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Samstag, 12.05.2018

Sonne, Sand und Salz

Von Peter Anderson

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Braun, gelb, rot – das sind die vorherrschenden Töne auf der kapverdischen Insel Sal. Und Blau am Himmel und ein bisschen auch im Salzsee von Pedra de Lume.Fotos: Anderson
Braun, gelb, rot – das sind die vorherrschenden Töne auf der kapverdischen Insel Sal. Und Blau am Himmel und ein bisschen auch im Salzsee von Pedra de Lume.Fotos: Anderson

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Urlaub ohne Kinderlärm: Das Sensimar-Hotel am Weststrand von Sal empfängt nur Gäste ab 18Jahren.Foto: Tui/Christofer Dracke
Urlaub ohne Kinderlärm: Das Sensimar-Hotel am Weststrand von Sal empfängt nur Gäste ab 18 Jahren.Foto: Tui/Christofer Dracke

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Alles eine Frage der Übung: Diese Frau bietet in Santa Maria frisches Obst feil – und nebenbei eine akrobatische Show.
Alles eine Frage der Übung: Diese Frau bietet in Santa Maria frisches Obst feil – und nebenbei eine akrobatische Show.

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Am Hafenkai von Santa Maria laden Fischer ihren Fang an. Foto: dpa/Manuel Meier
Am Hafenkai von Santa Maria laden Fischer ihren Fang an. Foto: dpa/Manuel Meier

© dpa-tmn

Das ganze Urlaubsparadies auf einen Blick: Der gut 100 Meter hohe Gipfel des Monte Curral eröffnet diese Möglichkeit. Die nur 30 Kilometer lange und bis zu zwölf Kilometer breite Insel Sal liegt einem hier zu Füßen. Das zum westafrikanischen Inselstaat Kapverden zählende Eiland hat in den letzten Jahren einen regelrechten touristischen Boom erlebt. Entlang der Südwestküste reiht sich ein Hotelkomplex an den nächsten. Eine riesige Entsalzungsanlage liefert Wasser. Die Touristen sorgen für Jobs unter den Einheimischen – als Kellner, Sicherheitsmann, Zimmermädchen: 92 Prozent der 30 000 Einwohner sind von der Sozialversicherung erfasst. Für Afrika ein Rekordwert.

Santa Maria, bis in die 70er-Jahre ein Fischerdörfchen an der Südspitze der Insel, gilt als Symbol für den Aufschwung. Gut 20 Minuten braucht das preiswerte und auf festen Routen verkehrende Sammeltaxi vom Monte Curral bis in das Städtchen. Angenehm kühlt der Fahrtwind auf den im Ladebereich des Pickups angebrachten Bänken. An der Landungsbrücke haben die Fischer an diesem Vormittag gerade den frischen Fang aus den Booten gehievt. Es riecht nach Algen und Meer. Die Frauen gehen daran, die ansehnlichen Juwelenbarsche, Makrelen, Schwert- und Thunfische zu verhökern. Da wird geputzt und gewogen, was das Zeug hält. Dazwischen streunen friedfertige Hunde. Dieses Ritual dürfte sich in den vergangenen dreihundert Jahren kaum verändert haben. Nur dass heute die Köche der Hotels ihren Bedarf durch Agenten decken lassen.

Östlich der Landungsbrücke wird das touristische Wirtschaftswunder spürbar. Tauch- und Surfbasen, Radverleihstationen und Bars bestimmen das Bild. Mal improvisiert, dann wieder professionell nach westeuropäischen Standards. Das Prinzip zieht sich durch die gesamte Stadt. Einstöckige und bunt bemalte Häuschen aus der portugiesischen Kolonialzeit wechseln sich ab mit den Glasfronten frisch aus dem Boden gestampfter Appartementhäuser.

Sals großes Kapital ist der breite weiße Sandstrand, der sich von Santa Maria im Süden die Westküste hinaufzieht. Und das Klima: Die Sonne scheint an 350 Tagen im Jahr. Die Temperaturen liegen bei durchschnittlich 25 Grad Celsius und schwanken kaum mehr als zehn Grad nach oben und unten. Diese paradiesischen Zustände sorgen für 95 Prozent Auslastung während der kühleren Monate in Europa. Vor allem Briten, Deutsche, Belgier, Holländer und Franzosen sowie Skandinavier zieht es in den Süden. Tunesien, Ägypten und die Türkei sind unsicher geworden. Sal liefert Sicherheit und Sonnengarantie.

Der Name Sal deutet auf einen besonderen Bodenschatz hin, der in der Vergangenheit die Wirtschaft der Insel prägte. Im Inneren des nicht mehr aktiven Vulkans von Pedra de Lume an der Ostküste wurde von 1833 bis etwa 1984 industriell Salz gewonnen. Heute kann man in der Sole baden. Da gerade kein Sammeltaxi kommt, geht es mit einem normalen Taxi zur Saline. Der Preis liegt standardmäßig bei einem Euro pro Kilometer. Angesichts der geringen Entfernungen kommen keine großen Summen zusammen. Der hellblaue Wagen wirkt gepflegt, gleichwohl leuchten beständig die roten Lämpchen für die angezogene Notbremse und offene Türen. Den Fahrer, der mit Vorliebe laute Reggaemusik hört, ficht das nicht an. Nur keine Eile. Die Einwohner Sals legen im Alltag afrikanische Gelassenheit an den Tag.

900 Meter im Durchmesser misst die rotbraune Caldera des erloschenen Vulkans. Wie eine riesige Natursteinmauer umschließt sie im Inneren ein flaches Oval. Ein dunkler Tunnel führt hinein. Reste einer früheren Seilbahn und verfallene Lagerschuppen lassen das Industriedenkmal wie eine Kulisse für Action-Szenen im nächsten James-Bond-Film erscheinen.

An diesem Nachmittag allerdings wird Pedra de Lume von badefreudigen Touristen bevölkert. Die freuen sich über eine ganz besondere Attraktion. Der Boden des Vulkans liegt unter dem Meeresspiegel. Deshalb sickerte über Jahrtausende Salzwasser durch das poröse Gestein und sammelt sich im Inneren wie in einem riesigen Becken. Die 40-prozentige Sole garantiert ein Schweben im Wasser ähnlich wie im Toten Meer. Wer sich mit dem Rücken auf die Lake legt, kann mit beiden Händen bequem dem Fotografen am Ufer zuwinken, ohne unterzugehen. Aber Vorsicht: Niemals versuchen, schwimmend vorwärtszukommen. Schon das Inhalieren der Sole kann innere Verletzungen verursachen.

Das ungewohnte Körpergefühl gibt Auftrieb im doppelten Sinne. Die Einheimischen sprechen davon, dass es den Badenden um zehn Jahre jünger werden lässt. Unser Taxifahrer erhöht den Jungbrunnen-Effekt sogar auf 15 Jahre.

Neben den Hinweisen zur Wirkung des Jungbrunnens hält der geschäftstüchtige Chauffeur, nicht ganz uneigennützig, einen weiteren Ausflugstipp parat. Der nächste Tag verspricht Sonne pur und gleichzeitig kräftigen Wind. Der drückt dann im Nordwesten der Insel das Meer in eine bizarre Grotte. Spiegelt sich um die Mittagszeit die Sonne auf dem Wasser, öffnet sich das berühmte Olho Azul, das blaue Auge von Buracona.

Tatsächlich erweist sich die Jagd nach dem richtigen Augenblick als Geduldsspiel. Zwei junge Burschen wachen nicht nur darüber, dass kein übermütiger Besucher die steilen Klippen der Westküste herabstürzt. Sie geben gleichzeitig Tipps, wann endlich der Moment kommt und sich das blaue Auge der Insel öffnet.

Noch steht die Sonne nicht hoch genug. Ein Klippenspringer überbrückt für ein paar Münzen die Wartezeit mit tollkühnen Salti. Die Veranda an der Felskante offeriert kräftigen Espresso und kaltes Bier, Souvenirhändler bieten Wein und Kaffee von der südwestlich gelegenen Insel Fogo feil. Die kulinarischen Mitbringsel erinnern daran, dass die Inselwelt der Kapverden mit einem Besuch auf Sal nur angerissen werden kann. Die landschaftliche Vielfalt des kleinen Inselstaates macht viele verschiedene Arten von Urlauben möglich.

Der Andrang am Zugang zur Grotte hat inzwischen zugenommen. Ein sicheres Zeichen dafür, dass die Sonne nun am richtigen Punkt steht. Langsam schiebt sich ihr Strahlenkranz von den Felswänden ins Wasser. Und tatsächlich, da blinzelt es – das blaue Auge von Sal.

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