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Samstag, 12.08.2017

Pokalreise in die Provinz

Sechstligist Dorfmerkingen trifft auf den deutschen Vizemeister RB Leipzig – die Region träumt vom ganz großen Coup.

Von Elisabeth Huther

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Ländliches Idyll: Dorfmerkingen spielt in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen RB Leipzig. Ausgetragen wird das Spiel allerdings in 20 Kilometern Entfernung.
Ländliches Idyll: Dorfmerkingen spielt in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen RB Leipzig. Ausgetragen wird das Spiel allerdings in 20 Kilometern Entfernung.

© dpa

Sportfreunde-Kapitän Christian Zech (l.) und Klubchef Thomas Wieser mit dem wiedergewonnenen WFV-Pokal.
Sportfreunde-Kapitän Christian Zech (l.) und Klubchef Thomas Wieser mit dem wiedergewonnenen WFV-Pokal.

© dpa

Torwart Christian Zech beendete seine Flitterwochen rechtzeitig, einige seiner Mitspieler verschoben ihren Urlaub: Wenn am Sonntag Vizemeister RB Leipzig im DFB-Pokal beim Sechstligisten Sportfreunde Dorfmerkingen gastiert, will sich das Spektakel niemand entgehen lassen. „Die bringen große Opfer, es ist erstaunlich, was sie leisten“, sagte Sportfreunde-Trainer Helmut Dietterle. Sechsmal pro Woche kommen die Amateure – Studenten, Lehrer oder Informatiker – in dem 1 000-Einwohner-Dorf zusammen, um sich auf das Highlight ihrer Karriere vorzubereiten. Das sind nicht weniger Trainingstage als bei den Sachsen, aber eben immer nach der Arbeit. Trainiert wird mit den original Bundesliga-Bällen – ein Geschenk von Leipzig.

Davon wird es im Spiel wohl keine geben. Der Underdog, der sich noch als Siebtligist mit einem 3:1-Sieg im Finale des Landespokals im Württembergischen Verband gegen die Stuttgarter Kickers für die erste Pokalrunde qualifizierte, ist sich seiner Außenseiterrolle bewusst. „Wir wissen, dass wir eigentlich keine Chance haben, aber die wollen wir nutzen“, sagte Co-Trainer Christian Mennicken augenzwinkernd.

Aber nicht nur die Sportfreunde machen sich für die erste Runde des Pokals bereit, das ganze Dorf ist in Aufruhr. Zahlreiche Shuttle-Busse wurden organisiert, um die Fans in die Ausweich-Spielstätte im 20  Kilometer entfernten Aalen zu bringen. Einem provisorisch eingerichteten Fanshop – ein Kabuff am Rande des Trainingsplatzes – rennen die Dorfmerkinger die Türen ein. Jeder will sich ein eigens für das Saisonhighlight angefertigtes Trikot oder den Begegnungsschal sichern.

Ohnehin können sich die Sportfreunde in den vergangenen Wochen über fehlende Aufmerksamkeit nicht beklagen. Nicht nur im Vorfeld des Pokalspiels schlugen einige Kamerateams in der Ostalb auf. Nachdem die Dorfmerkinger nach der Pokal-Auslosung im Juni zugaben, dass ihnen ihr Pokal auf Mallorca entwendet worden war, brach ein „mediales Gewitter“ über den kleinen Klub herein, wie der Medienkoordinator Martin Schill berichtete. Aber der Pokal kam zurück, und seitdem wird die zehn Kilogramm schwere Trophäe nicht mehr aus den Augen gelassen.

Ein zweiter goldener Pokal wird aber wohl nicht dazukommen. Schon ein Coup gegen Leipzig würde einem Tipper das
67-fache seines Einsatzes bescheren. „Ich müsste sofort als Trainer aufhören, wenn ich nicht einen kleinen Funken Hoffnung hätte, aber der ist in diesem Fall sehr, sehr klein“, sagte Dietterle, der von Mitte bis Ende der 1970er-Jahre als Mittelfeldspieler beim VfB Stuttgart auf 42  Spiele in der Bundesliga kam: „Ich wünsche mir einfach, dass nach dem Spiel alle zufrieden nach Hause gehen. Die Zuschauer, wir – Leipzig vielleicht nicht unbedingt.“

Schon die Anreise könnte den Messestädtern missfallen, denn unter Umständen muss Trainer Ralph Hasenhüttl auch auf Mittelfeldspieler Naby Keita verzichten, der am Freitagvormittag beim Mannschaftstraining fehlte. Eine genaue Diagnose stand zunächst noch aus. Der 22-Jährige habe sich unwohl gefühlt, hieß es. Keita wäre nach Emil Forsberg, Diego Demme, Bernardo und Ibrahima Konaté der fünfte Ausfall. Zwar trainierten Bernardo und Konaté bereits wieder mit der Mannschaft, Hasenhüttl will beim ersten Pflichtspiel der Saison aber nur hundertprozentig fitte Spieler einsetzen und so eine Woche vor dem Bundesliga-Start beim FC Schalke 04 kein Risiko eingehen.

Die Personalie Keita war aber nicht die einzige, die RB am Freitag vermeldete. Eine weitere betraf Abwehrchef Willi Orban. Der 24-Jährige soll die Roten Bullen fortan als Kapitän aufs Feld führen. „Willi ist prädestiniert für das Amt. Er hat eine große Akzeptanz im Team und auch meine große Wertschätzung. Er geht immer voran und steht für unsere Philosophie“, erklärte Hasenhüttl seine Entscheidung.

Orban löst Dominik Kaiser als Spielführer ab. Der Mittelfeldspieler kam in der Vorsaison nicht über die Reservistenrolle hinaus und wird wohl auch diese Saison nicht so oft wie gewünscht zum Einsatz kommen. Doch Hasenhüttl will einen Stammspieler als Kapitän. Bereits in der Vorsaison und in der gesamten Vorbereitung hatte Orban den Champions-League-Starter als Vertretungs-Kapitän angeführt. Einen neuen Ersatz-Kapitän bestimmte Hasenhüttl nicht.

Zu seiner offiziellen Kapitäns-Premiere in Dorfmerkingen sagte Orban: „Wir wollen das Spiel seriös angehen, die Vorfreude ist riesig. Wir wollen von Beginn an zeigen, dass es keine Zweifel gibt, wer in die zweite Runde einzieht.“ (sid, mit dpa)

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Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. PQR

    Ganz Fußballdeutschland drückt Dorfmerkingen die Daumen!

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