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Samstag, 22.04.2017

Suche nach alten Filmschätzen

Geschichten aus der Sächsischen Schweiz und dem Osterzgebirge kommen auf eine DVD. Dazu können viele beitragen.

Von Peter Ufer

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Sichtet Amateurfilme aus der Region und will sie zu einem neuen Werk zusammenfügen: der Dresdner Filmemacher Ernst Hirsch.
Sichtet Amateurfilme aus der Region und will sie zu einem neuen Werk zusammenfügen: der Dresdner Filmemacher Ernst Hirsch.

© Robert Michael

Flanieren auf dem Pirnaer Markt – eine Aufnahme aus dem Jahr 1936 aus der Sammlung von Ernst Hirsch.
Flanieren auf dem Pirnaer Markt – eine Aufnahme aus dem Jahr 1936 aus der Sammlung von Ernst Hirsch.

© Repro: SZ

Ein Tross von Rennradlern rollt durch Bad Schandau. In den 1970er-Jahren muss der kurze Film gedreht worden sein.
Ein Tross von Rennradlern rollt durch Bad Schandau. In den 1970er-Jahren muss der kurze Film gedreht worden sein.

© Repro: SZ

Historische Baustelle: Die fast 270 Meter lange Elbbrücke in Bad Schandau wurde 1977 fertiggestellt.
Historische Baustelle: Die fast 270 Meter lange Elbbrücke in Bad Schandau wurde 1977 fertiggestellt.

© Repro: SZ

Sächsische Schweiz. DDR-Fahnen überall. Plötzlich rast auf den Marktplatz in Bad Schandau ein grün-weißer Wolga der Volkspolizei. Links und rechts stehen Hunderte Menschen und warten gespannt auf das, was folgen wird. Aber noch passiert nichts. Gleich müssen sie kommen. Gleich. Dann rollen sie über das Kopfsteinpflaster: Fahrradfahrer über den Lenker gebeugt, kaum ein Blick auf die winkenden Kinder, Männer und Frauen am Straßenrand. Die Sportler des Radrennens haben es eilig. Dann bricht der Film ab. Plötzlich kommen die Bilder wieder, ein Motorrad samt Volkspolizist fährt an dem Kameramann vorbei.

Die bewegten Bilder zeigen ein Radrennen aus den 1970er-Jahren. Wann genau es stattfand, steht nicht fest. Die Mitglieder des Pirnaer Filmclubs rätseln noch. Doch der Film schickt den Zuschauer in die Vergangenheit, als Radfahrer noch für den Frieden Schlaglöcher umrundeten.

Die DVD mit der Nummer 05 zeigt ebenso die Schandauer Elbbrücke im Bau, einen Brigadeausflug der Kollegen des VEB Kunstseidenwerk Siegfried Rädel Pirna. Der war feuchtfröhlich. Und als sich auf der Fähre einige Männer über das Geländer biegen, da wissen alle, dass dieser Teil des Filmes offiziell nie gezeigt wird. Doch in privaten Runden ist das der Lacher.

Der Streifen stammt aus einer Sammlung des Pirnaer Film- und Videoclubs. „Das Original existiert nicht mehr“, sagt Jörg Viol, Chef des Vereins. In den Fluten des Jahres 2002 verloren die Amateurfilmer viele ihrer Schätze. Zum Glück hatten sie einen Teil davon vorher von der Leinwand abgefilmt und digital gespeichert. So auch den Streifen über das Heimatfest in Pirna 1958 oder über das Hochwasser 1957. Echte Raritäten, denn sie zeigen Geschichte mit den Menschen, die sie erlebt und gestaltet haben.

Jörg Viol besitzt lange Listen mit Nummern und Bezeichnungen jener Filme, die seit den 1950er-Jahren Mitglieder des Klubs gedreht haben. Aufnahmen aus der Vorkriegszeit besitzt er allerdings nicht, denn da existierte der Klub noch nicht. Dafür verfügt der Dresdner Filmemacher Ernst Hirsch über Material, das bisher kaum einer gesehen hat. Ein Dokument der besonderen Art zeigt amerikanische Soldaten, wie sie im Mai 1945 französische Generäle von der Festung Königstein abholen. Ein anderer Film erzählt die Geschichte eines Dresdner Unternehmens, das 1946 Wurzelholz in der Sächsischen Schweiz rodet.

Kramen in Kisten erwünscht

All diese Aufnahmen werden zurzeit von Ernst Hirsch, Jörg Viol und weiteren Mitgliedern des Pirnaer Filmclubs gesammelt. Denn demnächst entsteht in Zusammenarbeit mit der Sächsischen Zeitung eine DVD, die Historie aus Pirna, der Sächsischen Schweiz und aus dem Osterzgebirge erzählen soll. „Sächsische Filmschätze“ heißt das Projekt, das in Dresden begonnen worde. Eine fünfteilige DVD-Reihe schildert 100 Jahre Geschichte der Landeshauptstadt. Der Reiz dieses Projektes besteht darin, dass vor allem Amateure ihre privaten Archive öffneten, um bewegte Bilder zu präsentieren, die so bisher in der Öffentlichkeit keiner sah. Faszinierende Aufnahmen ganz persönlicher Erinnerungen von 1945 bis heute berichten von großen, aber ebenso kleinen Ereignissen, die dennoch von besonderer Bedeutung waren. Wer weiß schon noch genau, wie in den 1950er-Jahren in der Sächsischen Schweiz geklettert oder gezeltet wurde, wer erinnert sich an die volkseigenen Betriebe der Region, die längst nicht mehr existieren, aber das Leben vieler Menschen Jahrzehnte bestimmten? Es gibt sicher Aufnahmen von Schuleinführungen oder Jugendweihen sowie Hochzeiten. Auch daran darf erinnert werden, mit welcher Mode und Musik die Pirnaer, Heidenauer, Sebnitzer; Freitaler oder Dippser einst feierten.

Sollten Sie also, liebe Leser, in ihren Schubladen, in Koffern, auf dem Boden oder im Keller Filme vermuten, dann zögern Sie nicht, diese zu suchen, zu finden und an die SZ-Redaktion in Pirna zu senden. Die Aufnahmen werden von Mitgliedern des Filmklubs und Ernst Hirsch gesichtet – und die besten Filme digitalisiert und für die DVD genutzt. Außerdem können sie selbst über ihre Erlebnisse und die Entstehung des Filmes berichten.

Kontakt: Tel. 03501 56335610. Filme bitte an Sächsische Zeitung, zu Händen Claudia Neumann, Schössergasse 3, 01796 Pirna, senden. Nach Sichtung und ggf. Digitalisierung wird das Material zurückgeschickt.

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