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Dienstag, 13.02.2018

Tage zum Nach-Denken

Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) mit einer weiße Rose.
Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) mit einer weiße Rose.

© Archiv: Sebastian Kahnert/dpa

Die Rede von Oberbürgermeister Dirk Hilbert zum Auftakt der Menschenkette Goldene Pforte, Rathausplatz 1 am 13. Februar 2018, 17 Uhr

Sehr geehrte Damen und Herren,

verehrte Gäste,

liebe Dresdnerinnen und Dresdner,

vielen Dank, dass Sie heute so zahlreich zum Rathaus gekommen sind. Ich habe zunächst eine kleine Bitte an Sie: Drehen Sie sich kurz um, lenken Sie Ihren Blick in die Richtung, in die auch ich schaue. Was sehen wir?

Eine drei Meter hohe Plastik; eine Frau mit Ziegelputzhammer in der Hand. Natürlich sehen wir mehr als nur eine Skulptur. Diese Frau mit Ziegelputzhammer will uns erinnern an die Mühen der Aufbauarbeit in der Nachkriegszeit, an die das Ereignis selbst wie auch seine Ursachen und Folgen. Sie ist eine in Stein gemeißelte Aufforderung. Ein Appell, nicht zu vergessen.

Das ist Auftrag aller Denkmäler, Erinnerungsorte – und Gedenktage. Der heutige Tag, der 13. Februar 2018, fordert uns dazu auf, uns bewusst zu machen, was vor 73 Jahren in Dresden geschah.

• Menschen wurden von den einstürzenden Decken ihrer Häuser erschlagen.

• Männer, Frauen und Kinder verbrannten auf den Straßen.

• Junge und Alte standen, eingepfercht in Kellern und Bunkern, Todesängste aus.

• Mütter, Väter, Geschwister verloren Verwandte, Bekannte und Freunde in dieser Nacht.

Ganz Dresden musste leiden. Und trotzdem bleibt das Leid höchst individuell. Luftschutzbunker? Reserviert für so genannte „Arier“.

Die nicht nach Auschwitz deportierten Bewohner des Judenhauses in der Sporergasse waren dem Bombenhagel schutzlos ausgeliefert und starben. Ihnen und allen anderen deportierten und umgekommenen Dresdner Jüdinnen und Juden haben wir heute Vormittag mit dem Verein Hatikva gedacht.

Zum Ge-Denken kommt also noch etwas: Solche Tage müssen uns zum Nach-Denken bringen, weil sie die Komplexität ganzer Epochen in einem historischen Moment, einem einzelnen Ereignis verdichten.

• Veranstaltungen auf Friedhöfen,

• Zusammensein an historischen Orten,

• Begegnung mit Zeitzeugen und internationalen Gästen,

• den Gedenkweg und Andachten.

Natürlich auch die Menschenkette! Wir stehen zusammen und reichen uns die Hand. Wir sind vereint im Andenken an die Opfer des Krieges und im Streben für Frieden und Demokratie.

Wir handeln gemeinsam. Das ist ganz entscheidend. Jahr für Jahr schrumpft die Generation, die selbst miterlebt hat, wie Dresden erst im braunen Sumpf versunken und dann im Feuersturm untergegangen ist. Deshalb genügt es aus meiner Sicht nicht mehr nur still zu gedenken.

Ja, Besinnung braucht Schweigen. Aber Schweigen darf nie in Sprachlosigkeit münden. Sprachlosigkeit gegenüber Stimmen, die ausblenden, dass Dresden Teil des nationalsozialistischen Systems der Menschenverachtung war. Darauf hinzuweisen schmälert das Andenken um keinen Millimeter.

Der im letzten Jahr verstorbene ehemalige Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Martin Roth fragte sich in seinem letzten Buch, wo die Schuld im Alltag so spürbar wird, dass Menschen sich dadurch heute in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen. Seine Antwort: „Für viel realer halte ich die Gefahr des kollektiven Vergessens“.

Wie Recht er hat! Unsere Aufgabe ist es – muss es sein – Erinnerung lebendig zu gestalten. Das gelingt, wenn wir uns aktiv mit unserer Geschichte auseinandersetzen. Stellen wir dagegen Rituale in den Vordergrund, bleibt ein inhaltliches Vakuum. Dann wäre auch das Trümmerfrauen-Denkmal tatsächlich nicht mehr als eine Skulptur. Wir brauchen also mehr historisch-politische Bildung und zivilgesellschaftliche Aktivitäten, statt staatstragender Zeremonien. Mit anderen Worten: Erinnerungskultur ist nicht nur das Ablegen von Kränzen, sondern auch und in ganz besonderer Weise gesellschaftliche Bildungsarbeit mit klarem Bezug zur Gegenwart.

Der 13. Februar 1945 war nicht einzigartig – weder im Kontext der Zerstörung europäischer Großstädte während des Zweiten Weltkrieges noch im Bezug zur Gegenwart. Afghanistan, Somalia, Nigeria, Kongo, Südsudan, Jemen: Eine Liste des Schreckens, die insgesamt 31 Einträge umfasst. Länder, in denen – während wir hier stehen – kriegerische Konflikte ausgetragen werden. Und immer leidet die Zivilbevölkerung. Es sind von Menschen gemachte Katastrophen. Also können Menschen sie auch beenden und verhindern.

Meine Damen und Herren,

Impulse für eine Kultur des Friedens zu setzen, das ist unsere Aufgabe, gerade weil wir Dresdnerinnen und Dresdner sind. Aus dem 13. Februar erwächst uns eine Verantwortung – nicht für die Vergangenheit, aber sehr wohl für das, was heute, morgen und übermorgen geschieht. In den Jahren und Jahrzehnten nach 1945 wurde viel erreicht. Stärkstes Symbol ist ohne Zweifel die wiedererstandene Frauenkirche und die Versöhnungsarbeit mit unserer Partnerstadt Coventry.

Aber ich bin überzeugt, dass wir noch mehr tun können. Im Alltag, indem wir Menschen mit anderer Kultur, Sprache, Religion, Hautfarbe oder Lebenseinstellung nicht ablehnend begegnen. Und in der Erneuerung unserer Erinnerungskulturen. Ich sage bewusst: Erinnerungskultur–en.

Ich lade Sie ein, die Debatte um das Gedenken in dieser Stadt mitzubestimmen:

• Welche Orte sind wichtig?

• Was darf nicht in Vergessenheit geraten?

• Wie wird man künstlerischen Ansprüchen gerecht?

• Auf welche Weise wird die Vergangenheit auch für folgende Generationen begreifbar?

Ich weiß, dass dieses Thema voller Emotionen ist. Es rührt direkt an der Identität unserer Stadt und uns als ihren Bürgerinnen und Bürgern. Ich bin aber überzeugt, dass es uns gelingen kann, die Energie der kontroversen Auseinandersetzung positiv zu nutzen. Wir haben die Chance gesellschaftliche Spaltungen zu überwinden und etwas Gemeinsames zu schaffen.

Wann wäre ein besserer Zeitpunkt für eine Debatte über Dresdens Erinnerungskulturen als heute, wo wir uns in der Phase der Bewerbung um den Titel Kulturhauptstadt Europas befinden?

Damit meine ich nicht nur den 13. Februar und keine neue Nabelschau. Dresden ist Teil eines Deutschlands, das die europäische Integration vorantreibt. Dresden ist aber auch eine Stadt, die ebenso tief von gesellschaftlichen Umwälzung geschüttelt wurde, wie die Staaten in Mittel- und Osteuropa, die sich nicht mehr, sondern weniger Europa wünschen.

Lassen Sie uns über die Vergangenheit dieser Stadt streiten! Wer über etwas streitet, zeigt, wie ernst es einem ist. Aber: Dies gelingt nur, wenn wir offen und friedfertig aufeinander zugehen. So wie es im Aufruf zur diesjährigen Menschenkette formuliert ist. Und nun strecken wir allen Demokraten die Hand aus, um mit uns gemeinsam in der Menschenkette zu stehen.

Vielen Dank, dass Sie heute wieder dabei sind!

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