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Montag, 27.11.2017

Streitthema Produktivität:

Überstunden sind auch keine Lösung

Bildrechte: Flickr 40+293 Snooze bark CC BY 2.0 Bestimmte Rechte vorbehalten
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In der Politik diskutiert man über flexiblere Arbeitszeiten. Das Konzept kann durchaus funktionieren, wenn es die Interessen der Arbeitnehmer berücksichtigt und auf Überstunden verzichtet. Im Zuge der Jamaika-Sondierungen hatten FDP und Union eine Modernisierung des Arbeitszeitrechts ins Gespräch gebracht und waren damit auf herbe Kritik gestoßen. Nun sind die Verhandlungen über eine schwarz-gelb-grüne Koalition gescheitert und eine Regierungsbildung kann sich noch lange hinziehen. Damit ist auch das Thema flexiblere Arbeitszeiten bis aufs Weitere vertagt. Aber wäre eine Änderung der bisher gültigen Regelungen wirklich erstrebenswert?

FDP: Flexibel ist gut

Laut den Liberalen schon, denn diese halten den festgelegten 8-Stunden-Tag angesichts der digitalen Fortschritte in der Arbeitswelt (zum Beispiel Homeoffice und mobiles Arbeiten) für nicht mehr zeitgemäß. Indem man diese Höchstgrenze lockert, könnte man die Arbeitszeit je nach Bedarf von Arbeitnehmer und Arbeitgeber flexibler über den Tag oder die Woche verteilen. Dies wäre nicht nur für die Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben von Vorteil, sondern auch der Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft zuträglich, so die Einschätzung des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Orientieren will sich die FDP dabei an der EU-Arbeitszeitrichtlinie, die ein wöchentliches Maximum von durchschnittlich 48 Stunden vorsieht, Überstunden miteingerechnet.

Angst vor Arbeitnehmer-Ausbeutung

Widerstand kommt vor allem von den Linken und den Grünen: Die Gefahr sei zu groß, dass Unternehmen eine Abschaffung der festgelegten Ruhe- und Tageshöchstzeiten ausnutzen, um ihre Angestellten noch weiter auszubeuten. Immerhin wurden letztes Jahr in der Bundesrepublik ganze 1,8 Milliarden Überstunden angehäuft, von denen knapp die Hälfte nicht einmal entlohnt wurde. Eine neue Regelung sei zudem gar nicht nötig, sagen die Gewerkschaften, da die aktuelle Gesetzeslage schon genug Spielraum für Flexibilität lasse. Fakt ist jedenfalls: Würde eine flexiblere Regelung wirklich dazu missbraucht werden, noch mehr Überstunden zu verteilen als bisher, ginge das nicht nur zulasten der bereits völlig überforderten Angestellten – die Arbeitgeber würden sich damit sogar ins eigene Fleisch schneiden.

Mehrarbeit, weniger Ergebnisse

Denn die Binsenweisheit, dass viel Arbeit auch viel bringt, ist falsch, wie die Forschung längst bewiesen hat. Das Gegenteil ist der Fall: Arbeitet ein Mensch über seine individuelle Leistungsgrenze hinaus – eine OECD-Studie setzt die Marke bei 50 Wochenstunden – fällt seine Produktivität schlagartig ab. Da Überstunden aber immer noch als Zeichen großer Motivation gesehen werden und die Karrierechancen verbessern können, wird dieses Problem häufig nicht erkannt. So nimmt die professionelle Performance langfristig immer weiter ab, während der Leistungsdruck gleichzeitig steigt. Nicht selten erwachsen aus dieser Dauerüberforderung psychische Erkrankungen, weshalb Burnout und Depressionen nicht nur massiv Fehltage verursachen, sondern auch längst der Hauptgrund für eine Berufsunfähigkeit sind. Dabei ist die Definition des Begriffs „Produktivität“ eindeutig: Mit dem geringstmöglichen Aufwand werden maximale Ergebnisse erzielt. Die Lösung liegt also nicht in noch mehr Mehrarbeit, sondern darin, die eigene Unternehmens- und Mitarbeiterführung zu überdenken.

Höherer Output mit geringerem Input

Dazu gehört einerseits, Mitarbeitern zu zeigen, wie sie ihren Arbeitsalltag selbst produktiver gestalten können. Da das Wohlbefinden der Belegschaft die Produktivität nachweislich steigert, muss der Arbeitgeber sinnvolle Benefits anbieten und für ein angenehmes Arbeitsklima sorgen. Gleichzeitig muss er Werkzeuge und Hilfsmittel bereitstellen, die die Kommunikation und das Teamwork im Betrieb so effizient wie möglich machen. Zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten ist in vielen Unternehmen dank sogenannter Collaboration Tools recht problemlos möglich. Die auf dem Markt befindlichen Software-Produkte sind inzwischen so ausgefeilt, dass sie sogar die produktive Zusammenarbeit größerer Teams gewährleisten. Und was eine flexible Arbeitszeitregelung anbelangt: Sie ist für den Arbeitnehmer nur in Form einer „Vertrauensarbeitszeit“ sinnvoll – wenn er das Projektziel eigenverantwortlich verfolgt, das geleistete Pensum lückenlos dokumentiert und die wöchentliche Höchststundenzahl einhält. Dann lässt sich über das Thema „Flexibilisierung der Arbeitszeiten“ auch wieder verhandeln.

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