• Einstellungen
Dienstag, 17.04.2018 Aus dem Gerichtssaal

Treppensturz und rote Nase

Weil sie vor Gericht log, drohen einer Radebeulerin mindestens drei Monate Haft.

Von Jürgen Müller

Diese Treppe soll ein Mann einen anderen hinuntergestoßen und ihm dann noch Faustschläge ins Gesicht versetzt haben. Doch vor Gericht sitzt jetzt seine Freundin.
Diese Treppe soll ein Mann einen anderen hinuntergestoßen und ihm dann noch Faustschläge ins Gesicht versetzt haben. Doch vor Gericht sitzt jetzt seine Freundin.

© Norbert Millauer

Meißen. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten, lautet das achte Gebot. Das gilt in der Kirche, aber auch im Gerichtssaal. Dort sogar noch einen Zacken schärfer. Denn Zeugen dürfen nicht lügen, müssen die Wahrheit sagen. Ansonsten drohen Strafen. Uneidliche Falschaussage vor Gericht heißt das dann. Mindeststrafe: drei Monate Haft. Wird der Zeuge oder die Zeugin vereidigt und lügt dann unter Eid immer noch, geht’s sogar ab sechs Monaten Gefängnis los.

Wegen einer solchen uneidlichen Falschaussage sitzt nun auch eine 26-jährige Radebeulerin vor Gericht. Sie soll am 11. August vorigen Jahres bei einer Verhandlung am Meißner Amtsgericht, bei der ihr Freund wegen Körperverletzung angeklagt war, gelogen haben. Ganz offensichtlich wollte sie ihren Freund entlasten. Dem wurde vorgeworfen, in Radebeul an einer Gaststätte im ehemaligen DDR-Museum einen damals 27 Jahre alten Mann mit einen Fußtritt eine Treppe hinuntergestoßen zu haben.

Danach soll er dem Geschädigten noch mehrmals mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben. Die Zeugin hatte ausgesagt, dass der Mann von allein die Treppe hinuntergefallen sei. Später habe es eine „Rangelei“ zwischen ihrem Freund und dem anderen Mann gegeben. Obwohl der Richter sie mehrmals auf Diskrepanzen in ihren Aussagen aufmerksam machte, blieb sie bei ihrer Darstellung. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage wegen uneidlicher Falschaussage.

Diesmal will sich die Frau nicht äußern. Als Angeklagte hat sie dieses Recht, und als Angeklagte darf sie – im Gegensatz zu Zeugen – sogar lügen. Wer etwas dazu sagen könnte und – weil er bereits rechtskräftig verurteilt ist – auch muss, ist ihr Freund. Mit dem lebt sie nach eigenen Angaben seit elf Jahren zusammen. Und – welch glücklicher Umstand – vor ein paar Monaten haben sich die beiden verlobt.

Obwohl eine Verlobung keinerlei rechtliche Bedeutung hat und auch kein Verwandtschaftsverhältnis begründet, haben Verlobte vor Gericht ein Zeugnisverweigerungsrecht. So sagt es die auch in diesem Punkt recht angestaubte Rechtsprechung. Dieses Recht nimmt der Mann nun in Anspruch und revanchiert sich damit bei seiner Freundin, dass sie damals für ihn aussagte. Geholfen hatte es ihm allerdings nicht. Er wurde trotzdem verurteilt.

Sehr gut erinnern kann sich der Geschädigte an den Vorfall, und das, obwohl er ziemlich viel Alkohol getrunken hatte. Sechs bis acht Bier und ein paar Schnäpse hatte er intus. „Meine Wahrnehmung war noch gut, ich konnte stehen und laufen, habe alles mitgekriegt“, sagt er. Der Angriff nach einer verbalen Auseinandersetzung sei für ihn völlig überraschend gekommen. „Ich bekam einen Tritt in den Rücken, konnte mich gerade noch abfangen. Als ich mich umdrehte, stand der Mann vor mir und schlug mir mehrfach mit der Faust ins Gesicht“, sagt er. Er brach sich das Nasenbein. Passanten hätten ihm geholfen, den Schläger von ihm weggezogen.

Ehe weitere Zeugen gehört werden sollen, greift Verteidiger Andrej Klein ein. Seine Mandantin sei durch die Verhandlung beeindruckt und finanziell nicht in der Lage, mehrere Verhandlungstage zu stemmen. Er gehe davon aus, dass sie damals das gesagt habe, woran sie sich erinnern konnte. Er möchte eine Verfahrenseinstellung erreichen. Richterin Ute Wehner und Staatsanwältin Claudia Jentzsch lassen sich darauf ein, allerdings mit einer Auflage. Die Frau muss 500 Euro zahlen. Passenderweise an den Verein „Rote Nasen“.

Desktopversion des Artikels