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Mittwoch, 03.01.2018

Mit Großaufträgen in die Pleite

Waggonbau Niesky meldet Insolvenz an. Bekommen jetzt chinesische Interessenten ihre Chance?

Von Georg Moeritz

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Mitarbeiter in der Produktion der Waggonbau Niesky GmbH (Archivfoto).
Mitarbeiter in der Produktion der Waggonbau Niesky GmbH (Archivfoto).

© dpa

Ein Schock für die Waggonbauer am ersten Arbeitstag nach den Werksferien – aber der Betriebsratsvorsitzende Peter Jurke trägt die Sorge schon länger mit sich herum. Als die Mitarbeiter des größten Industriebetriebs in Niesky am Dienstag zur Belegschaftsversammlung gerufen werden, da hat sich Jurke schon ein halbes Jahr lang Gedanken wegen einer möglichen Insolvenz gemacht. In den Betrieb sei kaum noch investiert worden, sagt Jurke. Bestellungen bei Lieferanten in China und der Türkei hätten die Produktion verzögert. Nun verkündet Geschäftsführer Eduard Janßen, das Unternehmen habe Insolvenzantrag gestellt.

Es ist der dritte Tiefschlag gegen die Wirtschaftsregion Görlitz in kurzer Zeit. Siemens hat angekündigt, seine Turbinenproduktion in Görlitz mit fast 1 000 Arbeitsplätzen im Jahr 2023 zu beenden. Im Bombardier-Waggonbauwerk Görlitz sollen von 1 900 Mitarbeitern 800 gehen, bis Ende 2019. Nun droht auch noch dem WBN Waggonbauwerk Niesky GmbH mit rund 320 Beschäftigten und 100 Leiharbeitern das Geld auszugehen. Geschäftsführer Janßen sagt, in diesem Quartal drohe Zahlungsunfähigkeit. Daher habe er Insolvenzantrag stellen müssen.

Das Amtsgericht Dresden bestellt den Dresdner Anwalt Jürgen Wallner zum vorläufigen Insolvenzverwalter. Als die SZ ihn erreicht, hat er gerade erst davon erfahren. Wallner ist klar, dass der Waggonbau „kein unwichtiger Arbeitgeber in der Region“ ist. Nach seinem Telefonat mit Geschäftsführer Janßen kann er nur andeuten, dass sich wohl internationale Interessenten für den Betrieb an der Neiße finden werden.

Seit der Wende hat die Fabrik mit Spezialgebiet Autotransporter und Schiebewandwagen mehrmals den Besitzer gewechselt. Seit 2014 haben Münchner Finanzinvestoren das Sagen: Quantum Capital Partners nennt sich die Firmengruppe um Geschäftsführer Steffen Görig. Sie kaufte voriges Jahr auch das Eisenbahnwerk Eberswalde, übernahm dort 210 von 320 Mitarbeitern – aber wenige Monate später ging die Firma pleite. Der Insolvenzverwalter für das Werk Eberswalde, Falk Eppert, schrieb in einer Pressemitteilung, dort seien nicht die nötigen Mittel für den Fortbestand zur Verfügung gestellt worden.

„Das Ganze stinkt“

Ähnliche Vorwürfe erhebt nun im Fall Niesky die Industriegewerkschaft Metall. Jan Otto als Bevollmächtigter für Ostsachsen hat schon Proteste bei Siemens Görlitz mitorganisiert. An diesem Dienstag nun fährt der Gewerkschafter zur Belegschaftsversammlung der Nieskyer Waggonwerker und hat den Eindruck: „Das Ganze stinkt.“

Die SZ erreicht Quantum-Chef Görig nicht, aber im jüngsten veröffentlichten WBN-Geschäftsbericht für 2015 finden sich Anhaltspunkte: Damals entnahmen die Münchner Besitzer aus der Kapitalrücklage des Nieskyer Unternehmens erst drei Millionen, dann noch einmal fünf Millionen Euro. Das Recht dazu hatten sie, sagt WBN-Geschäftsführer Janßen, der erst seit Herbst im Amt ist. Doch er wünsche dem Betrieb künftig Investoren, die sich mit dem Bahngeschäft identifizieren und keine überzogenen Erwartungen an die Rendite in diesem Geschäft haben. Die Kosten für den Bau der Salztransportwagen seien hoch gewesen. 315 Spezialwaggons für den Eurotunnel waren der größte Auftrag der Firmengeschichte – nicht sehr gewinnbringend, aber mit Aussicht auf Folgeaufträge.

Aufträge mit weniger als fünf Prozent Gewinn werden nicht angenommen – diesen Grundsatz schrieben die Chefs in den Geschäftsbericht für 2015. Sie zeigten sich stolz auf Preisverhandlungen mit den Lieferanten und auf einen WBN-Tarifvertrag, dessen Löhne 28 Prozent unter Sachsens Metalltarifvertrag liegen. Inzwischen aber versuchten sie wohl, WBN wieder loszuwerden. Laut Janßen haben chinesische Interessenten den Betrieb besichtigt, ein Treffen in China aber wurde im Herbst „einen halben Tag vorher“ abgesagt. Bei den chinesischen Interessenten seien deren Chefs plötzlich nicht mehr zuständig gewesen.

Quantum hat schon einmal ein Unternehmen an Chinesen verkauft: Den Bahnzulieferer Mdexx gaben die Münchner voriges Jahr an Lince in Zhuzhou weiter. Für Sachsen wäre es auch nicht das erste Mal, dass ein Unternehmen aus der Bahnbranche in chinesische Hände kommt: Der Ingenieurbetrieb Cideon in Bautzen gehört zum Bahnbaukonzern CRCC China Railway Construction Corporation. Für Bahnhersteller auf der ganzen Welt interessiert sich auch der Staatskonzern CRRC China Railway Rolling Stock Corporation.

Gewerkschafter Otto ärgert sich zwar über die bisherigen Besitzer des Waggonbaus Niesky, freut sich aber über die Gläubiger: Die beiden größten Kreditgeber haben nach seinen Angaben den Kontakt zur Gewerkschaft gesucht, wollen den Betrieb erhalten und die Fortführung sichern.

Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) sagt, er sehe in der Insolvenz auch „eine Chance für einen Neustart des Unternehmens“. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sagt: „Die Auftragslage für das Unternehmen ist nicht schlecht, daraus muss jetzt eine tragfähige wirtschaftliche Basis geschaffen werden. Wenn der Freistaat Sachsen dabei helfen kann, werden wir das tun.“

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 13 Kommentare

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  1. Schwejk

    @ Jammer-Kommentare: und der Betriebsrat? "...da hat sich Jurke schon ein halbes Jahr lang Gedanken wegen einer möglichen Insolvenz gemacht." - und, Ergebnisse? Finanzinvestoren sind in der Regel stark renditeorientiert und agieren mitunter wie Heuschrecken, alles bekannt. Warum reagiert ein Betriebsratsvorsitzender dann nicht eher? Für alle, die liebend gern die "wessihafte Bevormundung" aus den Chefetagen loswerden wollen: selten ist eine Chance günstiger, dass die vielbesungenen "bestens qualifizierten" und vernetzten "Ossis" ihren Hut in den Ring werfen und sich für die Fortsetzung der Traditionsfirma in der Heimatregion engagieren! Die Auftragsbücher sind voll und zwei grosse Kreditgeber halten die Treue!! Auf denn, worauf warten? Auf Geld aus China und Abfluss von Know-how? Klar, wäre sicher der einfachere Weg - und in 5 Jahren? Jammert ruhig weiter. Der Staatsregierung kann man nur vorwerfen, den StrukturWANDEL auszusitzen. Firmensubventionen wären das falsche Signal.

  2. Felix

    Es sind zwei Dinge aus dem Artikel, die ich mindestens für bedenklich halte: "Bestellungen aus China und der Türkei hätten die Produktion verzögert." Und es gibt einen chinesischen Interessenten - hm, ist hier evtl. Absicht im Spiel? Und: "Damals entnahmen die Münchner Besitzer aus der Kapitalrücklage des Nieskyer Unternehmens erst drei Millionen, dann noch einmal fünf Millionen Euro." Was sollte das? Und was machen die Münchner jetzt? Das ist Raubtierkapitalismus pur. Es ekelt mich einfach nur an.

  3. Lysarion

    @ Western pacific - ich habe bewusst Gerücht geschrieben. Ich habe es bereits mehrfach gehört, jedoch selber keine Beweise gesehen. Und es würde für einen konzentrieren strategischen Ansatz Chinas sprechen, die Bahnindustrie Ostsachsens zu übernehmen/auszuschalten. Das halte ich für nachdenkenswert.

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