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Montag, 12.02.2018

Tschechisches Gasthaus mit deutscher Geschichte

Das Restaurant „Zu drei Karpfen“ wird nächstes Jahr 150. Gastwirt Roman Pešek sucht nun Nachkommen des letzten deutschen Besitzers.

Von Petra Laurin

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Eine historische Aufnahme vom Gasthaus „Zu drei Karpfen“.
Eine historische Aufnahme vom Gasthaus „Zu drei Karpfen“.

© privat

Roman Pesek zeigt auf den Bauplan aus dem Jahre 1931.
Roman Pesek zeigt auf den Bauplan aus dem Jahre 1931.

© Petra Laurin

Jablonec. Roman Pešek, der Gastwirt aus dem Restaurant „Zu drei Karpfen“ an der Podhorská Straße (Gebirgsstraße) in der Stadt Jablonec (Gablonz) ist auf der Suche nach den Nachkommen des letzten deutschen Besitzers dieser Gaststätte. „Im November 2019 feiert das Lokal sein 150-jähriges Jubiläum, aus diesem Anlass möchte ich sie gern zu einer Feier einladen und mehr über die Geschichte der Kneipe erfahren“, sagt er. Historiker haben ihm geraten, mit der Suche in Zittau zu beginnen.

Die Gaststätte „Zu drei Karpfen“ gehört gemeinsam mit dem „Goldenem Löwe“ zu den ältesten Wirtshäusern in der Stadt Jablonec. „Sie wurde 1869 von Adolf Richter gegründet und blieb seitdem ohne Unterbrechung in Betrieb, trotz der zwei Kriege“, sagte Bezirksarchivar Jakub Feige. Der letzte deutsche Besitzer war der Sohn von Adolf, Rudolf Richter, geboren am 4. März 1882. In dem Adressbuch von 1931 wurde er schon unter den 94 Gastwirten, die damals in Jablonectätig waren, aufgeführt.

In dieser Zeit ließ Rudolf seine Gaststätte großzügig umbauen, das Haus wurde um ein Stockwerk erhöht. Sein Bruder Reinhold führte in dem Nebenhaus eine Metzgerei. Kurz nach dem Kriegsende, im August 1945, wurden die beiden Richter-Brüder und ihre Verwandten – die Familien Richter und Suske – vertrieben. „Damals ging es um die wilde Vertreibung, viele von diesen Menschen wurden nur hinter die Grenze nach Zittau transportiert beziehungsweise mussten dorthin zu Fuß marschieren“, erklärte die Ethnologin und Zeitzeugin Christa Petrásková.

Roman Pešek, der selbst deutsche Wurzeln hat, möchte auch mehr über das Schicksal der Familie Richter herausfinden. „Sie verdient Respekt. Es ist merkwürdig, was die Leute damals geschafft haben und was sie nachher verkraften mussten“, sagt der 50-Jährige. Ihn würde auch interessieren, wie der Name der Gaststätte entstanden ist. Schon jetzt hängen an den Wänden des Wirtshauses Richters Baupläne für den damaligen Umbau und in der Schänke zwei historische Archivfotos von 1931. „Gerne würde ich da noch die Konzession und andere historische Dokumente hinzufügen. Für jede Spur bin ich sehr dankbar“, sagt der heutige Wirt. Er möchte die Geschichte pflegen und auch damals gern gegessene Gerichte anbieten. Mit Karpfen bewirtet Roman Pešek, der die Gaststätte gemietet hat, seinen Kunden erst seit dem vorigen Jahr. In die Renovierung des Lokals hat er tüchtig investiert.

Seine Vorfahren, Familie Ullmann und Pfeiffer, hatten auch eine Gaststätte. Er hat als Koch in der Gastronomie begonnen und auch heute fühlt er sich hinter dem Herd wie zu Hause. Ein Großteil seiner Verwandten lebte nach der Vertreibung bei Augsburg, der Rest endete in der damaligen DDR. Die geheimnisvollen Familientreffen mit Menschen, die sehr selten zusammenkamen und sich trotzdem nah standen, waren für Roman Pešek schon immer ein Erlebnis. „Einmal, kurz nach der Wende, waren wir 35 Personen“, berichtet er. „Meine Oma Violetta, die ,daheim‘ bleiben durfte, hat später in einem Kindergarten gearbeitet, obwohl sie sehr schlecht tschechisch sprach“, erinnert er sich. Auch Pešeks Mutter lernte erst kurz bevor sie in die Schule kam Tschechisch. Bei Roman Pešek war es schon umgekehrt. „Ich verstehe zwar Deutsch und vor Hunger werde ich in Deutschland nicht sterben, viel erzählen kann ich leider aber nicht“, bedauert er.

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