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Donnerstag, 14.09.2017

Rohingya müssen im Matsch leben

Von Nazrul Islam

Ein Mann der Minderheit Rohingya sammelt Regenwasser.
Ein Mann der Minderheit Rohingya sammelt Regenwasser.

© dpa

Whykong. Eine Auto-Rikscha hält am Rande eines kleinen, schlammigen Pfades, der in einen gebirgigen Wald im Süden Bangladeschs führt. Zwei Frauen sitzen still in dem dreirädrigen Fahrzeug, während in der Dunkelheit der Nacht Grillen zirpen. Eine der Frauen hält ein neugeborenes Kind in den Armen.

Der Rikscha-Fahrer sucht nach jemandem, der ihr helfen kann. Ein örtliches Krankenhaus hat die junge Frau, die erst seit wenigen Stunden Mutter ist, nicht aufnehmen wollen. Der Grund: Sie ist eine Rohingya, Angehörige des nach Meinung vieler meistverfolgten Volkes der Welt.

Etwa 370 000 Rohingya sind nach Zahlen des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR seit dem 25. August aus Myanmars Bundesstaat Rakhine nach Bangladesch geflohen - mehr als ein Drittel der Angehörigen der muslimischen Minderheit, die dort lebten. Rund 60 Prozent der Flüchtlinge sind laut Unicef Kinder.

Die 20-jährige Rehana Begum war acht Tage lang hochschwanger von ihrem Dorf in Rakhine nach Bangladesch gelaufen. Soldaten hatten ihren Mann getötet und ihr Haus niedergebrannt. Sie war zehn Kilometer hinter der Grenze, als die Wehen stärker wurden. Ihre Begleiterin Afsi Khatun brachte sie an eine Stelle im Dschungel, die früher mal ein Friedhof war. Dort wurde Rehanas Sohn geboren.

„Ich konnte sie nicht allein lassen. Sie hatte unerträgliche Schmerzen“, erzählt Afsi später. Also habe sie das Kind zur Welt gebracht.

Rehana hat Glück: Der Rickscha-Fahrer findet einen Bewohner der Gemeinde Whykong, der sie und ihr Baby bei Verwandten unterbringt. Tausenden anderen Flüchtlingen bleibt nichts anderes übrig, als am Straßenrand zu campieren.

Viele von ihnen haben in der Heimat ähnliches erlebt wie Rehana. Nach Aussage des UN-Hochkommissars für Menschenrechte, Said Raad al-Hussein, zeigen Satellitenbilder, wie Rohingya-Dörfer niedergebrannt und fliehende Zivilisten erschossen wurden. Die Vertreibung der Minderheit sehe aus „wie ein Paradebeispiel für ethnische Säuberungen“. Myanmars Armee hatte von einer „Räumungsoperation“ als Antwort auf Angriffe von Rohingya-Rebellen auf Polizei- und Militärposten gesprochen.

Auf den Feldern, an den Straßenrändern und in den Wäldern des bangladeschischen Bezirks Cox’s Bazar entstehen provisorische Siedlungen der scheinbar endlosen Zahl an Flüchtlingen, die weiter über die Grenze strömen. Das UNHCR fliegt mittlerweile Zelte ein, aber Zehntausende Rohingya haben noch keine. Manche machen sich Matten aus Wasserpflanzen oder Abdeckplanen und schützen sich so vor dem Matsch. Wenn sie schlafen, bleibt das wenige Hab und Gut, das sie noch haben, nah bei ihrer Seite.

Der 25-jährige Salim Ullah sitzt mit einer Taschenlampe in der Hand an einem Berghang. Er betätige sich als Nachtwächter für die gut 300 Menschen, die sich hier im Freien niedergelassen haben, erklärt er. Sein Dorf in Rakhine sei mittlerweile völlig verlassen. „Wer dort hingeht, wird nur noch Asche vorfinden“, sagt der Bauer, der auf einem Stapel in Plastiksäcken mit den Erinnerungsstücken seiner Familie sitzt.

Einige Flüchtlinge, die hier nachts unterwegs sind, suchen noch nach einer geeigneten Schlafstelle. Manche legen sich einfach direkt in den Schlamm. Frauen in Saris stillen Säuglinge, um deren Köpfe Mücken schwirren. Es nieselt; die Monsunzeit ist noch nicht vorbei.

Die Rohingya sind staatenlos, seit das damalige Birma ihnen 1982 die Staatsbürgerschaft aberkannte. Vor der aktuellen Massenflucht waren bereits rund 400 000 von ihnen nach Bangladesch geflohen. Die Flüchtlingslager sind längst voll. Bangladesch will, dass Myanmar um die Regierungschefin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi die Rohingya wiederaufnimmt. Es ist eine humanitäre Krise enormen Ausmaßes.

Abdul Malek erzählt, er habe die ganze Nacht wach gelegen und gegrübelt, wohin er am Morgen seine siebenköpfige Familie führen solle. Auf der Flucht hätten sie vier Tage lang nichts zu essen gehabt, bis ihnen kurz hinter dem Grenzfluss in Bangladesch Freiwillige etwas Trockenkost gegeben hätten. Nun fehle es ihnen wieder an Essen sowie an einem Dach über dem Kopf, sagt Malek. „Wie soll ich für meine Familie sorgen?“

Neben einer Brücke an einer Schnellstraße sitzt eine weitere siebenköpfige Familie. Zwei Söhne habe er bei der Gewalt in der Heimat verloren, erklärt der 65-jährige Vater, Lokman Hakim. Ihr Haus sei geplündert und niedergebrannt worden. „Bis wir eine Unterkunft gefunden haben, müssen wir hier im Freien bleiben“, sagt er. (dpa)