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Dienstag, 21.03.2017

Tod im Skiparadies

Sie kommen mit ungeahnter Wucht und walzen bergabwärts alles nieder. Jedes Jahr sterben Wintersportler in den Lawinen.

Von Lena Klimkeit und Sabine Dobel

Lawinensuchhund Lukas ist auf dem Nebelhorn bei Oberstdorf fündig geworden. Bei der Übung entdeckt der Hund eine zuvor in einem Schneeloch versteckte Person.
Lawinensuchhund Lukas ist auf dem Nebelhorn bei Oberstdorf fündig geworden. Bei der Übung entdeckt der Hund eine zuvor in einem Schneeloch versteckte Person.

© dpa

Sonniges Wetter. Wenige Spuren im einige Tage alten Schnee. Perfekte Bedingungen. Trotzdem passiert es. Drei Menschen sterben in einer Lawine bei Courmayeur im italienischen Aostatal. Am Tag danach: der Schock und die Frage nach dem Warum. „Die Abfahrt war nordseitig, das Wetter war gut, und der letzte Schneefall war am Sonntag“, sagt der Geschäftsführer des DAV Summit Clubs, Manfred Lorenz. „Nach erster Begutachtung eigentlich eine sichere Sache.“ Eine Gruppe der Bergsportschule des Deutschen Alpenvereins war in der Rinne, ein Mann aus München starb. Die Gruppe habe zuvor eine genaue Risikoabwägung getroffen.

Die sechs Männer waren in die Nordrinne unterhalb der Bergstation in die Cresta Youla gefahren, eine beliebte Freeride-Abfahrt. Weitere Skifahrer folgten. Als die erste Gruppe fast am Ende der Rinne auf rund 1 900 Metern Höhe ankommt, löst sich oben ein Schneebrett. Menschen schreien – Deutsche, Italiener, Franzosen und Belgier sind unterwegs. Fünf werden verletzt in Krankenhäuser gebracht. Für den Münchner sowie einen Italiener und einen Belgier kommt jede Hilfe zu spät.

Zwar herrschte erhebliche Lawinengefahr, Stufe drei auf der fünfstufigen Skala. Das gilt grundsätzlich nicht als Grund, eine Tour abzusagen. „Aber das erfordert eine umsichtige Beurteilung der Lage“, sagt Reiner Taglinger, Vorstand Ausbildung beim Verband Deutscher Berg- und Skiführer. Etwa sollten Hänge gemieden werden, die steiler sind als 35 Grad. Bei den Warnstufen zwei, vor allem aber drei geschehen die meisten Unfälle. Dem Schweizerischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung zufolge ereigneten sich bei Stufe drei im Schnitt 58 Prozent der tödlichen Unfälle.

Oft gilt Stufe drei bei Neuschnee – der lockt mehr als Altschnee, der bei Stufe eins wenig Skivergnügen bietet. Selbst dann kann etwas passieren, wie vor einem Jahr, als am Breiten Grieskogel ein Skifahrer in ein Schneebrett geriet, aber unverletzt blieb. Für Freerider gehört die Gefahr zum Erlebnis: Sie präsentieren ihre gewagten Touren auf YouTube oder Instagram und bekommen Tausende Klicks dafür, dass der Nervenkitzel an den steilen Hängen auch am Bildschirm zu spüren ist.

Mehrere Umstände könnten im Aostatal zusammengekommen sein. Es waren viele Leute in der Rinne. Zudem soll warmer Wind geweht haben, der die Schneemassen instabil machte, sagte einer der Retter. Die Summit-Gruppe war etwa 300 Meter unter der Bergstation in den Hang gefahren, der oben sehr steil ist. Dort könnte eine andere Gruppe die Lawine ausgelöst haben. Drei Verschüttete wurden nach 50 Minuten geborgen. Die Überlebenschance sinkt nach 20 Minuten auf die Hälfte. Den Unglücksort verglich ein Retter in der La Repubblica mit einem Kampfplatz.

Es ist nicht das einzige Unglück in diesen Wochen an der französischen Grenze. Mitte Februar starben drei Skibergsteiger auf einer Tour, davor kamen vier Eiskletterer um. In der Schweiz wurde beim Snowboarden außerhalb der Piste ein Vater vor den Augen seines 17-jährigen Sohnes von einer Lawine mitgerissen. Gerade wenn es wenig Schnee gibt wie dieses Jahr, ist die Gefahr nicht geringer. Denn dann bleibe die Schneedecke oft instabil, erklärt Bergführer Taglinger. (dpa)

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