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Mittwoch, 11.10.2017

Odyssee des Grauens

Vor 40 Jahren beginnt der Showdown des deutschen Terror-Herbstes: Vier Palästinenser entführen den deutschen Ferienflieger „Landshut“, um RAF-Häftlinge freizupressen. Eine Passagierin erinnert sich.

Die „Landshut“ vor dem Abtransport aus ihrem Exil in Fortaleza.
Die „Landshut“ vor dem Abtransport aus ihrem Exil in Fortaleza.

© obs

Berlin. Beinahe verpasst Diana Müll den Flug, der ihr die schlimmsten Momente ihres Lebens bescheren wird. Die 19-Jährige hat die ganze Nacht mit sieben Freundinnen in ihrer Stamm-Disco „Graf Zeppelin“ auf Mallorca durchgefeiert. Der Schalter ist schon geschlossen, als die Reisegruppe die Abflughalle erreicht. Nur dem Verhandlungsgeschick des Diskotheken-Besitzers ist es zu verdanken, dass die Lufthansa-Maschine „Landshut“ nicht ohne sie abhebt.

Die letzte Reise und Heimkehr der "Landshut"

Die Frauen aus Deutschland sind nicht die einzigen Nachzügler: Auf dem Rollfeld begegnen sie einem Paar, Mitte 20. Der Mann trägt eine dicke, lila karierte Wolljacke, über die sich die jungen Frauen noch lustig machen. Nur wenig später macht dieser Mann aus dem Heimflug der Mallorca-Urlauber nach Frankfurt am Main eine Odyssee des Grauens, die keiner der gut 80 Passagiere je vergessen wird.

Es ist der 13. Oktober 1977. Zu Hause in Deutschland hält die Rote Armee Fraktion die Bundesrepublik in Atem. Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer ist seit fünf Wochen in der Hand der RAF. Die Entführer wollen die in Stuttgart-Stammheim inhaftierten Terroristen um Andreas Baader und Gudrun Ensslin freipressen. Das vierköpfige palästinensische Kommando an Bord der „Landshut“ - zwei Männer und zwei Frauen - unterstützt ihre deutschen Terror-Verbündeten.

Gegen 14.00 Uhr, eine Stunde nach dem Start, stürmt das Paar vom Rollfeld das Cockpit. „Im ersten Moment sah das aus, als wenn sich die beiden in die Haare bekommen haben und er will sie erschießen. Wie so ein Ehestreit“, erinnert sich Diana Müll im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. „Wir hätten so etwas nie in Zusammenhang gebracht mit der RAF.“

Erst nach und nach wird klar, um was es hier geht. Die Terroristen um „Kapitän Märtyrer Mahmud“ - so nennt sich der Anführer - lotsen den Flug mit der Nummer LH181 zunächst nach Rom. Dort haben die Passagiere noch die Hoffnung, dass sie schnell freigelassen werden. „Als wir dort wieder abgehoben sind, hat sich das Blatt gewendet. Da wussten wir schon, die Geschichte ist viel schlimmer als wir denken.“

Es geht weiter über Larnaka auf Zypern auf die arabische Halbinsel nach Bahrain und Dubai, wo die Lage eskaliert. Es ist Tag drei der Entführung, die Zustände an Bord sind katastrophal. Als den Entführern der benötigte Sprit verweigert wird, rastet Mahmud aus und droht mit der Erschießung von Geiseln. Vier werden ausgesucht, Diana Müll ist die Nummer eins.

Zuerst ruft Mahmud aber einen anderen Passagier ins Cockpit, nur um ihn dann wieder zurückschicken und die 19-Jährige zu holen. Psychoterror pur. „Das war wirklich der blanke Horror“, sagt Müll. Sie muss vor Mahmud knien, er tritt ihr gegen den Kopf, dann stellt er sie an die offene Tür und hält ihr die Pistole an die Schläfe.

„Er hat gesagt: Ich erschieße jetzt Diana, 19 Jahre alt, aus Gießen. Dann hat er angefangen zu zählen. Da wusste ich, jetzt geht es zu Ende.“ Die junge Frau verabschiedet sich innerlich von ihrer Familie, schaut in die Sonne und wartet auf den Schuss. „Und dann habe ich nur gehört, wie vom Tower irgendetwas geschrien wurde. Und von da weiß ich nichts mehr.“ Die junge Frau kollabiert, aber sie hat überlebt.

An der nächsten Station, in Aden im Südjemen, muss ein anderer sterben: der Pilot Jürgen Schumann. Mahmud richtet ihn im Mittelgang des Passagierraums mit einem Kopfschuss hin, weil er nach der Inspektion des Fahrwerks nicht sofort ins Flugzeug zurückkehrt. Die anderen Passagiere werden gezwungen zuzuschauen. „Ich saß direkt daneben. Meine ganzen Füße waren voller Blut“, sagt Müll. Von da an herrscht in der „Landshut“ die pure Todesangst.

Es geht weiter zur Endstation des Horrortrips: Mogadischu, Somalia. Diana Müll glaubt zu diesem Zeitpunkt kaum noch an einen guten Ausgang des Dramas. „Ich hatte auch immer das Bauchgefühl, dass die Regierung die Gefangenen von Stammheim niemals freilässt.“

Am 18. Oktober, fünf Minuten nach Mitternacht, dann die Erlösung. Die meisten Passagiere schlafen, als es einen lauten Knall gibt. Dann geht alles blitzschnell. Die GSG9, eine nach dem Attentat auf die israelische Olympia-Mannschaft 1972 in München gegründete Eliteeinheit des damaligen Bundesgrenzschutzes, stürmt die Maschine. Die Befreiungsaktion dauert sieben Minuten. Drei der Entführer werden getötet, eine der beiden Frauen wird schwer verletzt. Alle Geiseln überleben.

Um 00.12 Uhr kann der nach Mogadischu mitgereiste Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski an Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) melden, dass die Aktion geglückt ist. Schmidt hatte für den Fall des Scheiterns sein Rücktrittsschreiben schon in der Schublade. Das Risiko war groß. Es hätte auch ein Blutbad unter den Geiseln geben können. Müll hat sich nach der Befreiung aber nie die Frage gestellt, ob der GSG9-Einsatz aus ihrer Sicht zu riskant war. „Es war so wie es war. Ich fand die Entscheidung von Helmut Schmidt sehr mutig“, sagt sie lediglich.

Die Befreiungsaktion beendet den Kampf der RAF um die Gefangenen von Stammheim. Noch in der Nacht des 18. Oktober nehmen sich Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe das Leben. Irmgard Möller überlebt ihren Selbstmordversuch schwer verletzt. Am Tag darauf wird im Elsass die Leiche des ermordeten Hanns Martin Schleyer im Kofferraum eines Autos gefunden.

Diana Müll haben die Erinnerungen an die schrecklichen Tage im Herbst 1977 nie wieder losgelassen. „Das bleibt bis an mein Lebensende“, sagt sie. Bis heute hat sie ein komisches Gefühl, wenn sie einen Flieger besteigt. „Wenn der erste aufsteht, der komisch aussieht, werde ich schon ganz weiß im Gesicht“, sagt sie.

Vor zehn Jahren hat die 59-Jährige angefangenen ein Buch zu schreiben, dass jetzt unter dem Titel „Mogadischu“ im riva Verlag erschienen ist. Sie hat sich vorgenommen, die Erinnerungen wach zu halten. Durch das Buch und Vorträge, künftig vielleicht auch in der „Landshut“. Denn die zwischenzeitlich in Brasilien ausrangierte Boeing 737 wurde Ende September mit einer riesigen Tupolew-Transportmaschine nach Deutschland zurückgebracht. In Friedrichshafen am Bodensee soll sie im Dornier-Museum ausgestellt werden. Diana Müll war bei der Landung dabei. „Das war Gänsehaut pur. Das war schon wirklich gigantisch“, sagt sie.

Und was macht der Terror von heute mit ihr? Der Anschlag vom 11. September 2001, als zwei Passagiermaschinen in das World Trade Center in New York und eine in das Pentagon in Washington gesteuert wurden, war für sie ein Déjà-vu. „Das habe ich oft mit unserer Entführung verglichen. Da konnte ich tagelang nicht arbeiten gehen.“

Die Anschläge der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) auch in Deutschland sind für sie dagegen etwas anderes. Das sei alles viel willkürlicher als damals, sagt sie. „Das bringe ich mit meiner Geschichte überhaupt nicht in Verbindung, weil das ein ganz anderer Terror ist.“ (dpa)

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