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Freitag, 29.12.2017

Radweg wegen maroden Denkmals gesperrt

Von einem alten Schornstein fallen Steinchen. Der Besitzer will ihn deshalb abreißen lassen. Möglich ist das kaum.

Von Annechristin Bonß

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Kein Durchkommen zum Elbradweg. Der Weg von der Meißner Landstraße zur Elbe hinunter ist gesperrt. Das ignorieren viele Fußgänger.
Kein Durchkommen zum Elbradweg. Der Weg von der Meißner Landstraße zur Elbe hinunter ist gesperrt. Das ignorieren viele Fußgänger.

© Sven Ellger

Manch einer nimmt die roten Sperrbaken gar nicht mehr wahr. Manch einer macht sich die Mühe, sie einfach zur Seite zu schieben. Manch einer kehrt ehrfürchtig um. Und manch einer ärgert sich maßlos darüber. Seit anderthalb Jahren ist der Fuß- und Radweg von der Meißner Landstraße aus zur Elbe hinunter gesperrt. Der Cottaer Siegfried Adam will das nun nicht mehr länger hinnehmen. In einem öffentlichen Brief hat er sich bei Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) über die Situation beschwert. Denn der Weg war nicht nur bei dem Rentner beliebt. Viele Passanten und Radfahrer haben täglich diese schnelle Verbindung zur Elbe genutzt, vorbei am alten Standort des Theaters Junge Generation und am Winzerhäuschen. Sogar einen Abzweig zum Edeka-Markt gab es. Auch der ist jetzt versperrt.

Denn der Grund für die Sperrung steht genau an der Grenze des Supermarkt-Areals. Dort hatte es einst eine alte Brauerei gegeben. Die musste für den Marktneubau weichen. Geblieben ist der 50 Meter hohe Schornstein, der unter Denkmalschutz steht. Und von dessen Spitze immer wieder kleine Steine nach unten fallen. Das bestätigt John Scheller. Er leitet den Edeka-Markt und hat das Gelände von dem Konzern gepachtet. Einsturzgefährdet sei der Schornstein nicht, sagt er. Aber selbst kleine Steine können, wenn sie aus solch einer Höhe herunterfallen, Schaden anrichten. „Wir sind verpflichtet, die Sperrungen aufzustellen“, sagt er. Notfalls sollen diese durch feste Betonteile ersetzt werden.

Das allerdings klingt nicht nach einer schnellen Lösung für das Problem. Helfen würde nur eine Sanierung des Schornsteins. Doch die ist aufwendig und teuer. Und aus wirtschaftlicher Sicht nicht tragbar, sagt John Scheller. Die Kosten für Reparatur und Wartung des Denkmals stehen in keinem Verhältnis zum Nutzen des Baus. Zumal es andere Objekte auf dem Areal gibt, die an die einstige Brauerei erinnern. Unter anderem können Besucher des Marktes in einen erhaltenen Brunnen blicken. Auch ein spezielles Bierangebot gibt es. John Scheller verschweigt nicht, dass er und Edeka den Schornstein lieber abreißen lassen würden. Das allerdings macht der Denkmalschutz unmöglich. Derzeit laufen Gespräche mit der Stadt.

Die hat dazu jedoch eine klare Meinung. „Der Schornstein erinnert als letztes bauliches Zeugnis an ein bemerkenswertes Ensemble der Industriearchitektur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts“, teilt Stadtsprecherin Diana Petters mit. Das Kulturdenkmal soll auf jeden Fall erhalten werden. „Der Schornstein soll mit seinem Landmarken-Charakter weiterhin auf die Standortgeschichte und die früheren Nutzungen hinweisen.“ Sie verweist aber auch auf ein laufendes Rechtsbehelfsverfahren, also einen Streit zwischen Edeka und der Stadt zur Sache. Worum es dabei konkret geht, darüber wollen die beiden Seiten derzeit nicht sprechen.

Für Fußgänger wie Siegfried Adam heißt das wohl weiter warten. Schnell werden die Sperrzäune nicht verschwinden. Daran wird auch der Brief an den Bürgermeister nichts ändern.

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 6 Kommentare

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  1. O.W.

    Das TJG befand sich zwar einmal in der Nähe, aber das ist kein Grund, hier so ein Kaspertheater aufzuführen. Die bröckelige Spitze des Schornsteins kann temporär mit Netzen gesichert werden, so dass sich die Sperrung dann nicht mehr bis auf den Weg ausdehnen muss. Stattdessen wird die Sperrung des Weges hier von Edeka als Druckmittel missbraucht, um den Abriss gegenüber dem Denkmalschutz durchzudrücken. Pfui Teufel!

  2. Hugo

    Die Denkmalschützer können sich das hässliche, gefährliche Teil gern auf ihre eigenen Grundstücke stellen oder privat sanieren. Es ist ein Schornstein, keine schöne Villa... Zu warten, bis er von allein umfällt oder so verfallen ist, dass der Abriss unausweichlich ist, ist die schlechteste aller Varianten. Bei echten Denkmälern wie letztens erst einer Villa in Blasewitz/Tolkewitz schauen die Denkmalschützer ja auch nur zu und verhängen dann ein kleines Bußgeld, wenn der Besitzer es abreißen lässt. Das könnte sich der Grundstückseigentümer einfach mal als Beispiel nehmen.

  3. Niederwäldler

    Denkmalschutz, die Ausrede zum Nichtstun. Sind denn alte Wege nicht auch Schützenswert? Ich denke da auch an den wohl historischen Weg im Keppgrund. Alles vergammelt. Gute Besserung!

  4. Mkm

    Man stelle sich einmal vor, es ginge nicht um einen Weg für Fußgänger und Radfahrer, sondern für Autofahrer... Ob es das auch einfach mal eine Sperrung für mehrere Jahre gäbe...?

  5. tschle

    Einen Ziegelschornstein als Denkmal? Noch dazu mit Potential zur Gefährdung? Wegen jedem Mist versucht die Stadt zur regeln, zu reglementieren und abzuzocken. Es macht wirklich wenig stolz derzeit Dresdner zu sein...

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