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Donnerstag, 04.01.2018 Aus dem Gerichtssaal

Räuberpistole um 7 000 Euro

Ein junger Mann aus Radebeul soll viel Geld unterschlagen haben. Er erzählt dem Gericht eine unglaubliche Geschichte.

Von Jürgen Müller

Ein Radebeuler soll viel Geld unterschlagen haben. Doch er schiebt die Schuld auf einen anderen. Sein arabischer Begleiter habe ihn bedroht und ihm das Geld abgenommen, behauptet er.
Ein Radebeuler soll viel Geld unterschlagen haben. Doch er schiebt die Schuld auf einen anderen. Sein arabischer Begleiter habe ihn bedroht und ihm das Geld abgenommen, behauptet er.

© dpa

Meißen. Richter und Staatsanwälte müssen sich ja mitunter unglaubliche Geschichten von Angeklagten anhören. Eine solche Räuberpistole, wie sie ihnen hier der 21-jährige Radebeuler auftischt, dürften jedoch auch sie eher selten hören.

Dem Mann wird vorgeworfen, 7 000 Euro unterschlagen zu haben. Er soll über einen Kumpel den Auftrag erhalten haben, für eine wohl etwas dubiose Hinterhofwerkstatt in Leipzig einen Motor aus der Nähe von Nürnberg nach Leipzig zu holen. Dafür soll er 200 Euro erhalten. Weil der junge Mann, der damals Lehrling in einem Autohaus ist, ständig rote Zahlen auf dem Konto hat, nimmt er den Auftrag an. In Leipzig nimmt er in einem Bürocontainer die 7 000 Euro in bar in Empfang. Ohne nachzuzählen quittiert er den Empfang des Geldes.

Danach soll er sich in seinen BMW gesetzt haben und mit dem Geld abgehauen sein. Wegen veruntreuender Unterschlagung sitzt er nun vor dem Meißner Amtsgericht. Er erzählt eine abenteuerliche Version. Er sei mit einem arabischen Bekannten nach Leipzig gefahren, der habe ihn begleiten wollen. Nach dem Empfang des Geldes habe sein Begleiter plötzlich Panik bekommen. Er habe vermutet, dass etwas mit der Sache nicht stimme, in dem Motor Drogen versteckt sein könnten, die beiden als Rauschgiftkuriere benutzt werden sollten. Er habe ihn bedroht, ihm das Geld und die Autoschlüssel des BMW abgenommen und ihn gezwungen, mit ihm gemeinsam zurück nach Dresden zu fahren. Dort habe er bei seinem Bekannten und dessen Familie übernachtet. „Ich hatte gehofft, das Geld zu finden“, sagt der Angeklagte.

Wie ihn sein Begleiter denn bedroht habe, will die Staatsanwältin konkret wissen. Obwohl es ein sehr einschneidendes Erlebnis gewesen sein muss, wenn jemand so bedroht wird, dass er mehrere Tausend Euro und den Autoschlüssel abgibt, kann sich der Mann nicht erinnern. Das lässt nur einen Schluss zu: Die Bedrohung hat gar nicht stattgefunden, ist eine reine Schutzbehauptung.

Nachdem ein Mitarbeiter des Autohandels bei seinem Chef im Autohaus auftaucht, wird der Lehrling fristlos entlassen. Jetzt wird es noch skurriler. Der Angeklagte verkauft sein Auto und gibt den Erlös – 4500 Euro – nicht etwa den Geschädigten, sondern seinem arabischen Bekannten. „Ich kann bis heute nicht erklären, warum ich damals so gehandelt habe“, sagt er. Niemand im Saal kann sich das erklären, bis ein Zeuge vernommen wird. Es ist derjenige, der die Fahrt vermittelt hat. Nachdem das Geld weg ist, hat er auf eigene Faust recherchiert und den Araber ausfindig gemacht. Der verspricht, sich um die Angelegenheit zu kümmern. Und macht das auch. Die 4 500 Euro, die er von dem Angeklagten erhält, zahlt der Mann an die Geschädigten zurück.

Die Staatsanwältin nimmt dem Angeklagten seine Geschichte nicht ab. Sie ist überzeugt, dass er die 7 000 Euro unterschlagen hat. Dennoch kommt der junge Mann äußerst glimpflich davon. Denn das Gericht verurteilt den Mann, der zur Tatzeit 20 Jahre alt war, nach Jugendstrafrecht. Wegen veruntreuender Unterschlagung und einer Unfallflucht, die er eingeräumt hat, wird er lediglich zu 100 Arbeitsstunden verurteilt. Macht er das nicht, muss er vier Wochen in den Arrest. Kurios: Obwohl ihm das Gericht die Reife eines Erwachsenen abspricht, darf er seinen Führerschein behalten und damit weiter Autofahren. Bei den Pflichten ist er Jugendlicher, bei den Rechten aber Erwachsener.

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