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Freitag, 29.12.2017

Mit Telemark-Schwung vom Bieleboh

Vor 85 Jahren begannen Schneeschuh-Enthusiasten mit der Erschließung der Oberlausitz als Wintersportgebiet.

Von Bernd Dressler

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Ein Bild aus dem Museum: Mit Wachs und Bügeleisen wurden die Ski in den 1920er-Jahren für die Langlauf-Loipe präpariert.Foto:
Ein Bild aus dem Museum: Mit Wachs und Bügeleisen wurden die Ski in den 1920er-Jahren für die Langlauf-Loipe präpariert.Foto:

© Bernd Dreßler

Auch diese Hänge in Oybin-Hain (rechts oben der Johannisstein, links die Kuppe der Lausche) waren eine Quelle des Skisports in der Oberlausitz. An einen Lift war zum Zeitpunkt dieser Postkartenaufnahme allerdings noch nicht zu denken.
Auch diese Hänge in Oybin-Hain (rechts oben der Johannisstein, links die Kuppe der Lausche) waren eine Quelle des Skisports in der Oberlausitz. An einen Lift war zum Zeitpunkt dieser Postkartenaufnahme allerdings noch nicht zu denken.

© SZ

Beiersdorf. Skiabfahrten an der Lausche im Zittauer Gebirge oder anderswo oder Skiwandern auf über 40 Kilometer gespurten Loipen, das versprechen die Wintersportorganisatoren des Zittauer Gebirges für den Winter 2017/18. Aktuelle Internetseiten verweisen auf vielfältige Möglichkeiten auf dem Kamm oder rund um die Gebirgsorte – wenn Frau Holle mitspielt.

Vor rund 100 Jahren war an Wintersport solcher Größenordnung noch nicht zu denken. Wie im Erzgebirge wurden kurz nach der Jahrhundertwende auch in der Oberlausitz die ersten norwegischen Ski eingeführt. Doch richtig entfaltet hat sich der Wintersport erst geraume Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Zu danken ist das dem Zittauer Skiklub, der nicht nachließ, für ein Gebiet zu werben, das man damals „Oberlausitzer Skiwinkel“ nannte. Es schloss nicht nur Gipfel wie die Lausche oder den Hochwald, sondern auch angrenzende böhmische Gefilde um Reichenberg und Varnsdorf ein. Mit dem Bau einer Lausche-Sprungschanze versuchte man das Terrain anziehender zu machen, wenngleich man bald feststellen musste, dass die Sportanlage zu klein geraten war. Erst, als die „Große Lauscheschanze“ im Winter 1929/30 eingeweiht wurde und 1930 an der Lausche die Sächsischen Skimeisterschaften ausgerichtet wurden, kam der Durchbruch. „Rasch erkannten die Skiläufer, dass für sie hier ein selten schönes Wintersportgebiet erschlossen worden war, und der Erfolg eines stärkeren Besuchs blieb dann auch nicht aus“, resümierte die in Reiche-nau erscheinende „Oberlausitzer Heimatzeitung“ im Dezember 1932.

Damit war offenbar der Bann gebrochen. Dem Vorbild des Zittauer Skiklubs folgend, gründeten sich neue Vereine in der Oberlausitz. Vor 85 Jahren wurden davon 16 mit rund 1 000 Mitgliedern gezählt. Und in diese Zeit fällt auch die Geburtsstunde des Skiklubs Sohland an der Spree, der sich die Erschließung des Mittellausitzer Berglandes als Wintersportgebiet auf die Fahnen geschrieben hatte. Nicht nur, dass hier ebenfalls „eine sehr gute mittlere Sprunghügelanlage“, so Experten, gebaut wurde. Die Sohländer erschlossen auch eine neue direkte Verkehrsverbindung von Cottbus in ihr Wintersportgebiet. Auch in den Orten an Kottmar, Oderwitzer Spitzberg oder Valtenberg entdeckte man in den 1930er-Jahren zunehmend sein Herz für Ski und Rodel. Bemerkenswert aus heutiger Sicht ist, worauf die Wintersportwerbung jener Zeit besonderen Wert legte: „Ausnahmslos sind alle Oberlausitzer Wintersportplätze mit Sonntagsfahrkarten erreichbar, und auch durch verbilligte Wintersportkarten auf den meisten Kraftfahrlinien gelangt der Skiläufer schnell zum gewünschten Ziel.“

Ohne Funktelefon

Und immer wieder fanden sich Wintersport-Enthusiasten, um noch wenig bekannte Gebiete für den Skisport zu erschließen. Überliefert ist der Erkundungsausflug eines Zittauer Professors zu Bieleboh und Czorneboh auf Brettern. Der Mann wählte den Bahnhof Beiersdorf als Ausgangspunkt, schließlich hielt dort damals die Schmalspurbahn Taubenheim–Dürrhennersdorf. Er berichtete von Telemark-Schwüngen auf den Bieleboh-Wiesen und vom beschwerlichen Aufstieg auf den Czorneboh.

Dort wurde er von den Wirtsleuten als seltener Skigast begrüßt. Da es an jenem Tage sehr kalt war, begegnete ihm unterwegs keine Menschenseele. Aber auch ohne Funktelefon war er für eine Notsituation gerüstet. „Eine glücklicherweise nicht benötigte, weithin vernehmbare Signalpfeife war mein einziges Rettungsmittel, um im Falle eines Sturzes oder sonstigen Unglücks auf mich aufmerksam zu machen und mich vor Erfrieren zu schützen“, schrieb er in sein Tagebuch.

Ja, die Oberlausitz hatte das Wintersport-Fieber gepackt. Die Pionierarbeit, die der Zittauer Skiklub und andere Vereine vor 80 und mehr Jahren leisteten, hat inzwischen reichlich Früchte getragen. Sich daran zu erinnern, ist nicht verboten, wenn man in diesem Winter auf dem Skiwanderweg „Zittauer Gebirge“ zwischen Weberberg und Lückendorf oder auf anderen Loipen unterwegs ist. Wie gesagt: Wenn Frau Holle mitspielt.