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Donnerstag, 12.10.2017

Sportlich aus dem Tal der Schwermut

Füchse und Tornados sind vereint gegen Depression. Auch der frühere Füchse-Boss ist betroffen. Für seine offenen Worte erntet er bei den Fans viel Respekt.

Von Christian Köhler

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Zwischen starken Männern: Die Görlitzerin Nicci Schubert eröffnet mit einem Lied das Derby der Lausitzer Füchse gegen Tornado Niesky. Für Standfestigkeit für die Sängerin haben dabei die beiden Kapitäne Sven Becher (l.) und André Mücke gesorgt.
Zwischen starken Männern: Die Görlitzerin Nicci Schubert eröffnet mit einem Lied das Derby der Lausitzer Füchse gegen Tornado Niesky. Für Standfestigkeit für die Sängerin haben dabei die beiden Kapitäne Sven Becher (l.) und André Mücke gesorgt.

© Joachim Rehle

Dirk Rohrbach, Geschäftsführer der Lausitzer Füchse, hat am Dienstag Interessenten durch die Weißwasseraner Eisarena geführt.
Dirk Rohrbach, Geschäftsführer der Lausitzer Füchse, hat am Dienstag Interessenten durch die Weißwasseraner Eisarena geführt.

© Joachim Rehle

Auch bei einem Fachvortrag haben sich Interessenten über Depression informieren können.
Auch bei einem Fachvortrag haben sich Interessenten über Depression informieren können.

© Joachim Rehle

Weißwasser/Niesky. Was Sport und Depression gemeinsam haben, wissen die Lausitzer Füchse aus Weißwasser allzu gut. „Die Kraft schwindet und man hat keine Energie mehr“, bekennt der ehemalige Geschäftsführer und Spieler der Lausitzer Füchse, Matthias Kliemann, über die großen Videoleinwände in der Eisarena. Ehrlich und emotional blickt er in die Kamera. Sagt, was Depressive oft am eigenen Leib spüren. Kliemann hatte Anfang des Jahres seinen Posten als Füchse-Boss auf eigenen Wunsch hin abgegeben, fühlte sich der Aufgabe nicht mehr gewachsen. Für seinen offensiven Umgang mit der Erkrankung Depression erntet er den Respekt der Fans am Dienstagabend in Weißwasser.

„Uns ist es ein Anliegen, das Thema Depression aus der Ecke der Vorurteile zu holen“, sagt Manuela Thomas, Geschäftsführerin des Sozialen Netzwerks Lausitz (SNL). Der populäre Sport Eishockey soll als „Brückenbauer“ für das eher unpopuläre Thema Depression dienen. Das Netzwerk hatte gemeinsam mit dem „Bündnis gegen Depression“ die Veranstaltung auf die Beine gestellt. „Wir sind mit der Resonanz in Weißwasser sehr zufrieden“, sagt Projektkoordinator Matthias Gahmann. Er hatte mit vielen Partnern die Woche der seelischen Gesundheit im Landkreis Görlitz organisiert. Auch er sieht den Sport als Brückenbauer.

Das kann Füchse-Geschäftsführer Dirk Rohrbach nur bestätigen: „Es ist wichtig, klar zu machen, dass es jeden treffen kann. Wir wollen erreichen, dass damit künftig – auch im Spitzensport – offensiv umgegangen wird.“ Das Derby der Tornados aus Niesky gegen die Füchse war da der passende Rahmen. Dass die Füchse mit 4:1 als Sieger vom Eis gingen, war Dienstag eher zweitrangig.

Wie wichtig Sport oder die Beteiligung an einem (Sport-)Verein als Vorbeugung ist, beschreibt Peter Buchalla in einem Vortrag in der Eisarena. Gut 50 Interessenten haben sich eingefunden, wollen wissen, was sie aktiv gegen die Schwermut tun können. „Es ist gut, in Vereinen tätig zu sein“, sagt der Referent. Das bringe Struktur in den Alltag, verhindere, dass sich Depressive isoliert fühlten. „Der Spaß soll dabei im Vordergrund stehen“, so Buchalla, „man darf sich nicht unter Druck setzen.“ Das bestätigt auch Axel Draffehn aus Görlitz. Er selbst hat an Depression gelitten, findet es gut, dass die Krankheit durch die Woche der seelischen Gesundheit eine immer größere Öffentlichkeit erfährt. „Sport hat mir geholfen“, sagt er, „meinen Kopf freizubekommen.“

Häufig zählt Isolation als Hauptauslöser von Depressionen. Alkohol und Drogen wirken dabei verstärkend. Davon können die Mitglieder zahlreicher Selbsthilfegruppen, die sich vor der Eisarena präsentiert haben, berichten. „Oft zieht eine Suchterkrankung eine Depression nach sich“, sagt Andreas Pippel aus Weißwasser. Er ist Mitglied einer Gruppe von Betroffenen, bietet Unterstützung gerade nach einer psychologischen Therapie. „Ohne einen Entzug geht aber gar nichts“, sagt er. Dass nicht nur Alkohol, sondern auch eine Behinderung zu Isolation und letztlich zu Depressionen führen kann, das erklärt Ines Reimann aus Niesky: „Wir haben eine Selbsthilfegruppe für Hörgeschädigte in Niesky gegründet, um unter Gleichgesinnten zu sein.“ Denn Isolation lässt sich nur durch Gemeinschaft verhindern.

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