• Einstellungen
Freitag, 29.12.2017

Schach ohne Schleier

Saudi-Arabien will den Wandel in Szene setzen. Das geht bei der Schach-WM teilweise daneben.

Von Benno Schwinghammer

Ein normales Motiv – nicht in Saudi-Arabien. Dort dürfen Frauen eigentlich nicht unverhüllt in die Öffentlichkeit. Zur Schach-WM wird eine Ausnahme gemacht.
Ein normales Motiv – nicht in Saudi-Arabien. Dort dürfen Frauen eigentlich nicht unverhüllt in die Öffentlichkeit. Zur Schach-WM wird eine Ausnahme gemacht.

© dpa

Die Frauen sitzen sich gegenüber, ihre Blicke nach unten auf das Brett gerichtet. Eine Szene, typisch für eine Schach- WM. Doch findet diese gerade in Saudi-Arabien statt. In einem Land, in dem Frauen eigentlich verhüllende Gewänder tragen müssen. In einem Land, in dem die mächtigen Geistlichen das Spiel noch im vergangenen Jahr als „verboten“ bezeichneten. Doch hier – das zeigen Fotos der Veranstaltung – sitzen sie: zwei Frauen in Blazern, Schach spielend, mitten in Riad.

Als „historische Einigung“ hatte es der Weltverband Fide vor der Schnell- und Blitzschach-WM noch bezeichnet, dass sich die Spielerinnen nicht den strengen Bekleidungsvorschriften in dem erzkonservativen muslimischen Land beugen müssen.

Nun ist es so, dass der gesellschaftliche Fortschritt im – nicht nur Frauenrechte betreffend – rückständigen Königreich mehr und mehr an Fahrt aufnimmt: Kinos werden wieder erlaubt, Frauen dürfen bald Autofahren. Doch eigentlich immer mit Abaja, dem traditionellen Gewand. Die Ausnahme, die sonst bei Staatsbesuchen gemacht wurde, bekommt auch bei der ersten Schach-WM in Saudi-Arabien große Aufmerksamkeit. Es ist ein weiterer kleiner Schritt, um die Gesellschaft zu erneuern – gegen religiöse Widerstände.

Dass der Erneuerungswille Grenzen hat, zeigt sich auf diplomatischer Ebene. 236 Spieler und Spielerinnen aus 70 Ländern nehmen teil – unter ihnen der norwegische Weltmeister Magnus Carlsen oder der russische WM-Finalist Sergej Karjakin. Es hätten 71 Staaten sein können, wenn Riad die israelische Delegation akzeptiert hätte. Stattdessen überschattet die Entscheidung, Spielern aus dem Land keine Visa zu geben, die Hochglanz-Show.

Der faktische Ausschluss Israels war nicht der einzige Aufreger: Denn die Weltmeisterin im Schnell- und Blitzschach, Anna Musitschuk, wollte die Reise nach Riad ebenfalls nicht antreten. Ihre Titel wird die Ukrainerin kampflos verlieren. (dpa)

Desktopversion des Artikels

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen: 1000
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein