Auch Vor- und Nachteile von Finanzierungsoptionen werden erklärt. Ein wichtiger Punkt für viele. Denn die akademische Ausbildung im Ausland kann teuer werden – vor allem in England, wo ein Platz im Masterstudiengang schon mal 20 000 Pfund im Jahr kostet. Aber auch in Tschechien wird kräftig kassiert. Pro Jahr bezahle sie Studiengebühren in Höhe von 9 000 Euro, sagt Laura Aldejohann. Ohne Stipendien und die finanzielle Unterstützung ihrer Familie könnte sie sich das nicht leisten.

Wie eine aktuelle Studie des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) zeigt, schrecken neben der Wohnungssuche vor allem die Kosten den einen oder anderen Studenten davon ab, ins Ausland zu gehen. Selbst für ein Erasmussemester. Vor allem Kinder von Nichtakademikern sind betroffen. In Deutschland entscheide noch immer die Herkunft über einen Auslandsaufenthalt, heißt es in der Studie des CHE. Demnach ist unter den auslandsmobilen Studenten der Anteil der Akademikerkinder höher. Diese Gruppe zieht es zudem häufiger an eine ausländische Hochschule, wodurch sie auch häufiger von den Vorteilen profitiert. Denn ein Auslandsaufenthalt wirkt sich positiv auf die Persönlichkeit und den Lebenslauf aus. Das CHE plädiert deshalb dafür, die Hürden zu senken. Der Deutsche Akademische Austauschdienst berät dazu zum Beispiel diese Woche auf einer Tagung in Essen.

Laura Aldejohann, die seit sechs Jahren Humanmedizin in Pilsen studiert, will nach dem Examen zurückkehren. Angst, dass ihr tschechischer Abschluss in Deutschland nicht anerkannt wird, hat sie nicht. Bisher habe sie von keinen Problemen gehört, sagt sie. Es sei dafür nur etwas Papierkram nötig. Studenten anderer Fächer haben es noch einfacher. Denn ausländische Hochschulabschlüsse, die nicht zu einem reglementierten Beruf wie Mediziner, Jurist oder Lehrer an staatlichen Schulen hinführen, regelt das Anerkennungsgesetz des Bundes nicht.

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