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Mittwoch, 13.09.2017

„Mutig, dass Sie gekommen sind“

Das Buch „Unter Sachsen“ hatte in Meißen heftige Diskussionen ausgelöst. In Riesa waren sich alle einig – fast zumindest.

Von Britta Veltzke

Matthias Meisner (re.) las einige Passagen aus dem Buch „Unter Sachsen“ vor. Neben ihm: SPD-Stadtrat Andreas Näther (kaum zu sehen), SPD-Bundestagsabgeordnete Susann Rüthrich, Diakonie-Mitarbeiterin Amal Al-Shaikhli und André Schnabel vom DGB.
Matthias Meisner (re.) las einige Passagen aus dem Buch „Unter Sachsen“ vor. Neben ihm: SPD-Stadtrat Andreas Näther (kaum zu sehen), SPD-Bundestagsabgeordnete Susann Rüthrich, Diakonie-Mitarbeiterin Amal Al-Shaikhli und André Schnabel vom DGB.

© Sebastian Schultz

Riesa. Als „einseitiges Sachsen-Bashing“ wurde das Buch „Unter Sachsen – Zwischen Wut und Willkommen“ bezeichnet. Schlagzeilen machten in diesem Sommer besonders die harschen Kommentare aus dem konservativen und rechten Lager in Meißen. Eine Lesung mit Herausgeber Matthias Meisner zum dortigen Literaturfest hatte heftige Diskussionen ausgelöst – über den Ton in politischen Auseinandersetzungen, über den historischen Ratssaal als Veranstaltungsort und die dafür aufgestellten Regeln. So sollten sich die Veranstalter um die Sicherheit kümmern sowie Kaution und Miete für den Saal bezahlen – und das, obwohl die Stadt Meißen Mitveranstalter des Literaturfestes ist.

Von außen betrachtet entstand der Eindruck, die Stadt sei wegen der Kritik von rechts eingeknickt. Am Ende fand die Buchvorstellung wie geplant statt – mit einem Zuschauerinteresse, das solche Veranstaltungen selten erreichen. Rund 300 Gäste waren nach Meißen gekommen, mehrere Kamerateams tummelten sich im historischen Ratssaal. Überregionale Medien waren wegen der Diskussionen im Vorfeld aufmerksam geworden. Und fühlten sich wahrscheinlich bestätigt. Nach dem Motto: Sachsen mal wieder – jenes Bundesland in „Dunkeldeutschland“, in dem Asylunterkünfte brennen, Busse mit ankommenden Flüchtlingen attackiert werden, Pegida seinen Ursprung hat.

Probleme wie in einem Brennglas

„Unter Sachsen“-Herausgeber Matthias Meisner ist wohl bewusst, dass auch in anderen Bundesländern Heime in Flammen aufgegangen sind, und, dass es auch in anderen Städten Deutschlands Pegida-Ableger gegeben hat: Fragida in Frankfurt, Dügida in Düsseldorf oder Bogida in Bonn. Und doch sieht er einen Unterschied zwischen Sachsen und dem Rest der Republik: „Hier zeigen sich Probleme mit rechter Gewalt, die es auch in anderen Teilen Deutschlands und Europas gibt, wie in einem Brennglas.“

Meisner sagte das am Montagabend im Haus am Poppitzer Platz. Der Journalist hat nach der Wende für die Deutsche Presse-Agentur und die Sächsische Zeitung gearbeitet, inzwischen ist er beim Berliner Tagesspiegel. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Susann Rüthrich hatte ihn zu einer Diskussionsrunde mit dem Riesaer SPD-Stadtrat und Sozialarbeiter Andreas Näther, André Schnabel vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und Amal Al-Shaikhli eingeladen. Die Irakerin lebt mit ihrer Familie seit 2003 in Deutschland und seit mehr als zehn Jahren in Riesa. Inzwischen arbeitet sie als Migrationsberaterin bei der Diakonie Riesa-Großenhain. Zehn Jahre und eine Prüfung der Härtefallkommission brauchte es, bis ihre Familie in Deutschland anerkannt wurde. „Und als es endlich so weit war, kam Pegida.“ Seitdem fühlt sich die Muslimin nicht mehr sicher auf der Straße. „Ich denke ständig, dass jemand hinter mir steht, der mir das Kopftuch runterzieht.“

Ein Besucheransturm wie bei der Buchvorstellung zum Literaturfest blieb am Montag aus – rund 20 Zuhörer kamen ins Haus am Poppitzer Platz – darunter viele, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren, ob beruflich oder privat. Unter ihnen herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass Helfen ein Gebot der Stunde ist, wenn andere aus ihrem Land fliehen müssen, dass es in der sächsischen CDU zu wenig Wortführer gibt, die dabei mit gutem Beispiel vorangehen und stattdessen Probleme mit rechter Gewalt kleinreden.

Ein Ehepaar aus Riesa, das „anders“ tickt, mischte sich dann aber doch unter die Zuhörer. Leute, die andere Probleme sehen als die schleppende Integration und eine Verrohung der Sprache in politischen Diskussionen: nämlich die niedrige Ostrente oder eine aus ihrer Sicht ungerechte Sozialpolitik, „bei der sich Willy Brandt im Grabe umdrehen würde“. Wenn man das anspreche, werde man gleich als Nazi hingestellt, berichtet die Frau aus Weida. Das hört Susann Rüthrich offenbar öfter: „Solang Sie sich nicht rassistisch äußern, wird Sie niemand als Nazi bezeichnen. Wenn Sie ein Problem mit ihrer Rente haben, sollten Sie sich für eine andere Rentenpolitik starkmachen. Das hat nichts mit der Flüchtlingspolitik zu tun“, entgegnet sie und erhält Beifall.

„Unter Sachsen“-Herausgeber Matthias Meisner hält es trotzdem für genau richtig, dass das Paar gekommen ist. „Sie ahnten, dass Sie hier auf Menschen treffen, die anderer Meinung sind als Sie.“ Das könne unangenehm werden. „Sie sind trotzdem gekommen. Das finde ich mutig.“ Genau diese Diskussionen – über politische Lager hinweg – dürften in einer Demokratie nicht verloren gehen, so Meisner.

Das Buch „Unter Sachsen“, herausgegeben von Heike Kleffner und Matthias Meisner, ist in diesem Jahr im Verlag Ch. Links erschienen und kostet 18 Euro.

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