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Freitag, 12.01.2018

Republikanischer Monarch auf der Prager Burg

Tschechien wählt am Freitag und Sonnabend einen neuen Präsidenten. Die besten Chancen hat der Amtsinhaber.

Von Hans-Jörg Schmidt, SZ-Korrespondent in Prag

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Milos Zeman – hier Ende Oktober 2017 bei einer Pressekonferenz im Schloss Lany – ist siegessicher. Der 73-Jährige geht als Favorit in die Präsidentenwahl. Seine Kontrahenten gelten als „brav“.
Milos Zeman – hier Ende Oktober 2017 bei einer Pressekonferenz im Schloss Lany – ist siegessicher. Der 73-Jährige geht als Favorit in die Präsidentenwahl. Seine Kontrahenten gelten als „brav“.

© dpa

Wenn Milos Zeman regelmäßig von Prag aufbricht, um über Land zu fahren, kann er sich an leuchtenden Augen seiner Fans erfreuen. Bewusst in kleineren Ortschaften trommelt Zemans Entourage seine Anhänger in mit EU-Geldern etwas aufgepeppten früheren sozialistischen „Kulturhäusern“ zusammen. Fragende und deren Fragen sind handverlesen. Bei Letzteren kommt immer auch diese: „Werden Sie unser schönes, sicheres Land weiter vor den Horden terroristischer Wirtschaftsflüchtlinge bewahren?“ Dann räkelt sich der 73-jährige, 1,87 Meter große und massige Präsident in seinem Sessel, lächelt huldvoll und setzt mit tiefer Stimme zu seinen Antworten an: „Sehen Sie, das ist so …“ Und dann parliert er eine halbe Stunde mit herausragenden rhetorischen Fähigkeiten, mit Witz und Schlagfertigkeit über sich und die Welt.

Bei der ersten Runde der Präsidentenwahl am Freitag und Sonnabend bewirbt sich Zeman um eine weitere Amtszeit. Gegen ihn treten acht Bewerber an. Die besten Chancen von ihnen hat der Chemieprofessor Jiri Drahos. Hinzu kommen Ex-Ministerpräsident Mirek Topolanek, der Liedtexter und Unternehmer Michal Horacek und Ex-Skoda-Chef Vratislav Kulhanek.

Zweifel gibt es, ob Zeman noch weitere fünf Jahre durchhalten könnte. Er ist Diabetiker, hat ein Nervenleiden in einem Bein und ist auf eine Gehhilfe angewiesen. Die Ärzte bescheinigten Zeman kurz vor der Wahl dennoch eine „tolle Form“.

Tschechische Präsidenten sind nach der Prager Verfassung eigentlich nicht viel mehr als ein besserer „Grüßaugust“. Doch in Wahrheit ist das Staatsoberhaupt eine Art republikanischer Monarch. Staatsgründer T.G.Masaryk war vor genau 100 Jahren so einer, nach 1989 dann Vaclav Havel, ein bisschen auch dessen Nachfolger Vaclav Klaus. Und jetzt Zeman. Alles, was die Staatschefs sagen, kommt wie ein Gesetz daher. Mag der jeweilige Regierungschef hundert Mal mehr Befugnisse haben; der Präsident ist und bleibt für die meisten Tschechen der „Chef im Ring“.

Zeman genießt das besonders vor der Wahl, setzt auf den Bonus des Amtsinhabers. Einer direkten Auseinandersetzung mit seinen durchweg braven Widersachern in den Medien geht er aus dem Weg. „Elefantenrunden“ meidet er; er traut den kritischen Moderatoren wichtiger Medien nicht. Beim „Seidenstraßen-Gipfel“ in Peking versuchte er vor einer Pressekonferenz, seinen russischen Amtskollegen Wladimir Putin mit einen makabren Scherz zu beeindrucken: „Es sind zu viele Journalisten hier, man sollte sie liquidieren.“

Prager Medien rächten sich auf ihre Weise. Der investigative Kanal DVTV, der wie andere eine Absage für ein Interview bekam, zeigte 20 Minuten lang das Bild mit dem leeren Stuhl, auf dem der Präsident sitzen sollte. Zeman instrumentalisiert lieber den ihm zugeneigten Chef eines kleinen privaten TV-Senders, um dort wöchentlich Rede und Antwort zu stehen. Die Fragen sind ihm genehm. Auch die der Moderatorin Alexandra Mynarova, die – rein zufällig – die Ehefrau von Zemans Kanzleichef ist. Die fragt unter anderem, ob er ihren „so tollen Ehemann“ auch künftig als Kanzler beschäftigen würde. Zeman beruhigte sie: „Das weißt Du doch, Alexandra!“

Kritische Distanz zur EU

Zeman hat sich in seiner ersten Präsidentschaft vor allem an Umfragen orientiert. „Nur ein Dummkopf ändert seine Meinung nicht“, sagt er gern. Hat er 2013 noch die Fahne der EU feierlich auf seinem Amtssitz hissen lassen, vergleicht er heute die Union wie die Mehrheit der Tschechen bestenfalls mit der einstigen Herrschaft der Sowjets über sein Land. Er ist für ein Referendum über den Ausstieg Tschechiens aus der EU, würde aber für den Verbleib stimmen, weil das Land ohne die Vorzüge der Union nicht auskommen würde.

Konsequent bleibt Zeman in der Flüchtlingsfrage, wobei er sich mit seinen jetzigen Gegenkandidaten und den übrigen Visegrad-Staaten einig ist. Dabei ist er klug genug, es mit seiner Haltung nicht wie der Ungar Viktor Orbán oder der Pole Jaroslaw Kaczynski auf die Spitze zu treiben. Dazu ist ihm auch die gute Nachbarschaft zu Deutschland zu wichtig. Nur in einem Punkt ist Zeman anderer Meinung als sein Volk: er plädiert für die rasche Einführung des Euro – auch, weil sein Land gut aufgestellt ist und alle Kriterien dafür erfüllt.

Derzeit hält Zeman eisern an Premier Andrej Babis fest, auch wenn der unter Verdacht des EU-Subventionsbetrugs steht. Für ihn warf er sich sogar mit einem Extra-Auftritt im Parlament in die Bresche. Zeman kungelt mit den alten Kommunisten ebenso wie mit dem Rassisten Tomio Okamura. Alles für das Ziel seiner Wiederwahl. Die scheint ihm sicher zu sein, wenn die Genannten ihre Wähler für ihn mobilisieren. Okamura hat seine Getreuen bereits dazu aufgerufen. Die Kommunisten und Babiš, davon kann man fest ausgehen, werden es ihm gleich tun.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Wenzel 4

    Danke Herr Schmidt für den interessanten Artikel und mehr davon aus unserem Nachbarland. Ach so: Zeman hat gute Cancen in Böhmen - eben ein Opportunist durch und durch! Visegrad läßt grüßen.

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