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Dienstag, 05.12.2017

So lief die Dynamo-Razzia ab

Was ist dran an den Vorwürfen? Die Aktion der Polizei gegen die Fans wirft viele Fragen auf.

In einheitlicher Tarnkleidung waren etwa 1500 Fans von Dynamo am 14. Mai in Karlsruhe einmarschiert.
In einheitlicher Tarnkleidung waren etwa 1 500 Fans von Dynamo am 14. Mai in Karlsruhe einmarschiert.

© Mike Worbs

Die Aktion erzielt die gewünschte Aufmerksamkeit, ob sie jedoch ein Schlag gegen kriminelle Fußball-Schläger ist, darf bezweifelt werden. Die Zahlen im Zusammenhang mit den Durchsuchungen in der Fanszene von Dynamo Dresden am Dienstagmorgen erscheinen dramatisch hoch: 31 Objekte in Dresden sowie je eines in Zwickau, Brandenburg, Baden-Württemberg und in Basel/Schweiz, 28 Beschuldigte, knapp 400 Polizeikräfte und drei Staatsanwälte. Die Ermittler aus Karlsruhe laden zur Pressekonferenz in Dresden ein. Ein ungewöhnlicher Vorgang mit einem außergewöhnlichen Anlass: der Marsch einer selbst ernannten „Football-Army Dynamo Dresden“ vor dem Spiel in Karlsruhe am 14. Mai. Das sind die Hintergründe:

Razzia nach "Football Army"-Fanmarsch

Was haben die Ermittler gegen die Beschuldigten in der Hand?

Offenbar nicht allzu viel. Sie wurden als Organisatoren des Fanmarsches ausgemacht, als diejenigen, die Kommandos gegeben haben. Damit könnten sie laut Staatsanwalt Tobias Wagner gegen das Versammlungsgesetz verstoßen haben. Es bestehe ein Uniformverbot für solche öffentlichen Veranstaltungen, „wenn man damit eine gemeinsame politische Gesinnung zum Ausdruck bringen möchte“. Dies sei mit dem Schriftzug „Krieg dem DFB“, der vor dem Fanzug hergetragen wurde, gegeben.

Für die verübten Gewalttaten und damit den Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung sowie des Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz gebe es bisher „keinen Tatverdächtigen“. Allerdings wurde im Zuge der Razzia verbotene Pyrotechnik beschlagnahmt. Ob das für Anklagen reicht, müssen weitere Ermittlungen ergeben.

Gegen wen war die Aktion konkret gerichtet?

Es gebe keine Ermittlungsverfahren gegen Fans, die nur am Marsch teilgenommen haben, sagt Wagner. Allerdings war auch das Fanprojekt Dresden ein Ziel der Razzia, das normalerweise ein Partner für die Polizei ist. Erst durch die Intervention von Torsten Rudolph, der die sozialpädagogische Einrichtung seit 15 Jahren leitet, blieben die Büros der Sozialarbeiter verschlossen, und nur gemeinschaftlich für die Fanarbeit genutzte Räume wurden durchsucht. Es wurden keine Beweismittel gefunden, „weil es keine zu finden gibt“, wie Rudolph betont. Er spricht von einem Vertrauensbruch und einer Ungeheuerlichkeit. Die Dynamo-Geschäftsstelle wurde nicht in Augenschein genommen, aber ein nicht näher benannter Fanshop, der im Internet anbietet.

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Wieso erfolgen die Durchsuchungen erst fast sieben Monate nach der Tat?

Während der Ausschreitungen in Karlsruhe waren keine Personalien aufgenommen worden. Es sei eine taktische Entscheidung des Einsatzleiters gewesen, das Geschehen durch Videoaufzeichnung und Fotos zu dokumentieren und eine Eskalation zu vermeiden, erklärt Ermittlungsführer Gerhard Heck nun in Dresden. Es seien nicht ausreichend Einsatzkräfte verfügbar gewesen, um den Marsch zu stoppen und die Täter herauszuholen. Die Pyrotechnik-Werfer konnten auch im Nachgang nicht identifiziert werden, weil sie sich mit Tarnfarben bemalt hatten und nach der Aktion abgetaucht sind, erklärte Heck. Auf den beschlagnahmten Computern und Handys wird mögliches Beweismaterial vermutet.

Was sagt Dynamo dazu, und droht dem Verein eine Strafe?

Die Führungsgremien des Vereins haben am Dienstag beraten. Am Abend verbreitete Dynamo eine Stellungnahme auf der Website und in sozialen Medien. Demnach sehe der Club die Durchsuchungen beim Fanprojekt Dresden „ausdrücklich kritisch“. Die Maßnahme beschädige das gewachsene Vertrauensverhältnis zwischen Sozialpädagogen und jungen Fußballfans und die vor allem präventiv ausgerichtete Arbeit der Fanprojekte nachhaltig. Gleichwohl betont Dynamo auch künftig eng mit der Polizei und Sicherheitsdiensten zusammenarbeiten zu wollen, um einen friedlichen Ablauf von Fußballspielen zu gewährleisten. Dynamo war vom Sportgericht im Juni zu 75 000 Euro Geldstrafe sowie Teilausschlüssen von Zuschauern bei zwei Auswärtsspielen verurteilt worden, die Strafe wurde auf Bewährung ausgesetzt. Damit verbunden waren mehrere Auflagen. Eine weitere Strafe wegen der nun laufenden polizeilichen Ermittlungen droht nicht.

Update, 6.12.2017, 9.20 Uhr: Nach der Veröffentlichung dieses Artikels gab Dynamo Dresden eine Stellungnahme ab. Diese wurde nachträglich in den Beitrag eingearbeitet.

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 26 Kommentare

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  1. Sören Göhler, Dresden

    Gute Idee: "Allerdings war auch das Fanprojekt Dresden ein Ziel der Razzia, das normalerweise ein Partner für die Polizei ist.", künftig wird es wohl "...das normalerweise ein Partner für die Polizei WAR." heißen. Man hat nichts in der Hand und razzt vorsorglich gleich einmal bundesweit, um auf Zufallsfunde zu hoffen, um daraus weitere Repressionsmaßnahmen zu generieren. Das ist also der real existierende Rechtsstaat in der Form wie wir im Osten ihn schon aus guten, alten Zeiten kennen...

  2. Anmerkung

    Wenn die ganze Aktion tatsächlich nichts mit den verübten Straftaten (Angriffe mit Böllern, Überfall des Imbis-Standes) zu tun hat, sondern dass man Beweise dafür sucht, dass es sich niucht um einen Fanmarsch sondern eine unangemeldete Demo handelt und somit jemand gegen das Versammlungsrecht verstoßen hat (soweit ich weiß eine Ordnungswidrigkeit), dann kann man sich demnächst auch auf Hausdurchsuchungen bei unscharfen Blitzerfotos freuen. So stelle ich mir einen handlungsstarken Rechtsstaat vor. Aber klar. Wer nichts zu verbergen hat, den stört auch so eine Hausdurchsuchung nicht.

  3. Onkel Hotte

    Sagt mal geht´s noch? 400 Polizisten werden nach monatelanger Vorbereitung mobilisiert wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz? Haben wir keine anderen Probleme oder wollte sich mal wieder ein Staatsanwalt profilieren? Prüft da niemand die Verhältnismäßigkeit? Aber ist natürlich einfacher, als sich mit bandenmäßigem Diebstahl, mafiösen Strukturen oder Großclans zu ermitteln. Klar, daß dann dafür die Ressourcen fehlen.

  4. Frank

    Für die konkreten Straftaten hat man keine Personen ermittelt, daran wird die Razzia nichts ändern. Was soll diese Aktion dann? 400 Polizeikräfte für was? "Krieg dem DFB" stellt eine gemeinsame politische Gesinnung dar und macht die Sache damit strafbar? Wäre das bei "Nur Dynamo" auch der Fall? Man muss kein Jurist sein um zu erkennen, dass es bestenfalls einige Anzeigen wegen Ordnungswidrigkeiten geben wird, wahrscheinlich weil man bei den Leuten zuhause einen Bengalo aus Polen gefunden hat. Dafür 400 Beamte, 3 Staatsanwälte. Wo sind wir hingekommen. Das Versagen der Polizei in Karlsruhe wird dadurch nicht besser. Wenn gegen ein Vermummungsverbot verstoßen wurde, hätte der Zugang zum Stadion verweigert werden müssen. In Karlsruhe. Am Tag des Spiels.

  5. AnW

    Ich dachte gestern Vormittag, es geht um den Überfall auf den Imbiss, Angriffe auf Beamte und Ordnungsdienst und dachte, schön wenn die ein paar Idioten identifiziert haben. Aber als ich dann hörte das man das Fanprojekt durchsucht hat und nur gegen die Organisatoren vorgeht, weil alle eine Klamotte an hatten und es dadurch zur Versammlung wurde, hä geht’s es noch? Aus Null haltbaren eine große Show machen, mal ins Fernsehen kommen und dem Osten zeigen wer der große Westen ist? Das ist kontraproduktiv, für die Arbeit des Fanprojektes, es wird noch mehr die Solidarisierung geben, da kein Straftäter sondern die vermutlichen Organisatoren angeprangert sind, damit kommen die eh bei keinem Gericht durch, "wir sind nicht in der Türkei" und einen Trabi und Pyro wurden sichergestellt. Toll Pyro bei Ultras gefunden, war heute Morgen bei meinem Sohn im Zimmer, da lag Spielzeug, war total überrascht.

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