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Freitag, 17.02.2017

Ran an die Kanzlerin

Bei seinem Antrittsbesuch in Washington demonstrierte Kanadas Premier Trudeau Einigkeit mit US-Präsident Trump. Aber viele Probleme bleiben. Deswegen will Trudeau die Beziehungen zu Gleichgesinnten stärken - und startet bei „Angela“ in Berlin.

Von Christina Horsten und Teresa Dapp

Angela Merkel und Justin Trudeau bei Kerzenschein im Hotel Regent in Berlin
Angela Merkel und Justin Trudeau bei Kerzenschein im Hotel Regent in Berlin

© Guido Bergmann/dpa

Ottawa. Mit diesem Foto dürfte Angela Merkel viele neidisch machen. Bei Kerzenlicht sitzt die Kanzlerin am gedeckten Tisch Justin Trudeau gegenüber, dem kanadischen Anti-Trump-Posterboy. Der 45-Jährige ist erstmals als Premierminister in Berlin, und der Besuch ist wichtig. Donald Trump dominiert die Nachrichten und das Weltgeschehen. Trudeau will die Bande mit Ländern stärken, die dem neuen US-Präsidenten ähnlich skeptisch begegnen wie Kanada.

Im Kanzleramt sprechen Merkel und Trudeau am Freitag über Themen, die beide beschäftigen: Das Handelsabkommen Ceta der EU mit Kanada, den Ukraine-Konflikt, die Nato, die Trumps Regierung gerade mit Rückzugs-Drohungen unter Druck setzt. Es herrscht demonstrative Einigkeit, Trudeau bedankt sich bei „Angela“, Merkel lobt Kanadas Engagement bei der Aufnahme von Flüchtlingen. Trump? Beide betonen, man wolle gute Beziehungen und setze auf gemeinsame Interessen.

Zuletzt haben sich Trudeau und Merkel im Juli 2016 am Rande des Nato-Gipfels in Warschau gesehen. Seitdem haben sie nur telefoniert, unter anderem als Trudeau nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt sein Beileid aussprach. Im Anschluss an ihre kurze Pressekonferenz legen die beiden Politiker am Breitscheidplatz Blumen nieder vor einem Meer aus Kerzen.

Schon der Auftakt von Justin Trudeaus Europa-Reise war geschichtsträchtig: Als erster kanadischer Premierminister sprach er vor dem Europaparlament. Erst tags zuvor hatten die Abgeordneten mehrheitlich das europäisch-kanadische Freihandelsabkommen Ceta gebilligt. Aber das sei nur der „Anfang“ gewesen, sagte Trudeau. „Für Kanada und die Europäische Union wird das Beste erst noch kommen.“

Deutschland ist einer der zehn größten Investoren in Kanada und mit einem Volumen von 21 Milliarden Dollar 2016 der sechstwichtigste Handelspartner, die EU insgesamt ist der zweitwichtigste. An erster Stelle steht für Kanada der südliche Nachbar USA - und genau dort liegt auch ein wichtiger Anlass für Trudeaus Europa-Besuch.

Zwar präsentierte er sich Anfang der Woche freundlich und einig beim Antrittsbesuch in Washington, aber hinter der Fassade könnten seine Ansichten sich kaum mehr von denen des neuen US-Präsidenten Donald Trump unterscheiden. Trudeau, gerne als der „Kennedy Kanadas“ bezeichnet, präsentiert sich stets als extrem liberal, weltoffen und macht mit seiner offensiven Pro-Flüchtlingspolitik Schlagzeilen. Trumps „America first“-Politik und seine Einreiseverbote können ihm nicht gefallen, auch wenn er in Washington höflich zu Protokoll gab, dass er in dieser Hinsicht „keine Vorträge“ halten wolle.

Mit Trumps Vorgänger Barack Obama verband Trudeau in den Augen vieler gar eine Art „Bromance“, eine innige Männerbeziehung. Eine echte Freundschaft dürfte sich mit Trump kaum entwickeln, umso wichtiger ist die Nähe zu ähnlich Gesinnten wie Merkel. Zur Begrüßung bekommt der Gast in Berlin ein ganz persönliches Geschenk: Die Kanzlerin überreicht Trudeau ein Foto, dass ihn 1982 als Zehnjährigen mit seinem Vater und damaligen Premier Pierre Trudeau zeigt - zu Besuch bei Kanzler Helmut Kohl in Bonn. (dpa)