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Dienstag, 17.04.2018

Rätselraten um Porzellan-Landkarte

Eine Meissen-Figur verwirrt mit einer ungewöhnlichen Landschaft. Doch diese wurde bewusst gewählt.

Von Dr. Hans Sonntag

Der Landkartenhändler als limitiertes Kunstwerk von 2016 zur 25. Jahrestag der Wiedergründung des Freistaates.
Der Landkartenhändler als limitiertes Kunstwerk von 2016 zur 25. Jahrestag der Wiedergründung des Freistaates.

© Manufaktur Meissen

Meißen. Die typische Kiepe der Hausierer auf dem Rücken, eine Rolle in der linken Hand, eine ausgebreitete Karte rechts haltend. So wird der Landkartenhändler des Kändler-Schülers Peter Reinicke seit etwa 1744 modelliert. Besonders an der Figur ist, dass die Porzellanmaler der Meissener Manufaktur immer wieder die Karten variierten.

Eine vergleichsweise seltene Ausgabe sorgte bei dem englischen Porzellan-freund Gordon Wills aus der Grafschaft Kent für Rätselraten. Er könne leider die Landkarte, welche sein Landkartenhändler in der Hand hält, nicht identifizieren, so der Engländer in einem Schreiben. Er habe sich bereits an eine Akademikerin für Geografie der Universität Moskau sowie einen Professor der Universität Prag gewandt, doch selbst diese beiden Spezialisten wussten keinen Rat. Handelt es sich am Ende gar um eine künstliche Karte?

Ein erster Blick auf das aus England eingesandte Foto ergab schließlich einen entscheidenden Hinweis auf Slowenien. „Sclavo“ stand in Großbuchstaben über einen Teil der Karte geschrieben. Die gängigen Atlanten im Haushalt genügten allerdings nicht, um diese Theorie zu belegen. Aufklärung brachte schließlich ein Besuch in der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden. Im „Großen vollständigen Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste“ von Johann Heinrich Zedler, verlegt zwischen 1732 und 1754 in Leipzig und Halle, fand sich im Band 36 folgender Hinweis: „Sclavonien, Slavonien, Lat. Sclavonia … ein europäisch Land, unter welchem Namen die alten Ungarn das eigentlich so genannte Sclavonien, Croatien, Dalmatien, Bosnien, Servien und Bulgarien begriffen.“

Auf dieser Basis lassen sich die auf der Porzellankarte eingetragenen Ortschaften zuordnen. Dort lesen wir: „Wurusilin“ und „Croz“, das heißt es sind die heutigen Städte „Varaždin“ und „Križevci“. Die Bezeichnung „Feing“ ist identisch mit „Fiume“, dem heutigen Rijeka. Die Halbinsel „Rab“ heißt noch heute so und die Insel „Brac“ ist sicherlich identisch mit der Bezeichnung „Bretz“ auf der Landkarte.

In der Literatur findet sich dieses Gebiet auch unter der Bezeichnung „Wurzener Becken“, weil im 18. Jahrhundert unter Maria Theresia von Österreich viele Menschen aus Leipzig und Wurzen dahin umsiedelten, um sich neue Existenzen aufzubauen. Und diese Menschen aus Sachsen kannten vermutlich auch das Meissener Porzellan, zum Beispiel durch die Leipziger Messen, und sie ließen sich offensichtlich spezielle Wünsche durch die Manufaktur realisieren, vielleicht als Erinnerungsstücke in ihrer neuen Heimat. So könnte zu erklären sein, dass der jetzt in England beheimatete Landkartenhändler einen Kartenausschnitt vom Balkan zeigt.

Aus Manufakturunterlagen geht hervor, dass das Unternehmen 1769 fünf Meissener Porzellanhändler in der heutigen serbischen Hauptstadt Belgrad hatte, von denen sogar die Namen bekannt sind: Aga Achmet, Manasses Athanasas, Stephani Gisei, George Paulae und Samuel Menachim Rassow. Und es gab drei Meissen-Händler im noch näher gelegenen Peterwardein, dem heutigen Petrovaradin, namens Stephani Isai, Peter Melcon und Pareplaschowitz bzw. Pareplaschewitz. Diese Informationen sprechen für die Berühmtheit des Meissener Porzellans zur damaligen Zeit.

Der englische Porzellanfreund Gordon Wills zeigte sich mit den Auskünften aus Meissen mehr als zufrieden. Im Antiquitätenhandel sind Exemplare des Landkartenhändlers im Umlauf, die mit unterschiedlichsten Landkartenausschnitten dekoriert sind, wie zum Beispiel von London, Lissabon sowie dem polnischen Kalisz.

Eigentlich könnte die Manufaktur heute aus dieser wirklich alten Tradition eine Revitalisierung bewirken, wenn sie ihren Kunden solch eine Möglichkeit der aktuellen Erinnerungskultur optisch und textlich anbieten würde.

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