• Einstellungen
Dienstag, 21.03.2017

Noch längst kein sauberes Wasser

In den Flüssen und Bächen der Region schwimmen unzählige Schadstoffe. Manches ist kaum zu glauben.

Von Jana Ulbrich

Umwelttechniker Markus Harzdorf ist der Mann für die Wasserproben. Aus allen Fließgewässern der Region besorgt er regelmäßig das Material für die Analysen. Hier arbeitet er gerade am kleinen Saleskbach in Cosel bei Schwepnitz.
Umwelttechniker Markus Harzdorf ist der Mann für die Wasserproben. Aus allen Fließgewässern der Region besorgt er regelmäßig das Material für die Analysen. Hier arbeitet er gerade am kleinen Saleskbach in Cosel bei Schwepnitz.

© Matthias Schumann

Bautzen. Der kleine Saleskbach plätschert munter vor sich hin. „Wasserstand: mittel“, wird Markus Harzdorf ins Protokoll notieren und „Färbung: schwach gelb“. Harzdorf ist der Mann für die Wasserproben bei der Staatlichen Betriebsgesellschaft für Umwelt und Landwirtschaft in Görlitz. Im Auftrag des Freistaats fahren der 33-Jährige und seine Kollegin jeden Tag von Gewässer zu Gewässer. Aus allen Flüssen und Bächen zwischen polnischer, tschechischer und brandenburgischer Grenze schöpfen sie mehrmals im Jahr Wasserproben – zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter. 80 Probenahmestellen sind es allein im Kreis Bautzen.

Gleich im Auto, das ausgestattet ist wie ein kleines Labor, füllen die beiden Umwelttechniker das Wasser in Analyseflaschen ab, messen Temperatur, pH-Wert und Sauerstoffgehalt. Der Inhalt der Flaschen wird später in den Laboren der Betriebsgesellschaft gründlich analysiert, auf chemisch und organische Substanzen untersucht, auf Nährstoffe, Metalle, organische Verbindungen, Pestizide, Pharmaka und vieles mehr.

Chemikalien statt Fische

Die Untersuchungsergebnisse landen auf dem Schreibtisch von Sylvia Rohde im Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie in Dresden-Klotzsche. Die Chemikerin arbeitet daran, den strengen Forderungen der Europäischen Union ein Stückchen näher zu rücken. Die EU fordert saubere Bäche und Flüsse. Aber davon scheint ganz Deutschland weit entfernt.

Das Wasser des kleinen Saleskbachs ist rot – zwar nicht auf den ersten Blick, zumindest aber auf der ökologischen Landkarte des Kreises Bautzen. „Rot“ heißt schlecht. „Das bedeutet, der ökologische Zustand des Gewässers ist meilenweit entfernt von einem natürlichen, reinen Gewässer“, erklärt Sylvia Rohde. Im kleinen Saleskbach schwimmen keine Fische, stattdessen können die Chemiker im Wasser jede Menge Phosphate, Eisen, Nitrit und organische Kohlenstoffe nachweisen, auch Quecksilber, Rückstände von Medikamenten und Östrogene aus der Pille.

Selbst Drogen im Wasser

Ein großer Teil der Fließgewässer im Kreis Bautzen bekommt nur die Note 5. Im Wasser weisen die Chemiker Pflanzenschutz- und Düngemittel aus der Landwirtschaft, Sulfate und Eisen aus dem Bergbau, Schwermetalle aus Industrie und Verkehr, Chemikalien aus dem Haushalt oder Kohlenwasserstoffe aus Verbrennungsrückständen nach. „Im Wasser aus Bächen und Flüssen vor allem in Grenznähe und in den Städten finden sich sogar Methamphetamine aus der chemischen Droge Crystal“, erzählt Sylvia Rohde. Die Chemiker finden Quecksilber in Fischen und hohe Nährstoffeinträge, die das Pflanzenwachstum beeinflussen. Für Gewässerökologen ist es daher kein Wunder, dass sich im Bautzener Stausee im Hochsommer so viele Blaualgen tummeln.

Nur noch sehr wenige unberührte Gewässer

Verantwortlich für den Zustand der Gewässer ist der Mensch, weiß Sylvia Rohde. In ganz Deutschland sind nur sehr wenige sogenannte Referenzgewässer zu finden, die noch in einem völlig unbeeinflussten und natürlichen Zustand sind. An diesen aber orientiert sich die Wasserrahmenrichtlinie der EU. Ein solcher Zustand gilt als „sehr gut“. Im besiedelten und bewirtschafteten Raum des Kreises Bautzen aber wäre es illusorisch, ein „sehr gut“ zu erreichen. Aber wenigstens ein „gut“? „Das Ziel der EU ist es auf jeden Fall, die Gewässer bis 2027 in diesen guten ökologischen Zustand zu bringen“, sagt Sylvia Rohde. Es ist ein überaus ehrgeiziges Ziel, weiß die Mitarbeiterin des Landesamts. „Wir sind selber sehr gespannt, ob wir das schaffen“, sagt sie. Sie weiß, dass zehn Jahre eine sehr kurze Zeitspanne sind, dass es Gewässer gibt, die die anspruchsvollen Vorgaben der EU womöglich niemals erreichen werden. Aber sie weiß ja auch, wie es noch vor 20Jahren aussah. Da hätte die Skala von 1 bis 5 für die Zustandsbeschreibung der hiesigen Gewässer gar nicht ausgereicht. „Wir mussten damals in den Karten eine zusätzliche Farbe einführen“, erzählt Sylvia Rohde. Lila stand für verödet oder biologisch tot.

So schlimm steht es um die Gewässer heute längst nicht mehr. Aber an der Vergangenheit wollen sich die Mitarbeiter des Landesamts nicht orientieren. Es ist vieles machbar, um den Zustand der Gewässer auch heute noch weiter zu verbessern. „Wir sind dabei, ein neues Bewusstsein für die Gewässer zu entwickeln“, sagt Sylvia Rohde. Das fängt schon mit so einfachen Dingen an wie den Schildern, die an Brücken auf den Namen des Gewässers hinweisen. Wenn der Bach einen Namen hat, erscheint er gleich vertrauter.

Die Ergebnisse der Analysen gehen vor allem auch in das Referat Landwirtschaft. Die Landwirtschaft kann einen großen Teil zur Gewässerverunreinigung beitragen – gerade jetzt im Frühjahr, wenn der Stalldung auf die Felder gebracht und die Kulturen reichlich gedüngt und mit Pflanzenschutzmitteln versorgt werden. Sylvia Rohde spricht auch die noch nicht umgerüsteten privaten Kleinkläranlagen an, die keinen hohen Wirkungsgrad haben.

Ein einziges Gewässer in Kreis Bautzen bekommt das Prädikat gut: das Speicherbecken Lohsa. Auch der Spreeabschnitt von Schirgiswalde bis Bautzen, im Moment noch als „mäßig“ mit Note 3 eingestuft, hat das Potenzial hin zum „guten“ Bereich. Der Anfang ist gemacht.

Desktopversion des Artikels