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Montag, 11.09.2017 Kommentar

Organisiert und ordinär

Tomaten, Trillerpfeifen, Volksverräter-Plakate: SZ-Redaktuer Thilo Alexe über Pöbeleien im Wahlkampf

Thilo Alexe
Thilo Alexe

© Robert Michael

Es ist nur ein bizarres Gedankenspiel. CDU-Ortsverbände rufen zur Busfahrt in ein mitteldeutsches Oberzentrum auf. Anlass ist eine Marktplatzrede von, sagen wir, Alexander Gauland. Die lautstarken Christdemokraten bringen sich, ausgestattet mit Trillerpfeifen und Volksverräter-Plakaten, vor der AfD-Bühne in Position und rufen: Gauland muss weg.

Schwer vorstellbar? Ja, schon deshalb, weil CDU-Mitglieder sich als breite Mitte verorten, die nicht pöbelt. Damit keine Missverständnisse entstehen: Es gibt heftige Proteste gegen die AfD, die mit nicht akzeptabler Gewalt verbunden sind. In Stuttgart brannten im vergangenen Jahr sogar Autoreifen auf einer Bundesstraße.

Alle Deutschen haben das Recht, sagt das Grundgesetz, sich friedlich, ohne Waffen und womöglich ohne Anmeldung zu versammeln. Diese Selbstverständlichkeit nehmen im Wahlkampf auch die in Anspruch, die ein anderes Deutschland wollen. Demokratietheoretisch ist Protest in Sicht- und Hörweite zu Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht verwerflich.

Aber der Stil ist bemerkenswert. Das beginnt bei der guten Organisation. Es setzt sich über das Ordinäre der Parolen fort und gipfelt darin, dass offenbar auch Rechtsextremisten die Demokratie in Anspruch nehmen und dabei, wie CDU-Generalsekretär Peter Tauber kritisiert, Nähe zur AfD suchen und nutzen.

Wer mit Lust an Lautstärke demonstriert, stört nicht nur Redner, sondern auch Zuhörer. Das klingt banal, ist aber nicht unerheblich. Merkel-muss-weg-Rufer müssen sich zumindest die Frage gefallen lassen, warum sie nicht sachlich-unaufgeregt am Rande der von ihnen kritisierten Kundgebungen für ihre Sache werben. Die Antwort ist klar: Radau schafft Aufmerksamkeit, das Netz hilft gern. Nachrichtenmeldungen aus dem Wahlkampf befassen sich häufig vorrangig damit, wie viele gepfiffen haben.

Eine Verrohung ist das alles noch nicht – eher ein geschicktes Spiel um Aufmerksamkeit. Beklemmend wirkt das Geschrei trotzdem. Angst vor Veränderung kann nur bedingt als Argument gelten. Nicht nur die CDU ist gefordert. Eine Antwort wäre aber falsch: aus Angst auf Wahlkampfkundgebungen zu verzichten.

››› E-Mail an Thilo Alexe

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