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Freitag, 21.04.2017 Kinderleicht?!

So meistern Kinder allein den Schulweg

Viele Eltern sorgen sich um die Sicherheit ihres Nachwuchses. Experten raten dennoch, den Kindern zu vertrauen.

Von Nora Domschke

Oliver Mehl nimmt sich jeden Morgen die Zeit, seine Tochter Elise zur Schule zu bringen. Die Zweitklässlerin muss auf ihrem Weg mit dem Fahrrad die Stauffenbergallee überqueren. Damit sie bald allein fahren kann, erklärt Papa, wo sie aufpassen muss.
Oliver Mehl nimmt sich jeden Morgen die Zeit, seine Tochter Elise zur Schule zu bringen. Die Zweitklässlerin muss auf ihrem Weg mit dem Fahrrad die Stauffenbergallee überqueren. Damit sie bald allein fahren kann, erklärt Papa, wo sie aufpassen muss.

© René Meinig

Dresden. Loslassen kann er noch nicht. Zu groß ist bei Oliver Mehl die Sorge, dass seiner Tochter auf dem Schulweg etwas zustoßen könnte. Die achtjährige Elise muss mit ihrem Fahrrad die stark befahrene Stauffenbergallee an der Kreuzung zur Marienallee überqueren. Eigentlich sollte das kein Problem sein, schließlich gibt es dort eine Fußgängerampel. Weil morgens kurz vor Unterrichtsbeginn sehr viele Schüler unterwegs sind, wird es an der Ampel aber schnell eng. „Gefährlich ist vor allem die Schaltung der Ampel“, erklärt der Vater.

Denn kurz nachdem das grüne Männchen aufleuchtet, schaltet die Ampel schon wieder auf Rot. Mit dem Ergebnis, dass die Kinder auf einer schmalen Mittelinsel zwischen den vier Fahrspuren auf die nächste Grünphase warten müssen. „Da ist so wenig Platz, dass sich die Kinder richtig zusammendrängen müssen“, berichtet der 39-Jährige. Da könne es auch mal passieren, dass sich die Schüler im Gerangel auf die Fahrbahn schubsen. Wie das ausgehen könnte, mag sich der Vater nicht vorstellen. Ein Fahrrad mit Kinderanhänger kann an dieser Stelle praktisch gar nicht stehen, weil das Gefährt zu lang ist.

Oliver Mehl fordert, dass die Stadt die Ampelregelung anpasst, sodass es die Kinder innerhalb einer Grünphase über die Stauffenbergallee schaffen. Jetzt erklärt er Elise jeden Morgen aufs Neue, dass sie an dieser Stelle besonders aufpassen muss, damit nichts passiert. So wie ihm geht es vielen anderen Eltern. Der Dresdner Kinder- und Jugendpsychiater Veit Rößner kennt das Problem. Er ermuntert Eltern dennoch immer wieder, ihrem Nachwuchs mehr zuzutrauen. „Wenn dem Kind der Weg und alle Gefahrenstellen mehrfach gezeigt und erklärt werden, spricht nichts dagegen, dass es gemeinsam mit einem Freund allein zur Schule geht“, sagt Rößner. Das sei auch schon bei einem Erstklässler möglich. Frühe Selbstständigkeit sei enorm wichtig für die Entwicklung eines Kindes.

Sein Tipp: Loslassen und dem Kind vertrauen. Gleiches gelte für Vorschulkinder, die allein im Innenhof der Wohnanlage spielen. Eltern sollten erklären, dass die befahrene Straße tabu ist – das verstünden auch schon Fünfjährige. Zu viel Kontrolle lehnt Rößner kategorisch ab. Seine Erfahrung als Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik zeige, dass Jugendliche, die als Kinder kaum Freiheiten hatten, später oft Probleme damit haben, riskante Situationen richtig einzuschätzen. „Das eigenständige Austesten ist wichtig, um Erfahrungen zu sammeln.“

Auch Karl Lenz hält nichts von sogenannten Helikoptereltern, die ihren Kindern kaum Freiraum gewähren und ihnen Aktivitäten allein nicht zutrauen. Der Professor für Mikrosoziologie an der TU Dresden räumt allerdings ein, dass sich der städtische Raum in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. „Es gibt sehr viel Verkehr und kaum noch Spielstraßen.“ Die eigenständige Erkundung der näheren Umgebung im Wohnumfeld habe deutlich nachgelassen. Dazu kommt, dass viele Kinder heute einen vollen Terminplan mit verschiedenen Anlaufpunkten innerhalb der Stadt haben. Lenz spricht von einer sogenannten „verinselten“ Kindheit. „Die weiten Wege zur Musikschule oder zum Sportverein können Eltern nicht immer den Kindern überlassen.“ Mütter und Väter empfänden zunehmend Druck, weil sie sich als Aufsichtsperson nicht mehr auf die Rücksicht anderer – etwa im Straßenverkehr – verlassen könnten. Dennoch rät auch Lenz dazu, schon Grundschulkinder allein auf den Schulweg zu schicken.

Dabei sind es nicht nur die Eltern, die sich um die Sicherheit ihres Nachwuchses sorgen. Auch die Kinder selbst machen sich Gedanken zu diesem Thema. In der dritten Kinderstudie, die Lenz 2013 veröffentlichte, wurden Dresdner Schüler der dritten bis neunten Klassen unter anderem gefragt, wie sie ihr Lebensumfeld einschätzen. Immerhin 20 Prozent der Kinder gaben an, dass es in ihrer Umgebung nicht genug Ampeln und Fußgängerüberwege gibt. Mit Blick auf die Statistik sind die Bedenken durchaus berechtigt: Die Zahl der bei Verkehrsunfällen verletzten Kinder ist in den letzten zehn Jahren konstant. 2016 waren es – wie 2007 auch – 182.

Darf Ihr Kind allein zur Schule gehen? Schreiben Sie an sz.dresden@ddv-mediengruppe.de und nehmen Sie an unserer Umfrage teil

Mit Sicherheit unterwegs

  • Die Straße ist kein Spielplatz. Das ist eine der wichtigsten Regeln, die Eltern Kindern vermitteln sollten.
  • Eltern sind Vorbilder. Wenn es die Erwachsenen richtig vormachen, lernen die Kinder, wie sie sich im Straßenverkehr verhalten müssen.
  • Übung macht den Meister. Experten raten Eltern, den Schulweg mehrfach gemeinsam abzulaufen. Das Kind muss vor dem Überqueren verinnerlichen: Stehen – Sehen – Gehen.
  • Genug Zeit für den Schulweg einplanen. Ist ein Kind in Eile, leidet die Aufmerksamkeit, und es passieren Fehler.

Quelle: Landeskriminalamt Sachsen

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