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Samstag, 12.08.2017

Plötzlich Spaßspringer

Mateusz Przybylko setzt 2017 zum Höhenflug an. Aber seine Brüder verdienen zweitklassig viel mehr.

Von Michaela Widder, London

Schwer auszusprechen, aber den Namen sollte man sich merken: Mateusz Przybylko schielt auf eine WM-Medaille.
Schwer auszusprechen, aber den Namen sollte man sich merken: Mateusz Przybylko schielt auf eine WM-Medaille.

© dpa

Es ist noch nicht lange her, da spielte sich folgendes Szenario in seinem Kopf ab. Wenn Mateusz Przybylko die Norm für das kommende Großereignis hörte, dachte er immer: „Oh Gott! Ich habe mich klein gemacht.“ Solche Gedanken gehören nun der Vergangenheit an. Am Freitagmittag steht der Hochspringer in der Mixed-Zone des Olympiastadions von London und aus dem jungen Kerl sprudeln plötzlich so erstaunliche Sätze heraus wie dieser: „Ich habe immer gesagt, ich wollte die Großen ärgern“, meint er, „jetzt will ich sie nicht ärgern, jetzt will ich sie fertigmachen.“

Przybylkos Ansage ist nicht unbegründet. Der 25-Jährige hat in dieser Saison 2,35 Meter überquert, eine Höhe, in die schon lange kein Deutscher mehr vorgestoßen war. Bei seinem Höhenflug im Juni in Bottrop ließ er die Latte sogar schon mal einen Zentimeter höher als den Uralt-Rekord von Carlo Thränhardt (2,37) auflegen.

Zur WM reiste er als Nummer zwei an, übersprang 2,31 Meter in der Qualifikation und steht mit Altmeister Eike Onnen am Sonntag im Finale. „Ich war schon sehr aufgeregt, konnte kaum schlafen. Es ist toll, dass wir es beide geschafft haben.“ Einem deutschen Duo war der gemeinsame Finaleinzug zuletzt 1987 gelungen. Przybylko will mehr. „Wenn der Körper mitspielt, kann ich mit einer Medaille liebäugeln. Vielleicht sind sogar noch größere Höhen möglich.“ Nerven hat der Mann. „Er ist ein bisschen verplant, aber er macht sich keinen Kopf“, sagt Onnen über den zehn Jahre jüngeren Disziplinkollegen. Seit der Bronzenen vom Dresdner Raul Spank 2009 in Berlin wäre es die erste deutsche WM-Medaille für einen Hochspringer.

Seit dem Höhenflug von Bottrop kennt man Przybylko in der Szene. Aber nicht nur der Stadionsprecher in London tut sich schwer, den polnischen Namen richtig auszusprechen. Der Bielefelder, dessen Familie 1989 von Polen in den Ruhrpott gezogen war, hilft: „Wie der Lehrer zu den Schülern macht, wenn sie zu laut sind: psch! Bülko.“ Aber einfacher sei Matze, meint er, ist ihm sowieso lieber, die Sache mit dem „Du“.

Przybylko hatte als Jugendlicher überlegt, für das Heimatland seiner Familie zu starten. „Wir hatten mit 15, 16 angefragt, aber da kam keine Antwort.“ Der deutsche Verband habe sich sofort gemeldet. „Jetzt auf einmal wollen die Polen mich, das finde ich traurig.“

Er ist kein Jahrhunderttalent, Przybylko brauchte seine Zeit. Schon vor zwei Jahren sprang er das erste Mal über 2,30 Meter. Ein Ausrutscher, wie er selbst sagt. Erst dieses Jahr spürt er, „dass der Knoten geplatzt“ ist. Als es ihm zu mühsam geht, will er die Saison schon abbrechen. Aber Trainer Hansjörg Thomaskamp spricht ihm gut zu: „Matze, du hast das drauf.“ Bei einem Militärwettkampf auf der Airbase in Rammstein, als nur ein paar Soldaten zuschauen, knackt Przybylko das erste Mal in dieser Saison 2,30 Meter. „Seitdem läuft es. Ich spring’, habe Spaß dabei.“ Wie im Rausch fühlen sich die 2,35 Meter im Juni an.

Beim Blick auf sein Konto ist er aber schnell zurück in der Realität. In der Familie haben sich seine beiden Brüder die lukrativere Sportart ausgesucht. Einst hatte er auch mit Fußball angefangen, doch als „dünner Schlacks“ keine Chance. Jacub spielt mittlerweile in der Regionalliga, sein anderer Bruder Kacper, zehnmaliger U21-Nationalspieler für Polen, hat es bei Kaiserslautern ins Profigeschäft geschafft.

Er wird öfter gefragt, ob es ihm im finanziellen Vergleich nicht schwerfällt, begeisterter Hochspringer zu sein? „Hey“, meint Przybylko, „ja, das sind andere Dimensionen. Fußball und Leichtathletik kann man nicht vergleichen, außer wenn man Usain Bolt ist.“ Was soll er sich auch an einer Sache aufreiben, die er ohnehin nicht ändern kann. Das Dilemma ist ihm aber bewusst. „Wenn man bei uns keine Leistung zeigt, kommt kein Geld. In der zweiten Liga kennt man dich nicht, und du bekommst trotzdem viel Geld.“ Für einen Zwist zwischen den Brüdern sorgt das Thema nicht, sie spüren vielmehr Zusammenhalt und ließen sich alle drei dasselbe Motiv tätowieren: „Mi familia“ steht auf seinem linken Arm.

Auf Bruder Kacper muss er in London verzichten. „Ich schaue ihm gerne beim Spielen zu, er schaut bei meinen Wettkämpfen gerne im Stadion zu – aber für ihn ist es jetzt wichtig, dass er gesund wird“, sagt Przybylko über den verletzten Stürmer. „Wenn ich Weltmeister werde, unerwartet, vielleicht bin ich dann ein besserer Verdiener als mein Bruder.“ Er muss lachen. Die Wahrscheinlichkeit eines Titels dürfte wesentlich höher sein, als, dass er danach mehr Geld als ein Fußballer hat.

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