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Samstag, 20.05.2017 Wellers Woche

Schwein im Ohr

Von Andreas Weller

SZ-Redakteur Andreas Weller
SZ-Redakteur Andreas Weller

© André Wirsig

Wir bleiben verwirrt und sehr nachdenklich zurück. Denn Sachsens Gauleiter, Entschuldigung Obernazi, will nicht als Nazi bezeichnet werden. Der NPD-Landeschef und Dresdner Stadtrat Jens Baur zeigt deswegen sogar einen Kollegen von den Linken an. Dieser habe „Nazischwein“ zu ihm gesagt. Der Delinquent gibt den Nazi zu, das Schwein aber nicht.

Selbst in intensivsten Befragungen versicherten Zeugen: Ja, Nazi wurde gesagt. Schwein hat nur einer gehört – der, der sich als solches bezeichnet fühlt. Die logische Schlussfolgerung: Baur hat ein Schwein im Ohr, oder so. Ob da ein operativer Eingriff notwendig wird, muss sich zeigen. Vielleicht verschwindet das Tier auch von alleine wieder – Schweine ertragen zwar viel, aber auch nicht alles.

Die viel drängendere Frage lautet aber: Wohin soll das führen? Ein Nazi empfindet es als Beleidigung, als solcher bezeichnet zu werden. Wenn das der Führer wüsste, würde mancher an dieser Stelle denken. Dieser Gedanke wäre aber politisch nicht vertretbar. Nach der Baur-Logik dürften Linke nicht als Sozialisten bezeichnet werden, Grüne nicht als Öko-Spinner und so weiter. Dass FDPler nicht immer liberal sind, kennen wir ja. Aber AfD ist beispielsweise auch verwirrend. Was für eine Alternative? Zur NPD, zum Schwein – was denn nun?

Aber bitte, wenn der Baur das so will – ist ja immerhin eine führende Persönlichkeit, also in seiner Partei. Dann dürfte er sich aber auch selbst nicht mehr als NPD-Stadtrat oder -Landesvorsitzender bezeichnen. Politisch korrekt wären somit nur Stadtrat mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Landesvorsitzender der Vertreter mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit – selbst die Kurzform Rassist wäre unzulässig. Außerdem erinnert Rassisten-Stadtrat an Schweinenazi und macht es auch nicht besser.

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