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Freitag, 11.08.2017

Nomaden mit Problemen

Schlecht ausgebildet, arbeitslos, arm: Viele Landfahrer aus Irland führen ein hartes Leben. Oft sind die Traveller nicht willkommen - nicht nur auf der Grünen Insel, sondern auch in Deutschland.

Von Fiona Smith und Silvia Kusidlo

Ein Wohnwagen-Gespann irischer Traveller am 8. August 2017 in Düsseldorf auf der Rheinwiese. Unter Beobachtung der Polizei mussten die Landfahrer den Platz räumen.
Ein Wohnwagen-Gespann irischer Traveller am 8. August 2017 in Düsseldorf auf der Rheinwiese. Unter Beobachtung der Polizei mussten die Landfahrer den Platz räumen.

© dpa

Dublin. Sie sind meist mit dem Wohnwagen unterwegs. Und wo sie campen, sorgen sie schnell für Aufsehen und Beschwerden von Anwohnern - zuletzt auch wieder in Deutschland. Dabei folgen sie nur ihrer Tradition: Irische Traveller, die in diesem Sommer auch in den Niederlanden und in Bulgarien unterwegs sind, treffen vielerorts auf Vorurteile.

Dabei sei das Ausmaß der Wanderbewegung geringer als es die Schlagzeilen vermuten lassen, betont ein Sprecher der irischen Traveller-Bewegung ITM in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Dublin. „Einige Familien mögen zum Arbeiten ins Ausland reisen, etwa zum Teeren. Aber es gibt traditionell im Sommer keinen allgemeinen Exodus, sicherlich nicht aus Dublin.“

Diebstähle, Lärm, Sachbeschädigung, Müllberge nach illegalem Campen - so manches wird den Landfahrern auf ihren Reisen vorgeworfen, auch in Deutschland. Im hessischen Ginsheim-Gustavsburg kam es 2016 zum Streit mit Anwohnern. Jetzt blockierte die Stadt Rasenflächen vorsichtshalber mit Findlingen. Im niederrheinischen Kevelaer bekam eine etwa 500-köpfige Travellergruppe Platzverbot. Die Polizei war nach Angaben der Stadt vor Ort, musste aber nicht eingreifen. Die gläubigen Iren kommen seit Jahren in den Wallfahrtsort.

„Viel Lärm um nichts“, sagt dagegen der Betreiber eines Campingplatzes in Eppstein nahe Frankfurt. Rund 60 bis 100 Landfahrer seien im Frühling wie jedes Jahr rund zwei Monate auf seinem Platz gewesen. „Es ist wie immer harmlos verlaufen.“

Nach Angaben von ITM gibt es in Irland rund 25 000 Traveller oder fast 4 500 Traveller-Familien. Diese Minderheit führt traditionell ein Nomadenleben. Mitglieder der Gemeinde arbeiten üblicherweise als Klempner, Blechschmiede, Hufschmiede, Pferde- und Schrotthändler.

Schätzungen zufolge leben weitere 15 000 irische Traveller in Großbritannien. Rund 10 000 Traveller irischen Ursprungs sind in den USA ansässig. „Vielleicht sind unter den Traveller-Familien, die auf dem europäischen Festland unterwegs sind, auch welche aus Großbritannien“, sagte der ITM-Sprecher. So genau könne er das nicht sagen. Seine Organisation kümmert sich auch um die sozialen Probleme der irischen Traveller. Dazu gehörten die schlechten Unterkünfte, die hohe Suizidrate, Diskriminierung und schlechte Bildungschancen.

Nach einer Studie des University College Dublin von 2010 ist die Lebenserwartung eines männlichen Travellers mit 61,7 Jahren rund 15 Jahre niedriger als die eines Mannes aus der Gesamtbevölkerung. Traveller-Frauen wurden demnach im Schnitt 70,1 Jahre alt und starben damit knapp 12 Jahre früher als andere. Die Suizidrate in der Traveller-Gemeinde ist sechs Mal so hoch wie in der Gesamtbevölkerung.

Viele glauben, dass die Traveller in Irland während der Hungersnot im 19. Jahrhundert ihres Landes enteignet wurden. Doch Forscher fanden kürzlich heraus, dass die Traveller schon um 1650 als separate Gruppe auftauchten. Wissenschaftler des Royal College of Surgeons in Dublin und der britischen Universität Edinburgh erklären genetische Unterschiede zwischen der Traveller-Gemeinde und der sesshaften Bevölkerung damit, dass die Landfahrer jahrhundertelang isoliert waren. Sie seien auch nicht, wie oft vermutet, mit den Roma verwandt.

Nach jahrelangen Kämpfen und Kampagnen erkannte das irische Parlament am 1. März dieses Jahres die Traveller erstmals als ethnische Minderheit an. „Für uns ist das ein erster Schritt in Richtung eines langfristigen Wandels“, sagt der Traveller John O’Sullivan, der sich für die Gesundheit männlicher Landfahrer engagiert.

Gemeinsam mit der Traveller-Gemeinde hat die irische Regierung einen neuen Inklusionsplan für Landfahrer und Roma ausgearbeitet. Bisher seien sie als „sesshafte Menschen mit Defiziten“ behandelt worden, die man reformieren müsse, kritisierte O’Sullivan. „Diese erzwungene Anpassung hat einen enormen Einfluss auf Traveller gehabt, die ihre eigene Identität verleugnen mussten.“ Nach Ansicht von O’Sullivan brauchen Landfahrer Bildung und Arbeit für eine bessere Zukunft.

Traditionell waren die Männer die Versorger in Traveller-Familien. Mit dem Verschwinden alter Handwerke und Berufssparten beträgt die Arbeitslosigkeit in der Gemeinde heute mehr als 80 Prozent. O’Sullivan sagt daher: „Ich habe große Hoffnung, dass der neue Status als Ethnie mehr Druck auf die staatlichen Behörden ausüben wird, um bessere Resultate für die Traveller zu schaffen.“ (dpa)

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