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Mittwoch, 15.11.2017

Rätselhafter Reichsgraf

Das neue Buch über Friedrich Caspar von Gersdorf ist kein Krimi, und doch spannend. Am Mittwoch liest die Autorin Lubina Mahling daraus in Uhyst.

Von Thomas Staudt

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Friedrich Caspar von Gersdorf.
Friedrich Caspar von Gersdorf.

© SZ-Archiv

Lubina Mahling schreibt über Friedrich Caspar von Gersdorf.
Lubina Mahling schreibt über Friedrich Caspar von Gersdorf.

© Lieselotte Donke

Uhyst. Reichsgraf, Oberamtshauptmann der Oberlausitz, Kammerherr, Geheimer Rat: Die Internetsuchmaschine Google findet 59300 Eintragungen in 0,57 Sekunden zu Friedrich Caspar von Gersdorf. Würde er heute leben, wären es vermutlich weit weniger, obwohl er zur Prominenz des 18. Jahrhunderts zählte. „Er hat selbst vieles vernichtet, was mit ihm zu tun hatte“, sagt Lubina Mahling über den Mann, der ihr trotz jahrelanger Beschäftigung noch immer ein Rätsel ist. Die Historikerin und Theologin hat sogar ihre Doktorarbeit über ihn geschrieben. Vor zwei Wochen ist die Arbeit als Buch erschienen. Dass sie das Werk mit dem Titel „Um der Wenden Seelenheyl hochverdient – Reichsgraf Friedrich Caspar von Gersdorf“ heute Abend ausgerechnet in Uhyst vorstellt, ist kein Zufall. Der Reichsgraf ist der Erbauer des Uhyster Schlosses und Gründer der örtlichen Schule, die später Lehrerbildungsanstalt und Adelspädagogium mit Internat wurde, bevor die Einrichtung 1756 schließlich nach Niesky verlegt wurde.

Aber wer war der barocke, übervorsichtige Mister X, der unter seine Briefe den Zusatz setzte: „Bitte diesen Brief sofort vernichten“? „Friedrich Caspar von Gersdorf war als Oberamtshauptmann so etwas wie der Ministerpräsident der Oberlausitz und damit einer der prägenden politischen Akteure seiner Zeit. Er gehörte von Anfang an zu den Förderern von Herrnhut, der pietistischen Neugründung seines Großcousins Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf. Er setzte sich für die Sorben ein, förderte sorbische Schulen, den Buchdruck in sorbischer Sprache und er unterstützte sorbische Pfarrer. Dafür gab er massenweise Geld aus. „Soviel Geld, wie es Sorben gibt“, wie es in einer zeitgenössischen Quelle heißt. Freunde machte er sich damit in Dresden nicht. August der Starke war 1697 zum katholischen Glauben konvertiert. Protestantische Reformbewegungen wie der Pietismus waren ihm und seinen Nachfolgern eher ein Dorn im Auge.

Mit seinem Engagement förderte von Gersdorf also hinterrücks, was er offiziell bekämpfen sollte. Kein Wunder also, dass der Reichsgraf vorsichtig war und Beweise, die ihm hätten gefährlich werden können, selbst vernichtete oder andere dazu aufforderte, Schriftstücke verschwinden zu lassen.

Lubina Mahling, selbst Sorbin, hat dafür noch eine andere Erklärung. Im Gegensatz zu Hermann von Pückler-Muskau, der alles dafür tat, um in die Schlagzeilen zu kommen, wollte von Gersdorf mit seinen Vernichtungsaktionen vielleicht möglichen Nachruhm verhindern. „Ihm ging es offensichtlich wirklich um das Reich Gottes“, vermutet die Autorin. Für seine Bestattung in Herrnhut jedenfalls bestand er auf einem flachen Erdgrab, das sich nicht von den anderen abhob. Erst seine Witwe ließ das Grab mit einem „Häusel“ aufmotzen.

Das Trennende hatte auch zu DDR-Zeiten wenig Chancen. Der Pietismus und die Sorben blieben forschungsgeschichtlich unterbelichtet. Lubina Mahling hat diese Lücke erkannt und füllt sie nun Stück für Stück mit ihren Forschungen. Dafür durfte sie im vergangenen Jahr den Hermann-Knothe-Nachwuchspreis der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften in Görlitz entgegennehmen.

Reichsgraf Friedrich Caspar von Gersdorf – Lesung mit der Autorin und Historikerin Lubina Mahling, heute 19 Uhr, Gasthof „Drei Linden, Uhyst/Spree.

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