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Donnerstag, 20.04.2017

Österreicher haben Sehnsucht nach starkem Mann in turbulenten Zeiten

Sie heißen Trump, Putin oder Orban. Sie verkörpern in den Augen ihrer Anhänger eine starke Führungspersönlichkeit. Die Sehnsucht nach so einem Politikertyp scheint zu wachsen - das zeigt auch eine Umfrage aus und über Österreich.

Fast jeder vierte Österreicher wünscht sich offenbar nicht nur eine starke Führungspersönlichkeit, sondern hält auch die Demokratie an sich für verzichtbar.
Fast jeder vierte Österreicher wünscht sich offenbar nicht nur eine starke Führungspersönlichkeit, sondern hält auch die Demokratie an sich für verzichtbar.

© dpa

Wien. Viele Österreicher sehnen sich laut einer Umfrage nach einem starken Mann an der Spitze des Landes. Aus Sicht von 43 Prozent der Befragten wäre es „sehr“ oder „ziemlich“ wünschenswert, wenn ein solcher Politikertyp regierte. Das geht aus der am Donnerstag in Wien vorgestellten Umfrage im Auftrag des österreichischen Zukunftsfonds hervor.

Nicht jeder Freund einer autoritären Führung ist für einen Systemwechsel weg von der Demokratie. Dies gelte aber für 23 Prozent der Bevölkerung mit durchaus totalitären Einstellungen, meint der Historiker Oliver Rathkolb, der die Umfrage wissenschaftlich begleitete. „Das ist extrem hoch.“ Der Vergleichswert von vor zehn Jahren lag bei 14 Prozent. Wesentlicher Grund für die steigende Sehnsucht nach einem starken Mann oder gar den Abschied von der Demokratie sei die Verunsicherung vieler Menschen durch die Globalisierung.

Für die überwiegende Mehrheit bleibt die Demokratie die beste Regierungsform. Generell habe die Demokratie in den vergangenen zehn Jahren aber Zustimmung verloren, sagte Rathkolb. Dieser Trend gelte nicht nur für Wähler vom politischen Rand, sondern für eine oft schweigende, durch Perspektivlosigkeit frustrierte Gruppe. „Politische Apathie führt zu totalitären Systemen“, sagte Rathkolb.

Den Trend zum mit starker Hand regierenden Mann unterstreicht auch die Aussage zum wachsenden Bedürfnis nach „Recht und Ordnung“. Ein stärkeres Vorgehen gegen Unruhestifter und Außenseiter könnten sich 61 Prozent der Befragten vorstellen. (2007: 53 Prozent). Dahinter verbirgt sich nach Überzeugung von Rathkolb vor allem eines: Angst. „Es zeigt die Sorge der Menschen, in turbulenten Zeiten unter die Räder zu kommen“, sagt der Forscher, der an der Universität Wien lehrt.

Politische Führung meine dabei nicht automatisch das Modell der Rechtspopulisten. Solche Ergebnisse könnten zwar potenziell Rückenwind für FPÖ, AfD und Front National bedeuten. „Aber das hängt immer vom Angebot der anderen ab“, sagt Rathkolb. Auch eine demokratieorientierte Führung, die ruhig, nachhaltend und glaubhaft das soziale Gefüge aufrechtzuerhalten suche, könne attraktiv sein.

Die Politik in Österreich hat in gewisser Weise schon seit einiger Zeit auf diese Grundstimmung reagiert. Die in einer rot-schwarzen Koalition verbandelten Volksparteien SPÖ und ÖVP nehmen speziell in der Flüchtlingskrise viele „Law&Order“-Themen auf. Eine harte oder zumindest härtere Hand gegenüber Ausländern und Asylbewerbern soll Führerschaft suggerieren. Die Rechtspopulisten der FPÖ, die bisher mit Anti-Ausländer-Sprüchen dominierte, haben laut letzten Umfragen ihre Spitzenposition in der Wählergunst an die SPÖ verloren.

Die Umfrage zeigt auch, dass insbesondere bei vielen Jüngeren substanzielle historische Kenntnisse weder vorhanden noch gewünscht scheinen. Unter den bis 35-Jährigen sind 55 Prozent der Meinung, dass der Nationalsozialismus Österreich nicht nur Schlechtes gebracht hat. Das ist der höchste Anteil bei allen Altersgruppen. Trotz aller Ausstellungen, Initiativen, Gedenkstätten und Bemühungen im Unterricht komme das Thema offenbar nicht an, meint Rathkolb. „Da läuft irgendetwas schief.“ 40 Prozent aller Befragten sind der Meinung, dass man einen Schlussstrich unter die Debatte zum Holocaust ziehen sollte. Vor zehn Jahren waren das 48 Prozent. (dpa)