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Samstag, 18.03.2017

Nicht ohne meine Schwester

Die Volleyball-Zwillinge Kadie und Amber Rolfzen sind unzertrennlich. Seit Januar helfen sie dem DSC im Doppelpack.

Von Michaela Widder

Ihre Namen schreiben sie besser an die Wand, damit man Kadie Rolfzen und ihre Zwillingsschwester Amber unterscheiden kann.
Ihre Namen schreiben sie besser an die Wand, damit man Kadie Rolfzen und ihre Zwillingsschwester Amber unterscheiden kann.

© Matthias Rietschel

Als sie vor der großen Auslage im Café am Schillerplatz stehen, können sich Kadie und Amber Rolfzen nur schwer entscheiden. Schoko-Bananen-Muffin für die eine, Schokocreme-Torte für die andere. Als die Bedienung mit den Kuchentellern an den Tisch kommt, weiß sie nicht, wer was bestellt hat. Das überrascht nicht. Kadie und Amber Rolfzen, 22, sind eineiige Zwillinge und sich nicht nur auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnlich.

„Wer uns einmal kennt, kann uns auseinanderhalten“, sagt Kadie und zeigt auf das länglichere Gesicht ihrer Schwester. „Außerdem trage ich den Scheitel rechts und Amber links.“ Das war es aber schon mit den äußerlichen Unterschieden der beiden Volleyballerinnen vom Dresdner SC. Die Stimme von Kadie Rolfzen, die von den Geschwistern die redefreudigere ist, klingt einen Hauch höher. „Ich glaube, dass ich im Team der Einzige bin, der die zwei noch nie verwechselt hat“, behauptet Alexander Waibl und lacht herzhaft.

Dem Dresdner Trainer haben es die US-Amerikanerinnen zu verdanken, dass sie noch immer als doppeltes Lottchen durchs Leben gehen. „Eigentlich sind wir davon ausgegangen, dass es nach dem College für uns jetzt als Profis in verschiedene Richtungen geht“, erklärt Kadie. „Wir hatten individuelle Angebote, doch dann kam die Anfrage vom DSC.“

Erst im Dezember hatten die Rolfzens ihren Abschluss an der renommierten Universität von Nebraska gemacht. Zu diesem Zeitpunkt suchte der deutsche Meister dringend Verstärkung auf der Außenposition, nachdem das kurzfristige Engagement von Landsfrau Gina Mancuso schon wieder beendet war. Weil zudem die zweite Diagonale noch vakant war, schlug der DSC Ende des Jahres doppelt zu. „Klar, wenn es in unser Profil passt und ich sie zusammen bekommen kann, ist das super. Erfahrungen mit Zwillingen hatte ich schon als Jugendtrainer“, erzählt Waibl. „Wenn Kadie allein in Dresden wäre, hätte sie es bestimmt schwerer. Die beiden haben sich schnell eingefügt und sind super Wettkämpfer.“

Seit das Duo beim DSC ist, gehört Kadie Rolfzen als Außenangreiferin zur Stammsechs und dürfte auch am Samstag im ersten Viertelfinale gegen Vilsbiburg von Beginn an auf dem Feld stehen. Ihre Schwester ist mittlerweile auf die Mittelblockposition gerückt, die sie schon im College gespielt hatte. Amber habe als Diagonalspielerin mehr Block- als Angriffspunkte gemacht, wie Waibl die Umstellung erklärt.

In welcher Konstellation sie dem DSC auch helfen, die Schwestern sind glücklich, ihre erste Profistation in Übersee im Doppelpack zu erleben. „Das ist super. Manchmal vergessen wir sogar, dass wir nicht zu Hause sind, merken es nur an den deutschen Schildern. Das sagt alles“, meint Kadie Rolfzen. Dass die Zwillinge tatsächlich fast unzertrennlich sind, zeigt ihr bisheriger Lebensweg. Egal ob Fußball, Basketball, Softball oder Leichtathletik – sie haben alles zusammen ausprobiert. Auch die Wohnung haben sie sich bis auf ein Semester an der Uni immer geteilt.

US-Duo mit deutscher Vergangenheit

Eineiige Zwillinge verbindet mehr als das Aussehen. Auch wenn Amber eher die zurückhaltende und Kadie die extrovertierte Schwester ist, ticken sie sehr ähnlich. Die wenige freie Zeit in Dresden verbringen sie am liebsten auf der Couch, wenn eine Serie nach der nächsten läuft. „Erst als uns unsere Großeltern im Februar besucht haben, waren wir mal länger als eine halbe Stunde in der Stadt unterwegs.“ Solche Stubenhocker sind sie aber doch nicht, denn gleich im Januar nutzten sie einen freien Sonntag und besuchten das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz. Ihre Großeltern hatten etliche Jahre in Wiesbaden gelebt. Das Interesse für die deutsche Geschichte liegt also in der Familie begründet.

Als sie mit dem Familienbesuch durch Dresden flanierten, musste Amber Rolfzen auf Drängen von Oma und Opa eine Bratwurst probieren, um dann festzustellen: „Oh, die schmeckt aber lecker!“ Denn „experimentierfreudig“, wie sie findet, sind die Geschwister beim Essen beide nicht. Daher haben sie auch kein Problem, dass es fast jeden Tag das Gleiche gibt: mittags Toastbrot mit Avocado, abends Hühnchen, Süßkartoffel und Zucchini. Obwohl ihr Kleidungsstil nicht mehr abgestimmt ist wie zu Kinderzeiten, haben sie auch ähnliche Sachen im Schrank. „Wir tragen sie nur nicht am selben Tag“, meint Kadie. Und Amber sei eher das „Girly Girl“, also eine, die gern Röcke und Kleider trägt.

Wenn es so etwas wie Telepathie zwischen Zwillingen gibt, dann haben die Rolfzens das erlebt. Kadie war sieben, als sie sich in der Sportstunde den Ellbogen brach und im Krankenzimmer der Schule wartete. Amber hatte davon nichts mitbekommen, weil sie in einem anderen Klassenraum war. „Ich hatte plötzlich eine Eingebung, dass Kadie was passiert ist, und habe sie sofort gesucht“, erzählt sie.

Wenn es im Moment überhaupt einen Streitpunkt gibt, und darüber schmunzeln sie eher, ist es das gemeinsame Auto. Weil nur Amber Rolfzen in Deutschland fährt, ist sie der Chauffeur von Kadie, und das kann schon mal nerven. Über das Ziel ihres nächsten Ausfluges sind sie sich zumindest einig. Die Zwillinge wollen ins traditionsreiche Café am Schillerplatz zurückkehren und die nächsten Torten probieren.

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