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Dienstag, 17.04.2018

Mit dem Laser gegen Krampfadern

Eine neue Methode erspart Patienten die Narkose. Doch sie ist teuer und umstritten. Und nicht alle Kassen bezahlen sie.

Von Steffen Klameth

Wer schön sein will, muss nur ein bisschen leiden: Dr. Andreas Ulbrich behandelt am Freitaler Klinikum eine Patientin mit dem Laser.
Wer schön sein will, muss nur ein bisschen leiden: Dr. Andreas Ulbrich behandelt am Freitaler Klinikum eine Patientin mit dem Laser.

© ronaldbonss.com

Die Wände sind mit warmen Farben gestrichen, Landschaftsfotos lenken den Blick auf sich, rechter Hand steht eine Liege. Der Raum erinnert eher an eine Physiotherapie denn an einen OP-Raum – und genau das ist so gewollt: „Wir möchten den Patienten eine Wohlfühlatmosphäre vermitteln“, sagt Dr. Andreas Ulbrich. In der sogenannten Laserlounge des Klinikums Freital behandelt er Menschen, die unter Krampfadern leiden.

Krampfadern bzw. Varizen sind knotenartige Wölbungen, die vor allem an den Waden und den Innenseiten der Beine auftreten. Das Blut staut sich in den Venen, die Venen schwellen an. Häufig schimmert das Blut durch die Haut. Über die Häufigkeit gehen die Angaben auseinander. Manchen Schätzungen zufolge ist jeder fünfte Erwachsene davon betroffen, bei anderen ist es sogar jeder dritte.

Für viele Menschen sind Krampfadern vor allem ein kosmetisches Problem. Tatsächlich könne sich dahinter aber auch eine ernsthafte Erkrankung verbergen, erklärt der Chemnitzer Chirurg Dr. Matthias Schwalbe: „Durch Krampfadern können Geschwüre im Unterschenkel entstehen.“ Schwere und schmerzende Beine, juckende Haut und gelegentliche Wadenkrämpfe sind Symptome, die sich mit der Zeit verstärken können. Bei solchen Beschwerden sollten Betroffene einen Arzt aufsuchen, rät Schwalbe. Mithilfe einer Ultraschall-
untersuchung kann die Krankheit diagnostiziert werden.

Bestätigt sich der Verdacht, werden Ärzte in der Regel zunächst das Tragen von Kompressionsstrümpfen empfehlen. Die Strümpfe üben Druck auf die Venen aus und unterstützen so die Muskeln beim Bluttransport. Allerdings wird die Krankheit damit nicht geheilt. Wenn die Beschwerden anhalten, ist ein Eingriff unvermeidlich.

Die Standard-OP ist das Venenstripping: Dabei werden meist unter Voll- oder Rückenmarksnarkose zwei Schnitte am Bein gesetzt, die Verbindungen zum übrigen Blutkreislauf verschlossen und die betroffene Vene komplett herausgezogen. Alternativ kann die Vene auch in mehreren Teilen entfernt werden. In den allermeisten Fällen erfolgt die Operation ambulant, und Patienten können noch am selben Tag wieder nach Hause gehen.

Auch am Freitaler Klinikum, das zum Helios-Konzern gehört, war das Stripping lange Zeit die Methode der Wahl. Bis Gefäßspezialist Andreas Ulbrich nach Freital wechselte und die Lasertherapie einführte. 2017 verdoppelte sich an dem Klinikum die Zahl der Krampfader-Behandlungen binnen eines Jahres auf mehr als 300; über die Hälfte davon wurden mit dem Laser ausgeführt. Und dieser Trend hält an.

Schneller auf den Beinen

Bei der Lasertherapie (endovenöse Laserablation) wird eine Lasersonde in der betroffenen Vene bis zum Knie beziehungsweise zur Leiste vorgeschoben. Die dabei erzeugte Wärme versiegelt die Vene. Ähnlich funktioniert die Radiofrequenzablation; dabei wird die Wärme durch elektromagnetische Wellen erzeugt. „Die Lasertherapie ist für den Patienten schonender, die Narkose bleibt ihm erspart, und man ist schneller wieder fit“, zählt Ulbrich die Vorteile auf.

Auch für die Kliniken und Ambulanzen zahlt sich der Einsatz der modernen Technik aus. Während sie für das Stripping zwischen 350 und 650 Euro abrechnen können, ist bei der Laserbehandlung deutlich mehr drin. Die Deutsche Gesellschaft für Phlebologie schlägt vor, dafür etwa 1 350 Euro zu berechnen. Dabei sind insbesondere die Anschaffungskosten für das Lasergerät zu berücksichtigen. Der Haken: Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten gemäß Leistungskatalog nur für das Stripping. Die Lasertherapie ist eine Selbstzahlerleistung.

Zumindest theoretisch. Denn die Praxis sieht anders aus. „Die Laserbehandlung wird in der Regel von den Krankenkassen vollständig bezahlt“, sagt Dirk Köcher, Geschäftsführer der Helios Weißeritztal-Kliniken. „Nur einige wenige Krankenkassen übernehmen die Kosten überhaupt nicht.“ Eine SZ-Umfrage unter den großen Kassen in Sachsen bestätigt diese Aussage. Demnach schließt von den angeschriebenen Kassen nur die Barmer eine Kostenübernahme kategorisch aus: „Die Methode wurde vom Gemeinsamen Bundesausschuss bislang noch nicht bewertet, daher können wir die Kosten nicht übernehmen“, sagt Referentin Caroline Marx.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) besteht aus Vertretern von Ärzteschaft, Krankenhäusern und Krankenkassen. Das Gremium entscheidet, welche medizinischen Leistungen von der gesetzlichen Krankenversicherung erstattet werden müssen. Voraussetzung ist, dass die Methoden oder Leistungen für eine ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche Versorgung der Versicherten erforderlich sind. Die Lasertherapie zur Behandlung von Krampfadern sei bisher nicht bewertet worden, teilte der GBA auf Anfrage mit. Es liege auch kein solcher Antrag vor.

Weil der Trend aber wohl nicht mehr aufzuhalten ist, beschäftigten sich jetzt Wissenschaftler des IGeL-Monitors mit dieser Frage. Die Internetplattform bewertet im Auftrag des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen regelmäßig Gesundheitsleistungen, für die Patienten grundsätzlich selbst zahlen müssen. Dazu analysierten sie sieben Übersichtsarbeiten und vier neuere Studien, die Nutzen und Schaden der Laserbehandlung mit denen der Operation verglichen haben.

Beim Nutzen ging es zum Beispiel darum, welche Behandlung zu weniger neuen Krampfadern führt und welche Behandlung die Patienten schneller wieder fit für die Arbeit macht. Dabei zeigte sich, dass die Lasertherapie insgesamt nicht besser, aber auch nicht schlechter als die Operation abschneidet. Als mögliche Schäden wurden unter anderem Schmerzen und Wundinfektionen untersucht. Auch hier zeigte sich, dass beide Verfahren gleich viele Nebenwirkungen haben. Unterm Strich bewertet der IGeL-Monitor die Laserbehandlung als „unklar“. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil es bei der letzten Bewertung aus dem Jahr 2012 noch das Urteil „tendenziell positiv“ gab – insbesondere wegen geringerer Nebenwirkungen. Ein Grund für die Abwertung könnte nach Aussage der Autoren sein, dass damals nur Studien über Patienten vorlagen, die maximal zwei Jahre lang beobachtet wurden. Jetzt ging die Nachbeobachtungszeit bis zu fünf Jahre.

Allerdings hat der Fortschritt auch vor der Lasertechnik nicht haltgemacht. „In den Studien wurden keine der heute üblichen Lasergeräte der zweiten und dritten Generation verwendet, was die Aussagekraft der Bewertung schwächt“, räumen die Autoren vom IGeL-Monitor selbst ein. Es könne also sein, dass die neuen Geräte im Vergleich besser abschneiden würden. Am Freitaler Klinikum ist man davon überzeugt, auch aufgrund eigener Erfahrung: „Wir nutzen die neuesten Lasergeräte“, betont Chefarzt Hans-Joachim Florek.