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Samstag, 30.12.2017

Schiebocker Klassiker

Die Grillschnitte war ab 1988 der Renner am Imbissstand im Milchbargarten. 30 Jahre später könnte sie zurückkehren.

Von Ingolf Reinsch

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Fürs Foto schob Ronny Marschner, die Inhaberin der Milchbar, eine mit Jagdwurst und Käse belegte Weißbrotscheibe in den Grill. Die rote Sauce gab der Grillschnitte den besonderen Pfiff. Wie die zubereitet wurde, bleibt allerdings geheim
Fürs Foto schob Ronny Marschner, die Inhaberin der Milchbar, eine mit Jagdwurst und Käse belegte Weißbrotscheibe in den Grill. Die rote Sauce gab der Grillschnitte den besonderen Pfiff. Wie die zubereitet wurde, bleibt allerdings geheim

© Steffen Unger

Der Imbissstand an der Milchbar wenige Wochen nach der Eröffnung 1988. „Grillschnitten, Currywürste, Glühwein und Heiße Zitrone erfreuen sich der Gunst der Passanten“, schrieb damals die SZ.
Der Imbissstand an der Milchbar wenige Wochen nach der Eröffnung 1988. „Grillschnitten, Currywürste, Glühwein und Heiße Zitrone erfreuen sich der Gunst der Passanten“, schrieb damals die SZ.

© Repro: Steffen Unger

Bischofswerda. Bratwurst war in diesem Jahr. Das Grillen am Rande des Lebendigen Adventskalenders, den der Bischofswerdaer Verein Regenbogen im und am ehemaligen Hotel „Goldener Engel“ ausrichtete, kam bei den Besuchern gut an. So gut, dass Vereinsvorsitzender Robert Geburek schon an den Advent im nächsten Jahr denkt. Dann könnte vielleicht ein Klassiker aus den letzten DDR- und ersten Nachwendejahren seine Auferstehung erleben: die (Schiebocker) Grillschnitte. Als die vor fast 30 Jahren am Imbissstand im Milchbargarten verkauft wurde, war Robert Geburek Schüler. Er schwärmt noch heute (oder heute wieder?) von der mit Jagdwurst und Käse belegten und überbackenen Weißbrotscheibe. Deren Clou war die rote Sauce. Bis 1995 gab es die Grillschnitte. Dann wurde der im November 1988 eröffnete Imbissstand gegenüber der Milchbar geschlossen.

Dass die – aus heutiger Sicht eher bescheidene – kulinarische Spezialität ausgerechnet in ihrem 30. Jahr zurückkehren könnte, ist weniger der Nostalgie, als vielmehr dem Zufall zu verdanken. Ronny Marschner, die Inhaberin der Milchbar, und ihre langjährige Kollegin Ines Kuban waren die treuesten Besucherinnen des diesjährigen Lebendigen Adventskalenders. Kaum ein Abend, an dem sie es verpassten dabei zu sein, als vor dem „Engel“ symbolisch das Kalendertürchen geöffnet wurde. Im Dezember gebe es in der Milchbar halt wenig zu tun, sagt Ronny Marschner. Da hatte man Zeit, den Advent zu genießen. . Außerdem sei das Programm ja interessant und abwechslungsreich gewesen. Besonders gefielen ihr und ihrer Kollegin der Auftritt des Spielmannszuges, der Weihnachtsmarkt von Oberschule und Diakonischem Altenpflegeheim und die Stadtführung am vorletzten Kalendertag. „Dort hab’ sogar ich noch was Neues erfahren“, sagt Ronny Marschner. Sie zollt allen Beteiligten ein großes Lob, vor allem jenen, die jeden Tag auf der kleinen Bühne und am Stand vor dem „Engel“ waren.

Anleihe an der Karlsbader Schnitte

Irgendwann am Bratwurstgrill kam man auf die Grillschnitte zu sprechen. Robert Geburek würde es gern sehen, wenn man die beim 2018er Adventskalender nicht täglich, aber vielleicht doch einige Male anbieten könnte. Ronny Marschner will sich darauf (noch) nicht festnageln lassen. Ein Jahr ist eine lange Zeit, sagt sie.

In den besten Imbisszeiten gingen weit über 100 dieser Grillschnitten täglich über den Verkaufstresen. Geboren wurde diese Schiebocker Spezialität, die Anleihe an der Karlsbader Schnitte nahm und im Berliner Raum beispielsweise Grilletta hieß, aus der Not heraus, erinnert sich Frank Brase, der damalige Chef der Milchbar. „Wir hatten nicht jeden Tag Bratwürste, und irgendetwas mussten wir den Kunden ja anbieten“, sagt er. Also behalf man sich mit dem, was es gab. Nicht nur beim Herzhaften, sondern auch beim Eis. Als das mal knapp war, stellte Frank Brase sein Eis selbst her: aus Erdbeermark, Zucker und Marmelade.

Für den Imbiss im Milchbargarten bekamen die Beteiligten sogar eine Prämie. „Die Einrichtung dieser Stätte zur Imbissversorgung geht auf einen Neuerervorschlag im Rahmen der MMM-Bewegung (Messe der Meister von morgen – d. Red.) zurück“, schrieb die SZ am 28. Dezember 1988.

Der Imbiss bestand nur sieben Jahre, die Milchbar gibt es weiterhin. In diesem Sommer wurde sie 60! Anlass für Ronny Marschner und Ines Kuban, die DDR-Plastebecher hervorzuholen und sie mit den Eisspezialitäten von damals zu füllen. Balkansplit, ein Eisbecher mit dem DDR-typischen Mischobst aus dem Glas, und der Schiebocker Becher, der mit Vanilleeis mit Erdbeermus gefüllt wurde, wurden in diesem Sommer zeitweilig wieder verkauft. Das Angebot sprach sich bis nach Dresden rum. Erst kürzlich riefen Leute an, die jemanden mit einer Eisrunde à la DDR überraschen wollen. Kein Problem für die beiden Milchbar-Frauen. Die Plastebecher sind griffbereit. Ein Omen, dass auch die Grillschnitte 2018 zurückkehren könnte?