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Freitag, 18.05.2018

Schlammflut in Döschütz

Das Unwetter vom Mittwoch sorgt nicht nur für überflutete Straßen. Ein Mann kommt in Thiendorf ums Leben.

Jana Fehrmann mit ihrem Lebensgefährten Sebastian Keil, auf dem vom Schlamm gezeichneten Hof in Döschütz. Innerhalb von Minuten hatte sich die regennasse Erde vom hinter dem Grundstück befindlichen Kartoffelfeld in den Hof ergossen.
Jana Fehrmann mit ihrem Lebensgefährten Sebastian Keil, auf dem vom Schlamm gezeichneten Hof in Döschütz. Innerhalb von Minuten hatte sich die regennasse Erde vom hinter dem Grundstück befindlichen Kartoffelfeld in den Hof ergossen.

© Anne Hübschmann

Landkreis. Jana Fehrmann kann es immer noch nicht fassen. Der Hof des elterlichen Dreiseitenhofes steht voller kaputter Gerätschaften. Überall liegt inzwischen eingetrocknete Erde, die ebenso wie die kleinen Wasserlachen vom Mittwochabend erzählen. Bereits am Nachmittag waren die ersten dunklen Wolken über den Priestewitzer Ortsteil Döschütz herangezogen. Wie überall im Großenhainer Land donnerte und blitzte es, bevor sich schließlich ein starker Regen über die Region ergoss. Während sich aber beispielsweise in der Röderstadt nur große Pfützen bildeten, erwischte das Unwetter die Döschützer von der schlammigsten Seite. „Wir haben aus dem Fenster geschaut und konnten beobachten, wie sich die Straße innerhalb kürzester Zeit mit Wasser füllte“, erzählt Fehrmann.

Starkregen und Sturm im Landkreis Meißen

Eine dicke braune Brühe, die kein Erbarmen hat. Denn das Problem: Hinter den Häusern befindet sich ein Kartoffelfeld der Meißener Agrarprodukte Aktiengesellschaft (MAP). Der durch die frühsommerlichen Temperaturen der vergangenen Wochen geradezu steinharte Boden nimmt zwar den peitschenden Regen dankbar auf. Aber nur soweit es die verdorrte Kruste zulässt. Danach gibt es für die unterspülte Erde kein Halten mehr. Als Schlammflut ergießt sie sich in den Garten von Familie Fehrmann. Bahnt sich von dort aus ihren Weg auf den Hof, kriecht in die Scheune und in die Garage. Der Rasentraktor, untergestellte Möbel – innerhalb weniger Minuten ist alles hin. Wie durch ein Wunder bleibt das Haus, in welchem auch die im sechsten Monat schwangere Jana und ihr Mann Sebastian leben, verschont. „Ich wohne seit 1983 auf dem Hof meines Mannes. Aber so etwas habe ich noch nie erlebt“, bekennt ihre Mutter Monika.

Der Regen wird indes nicht weniger. Alle Gullys sind verstopft und kapitulieren vor der pampigen Erde. Die Dorfstraße verwandelt sich in eine einzige braune Masse. Jedes Grundstück ist mehr oder minder betroffen. Vor allem das von Katja und Matthias Kunze. Das Erdgeschoss ihres 2007 umgebauten Wohnhauses hat es voll erwischt. Im Bad drückt es aus der Toilette und der Badewanne Fäkalien nebst Schlamm nach oben. Das Auto in der Garage ist mit Wasser vollgelaufen. „Wir waren einerseits sehr geschockt. Denn mit so etwas rechnet man ja nicht“, sagt Katja Kunze nachdenklich. Andererseits wäre dieses Gefühl dann auch einer großen Dankbarkeit gewichen, wie schnell die Nachbarn und Feuerwehrleute ihnen zu Hilfe eilten.

Zur gleichen Zeit mühen sich die Kameraden auch in Thiendorf. Beim Versuch, einen umgestürzten Baum zu umfahren, war um 17.45 Uhr ein 63-Jähriger mit seinem Renault zwischen Liega und Ponickau mit einem entgegenkommenden Seat zusammen gestoßen. Die Rettung und Bergung der Verunglückten im strömenden Regen gestaltet sich für die Einsatzkräfte schwierig. Bäume drohen während der Arbeiten auf die Unfallstelle zu stürzen und beide Fahrer sind in ihren zerstörten Autos eingeklemmt. Mit schwerer Technik können sie schließlich befreit werden: Der 55-jährige Seatfahrer wird mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus gebracht. Für den Fahrer des Renault kommt jede Hilfe zu spät. Gut fünf Stunden muss die Kreisstraße gesperrt werden. Zur Unfallaufnahme und Beräumung der Strecke.

Geräumt haben bis zur Erschöpfung auch die Döschützer. Der ortsansässige Seniorchef des Großenhainer Geflügelhofs Christian Riedel und andere Anwohner versorgen die Helfer mit Kaffee, Essen und Getränken. Die Feuerwehr pumpt, was die Maschinen hergeben, es wird geschleppt, gekehrt und vor allem der Schlamm aus den Grundstücken befördert. Stundenlang fahren herbeigeeilte Freiwillige – darunter auch Mitarbeiter der MAP – hin und her und bringen ihn zurück aufs Feld. Ein Kartoffelacker, der letztmalig 1972 mit seiner erdigen Wucht das Dorf heimsuchte.